Wir erinnern uns, dass beim verständigen Erkennen bzw. Denken Unterschiedliches voneinander geschieden wird und Abstraktionen stattfinden. Angemessene Differenzierungen und Abstraktionen sind aber nicht grundsätzlich falsch, sondern sie sind „ein notwendiges Moment des vernünftigen Denkens“ (HW 10: 286). Zur Vernunft kommt der Verstand aber erst, wenn die Abstraktion aufgegeben wird und die inneren und äußeren Differenzen der jeweiligen Bestimmungen inhaltlich konkret begriffen werden. Das Wort „begriffen“ verweist nicht zufällig auf die von Hegel besonders hervorgehobene „Begriffslogik“, die die höchste Stufe der Logik nach dem Durchlaufen der Seins- und Wesenslogik darstellt (vgl. Schlemm 2002 und Schlemm 2005: 133ff.).

Zeigen wir das an einem Beispiel:

Wir wollen einen bestimmten Gegenstand begreifen (den ich in der Abbildung mit „Etwas“ bezeichnet habe). In der ersten Erkenntnisstufe ist es noch völlig getrennt von Anderem, d.h. entweder sinnlich wahrgenommen oder auch als mit sich identisches, aber beziehungslos Gedachtes (1.). Wenn wir nun Beziehungen zu Anderem mit hinzudenken, befinden wir uns im Reicht des Verstandes. Das „Etwas“ ist eine Rose und diese ist „rot“. Die allgemeine Farbbezeichnung „rot“ wird in Bezug auf die einzelne „Rose“ gesetzt. Wir können die Rose als „das Rote dort drüben“ oder das Rote als „wie diese Rose hier“ näher bestimmen.

„Die Tätigkeit des Verstandes besteht überhaupt darin, ihrem Inhalt die Form der Allgemeinheit zu erteilen, und zwar ist das durch den Verstand gesetzte Allgemeine ein abstrakt Allgemeines, welches als solches dem Besonderen gegenüber festgehalten […] wird.“ (HW 8: 169)

Dabei kann eine Rose aber auch weiß sein und etwas anderes als eine Rose kann rot sein.

Anders bei einem anderen Beispiel, dem Leben: Der einzelne lebende Organismus ist unmittelbar wahrnehmbar (1.). Wenn wir genauer über den Prozess des Lebens nachdenken, fällt uns auf, dass Leben im Gegensatz zum Tod steht: „Der lebendige Körper steht immer auf dem Sprunge, zum chemischen Prozess überzugehen: Sauerstoff, Wasser, Salz will immer hervortreten, wird aber immer wieder aufgehoben […].Das Lebendige begibt sich immer in Gefahr, hat immer ein Anderes an ihm, verträgt aber diesen Widerspruch, was das Anorganische nicht kann.“ (HW 9: 338). Lebendes wehrt sich gegen den Tod, der Tod ist das Ende des Lebens -beide Seiten negieren sich (2.). Erst wenn wir das Lebendige als Prozess der Aufeinanderfolge der Generationen begreifen, erweisen sich Leben und Tod als notwendige Bestandteile dieses Prozesses (3.). Während der Verstand auf je einer Seite des Gegensatzes stehen bleibt und zwar eine Beziehung zum Gegenüber sieht, aber nur eine negative und damit den Gegensatz festhält, begreift die Vernunft den übergreifenden Prozess, der beide Gegensätze erst hervorbringt. Die vorher als fest angenommenen Gegensätze sind „vielmehr an und für sich selbst das Übergehen“ (HW6: 560).

„Solche festgewordene Gegensätze aufzuheben, ist das einzige Interesse der Vernunft. […].Vernunft setzt sich gegen das absolute Fixieren der Entzweiung durch den Verstand.“ (HW 2: 21,22)

Begriffen ist deshalb etwas erst, wenn es als widersprüchliche Einheit seiner differenzierten Momente verstanden wird. Dabei ist zu zeigen, inwiefern die Differenzen nicht beliebig sind, sondern genau jene Differenzen sind, die (inhaltlich konkret) aus der Einheit selbst notwendigerweise folgen. Indem gesehen wird, wieso die Einheit selbst die Grundlage für die Differenzierung ist, stehen die vorher differenzierten Momente nicht mehr (abstrakt) unvermittelt nebeneinander, sondern sind in ihrer (konkreten) Vermittlung begriffen. Bei dem Beispiel mit der roten Rose wäre zu fragen, ob diese Rosensorte nur in der roten Farbe vorkommt. Dann ist die Röte der Rose in ihrem Wesen verankert – wenn die Rose dagegen auch andere Farben annehmen kann, liegt nur ein äußerer, zufälliger Zusammenhang vor.
Wenn man sagt, Dialektik ist das Denken in Beziehungen und Zusammenhängen, so ist hier noch genauer zu unterscheiden. Wenn wir lediglich nacheinander von jeder Seite her, die als fest angenommen wird, das jeweils Andere betrachten, so können wir zwar den jeweiligen Zusammenhang zum Anderen verstehen. Aber wir können noch nicht den diese Hin- und Herbewegung konstituierenden gemeinsamen Prozess (vernünftig) begreifen. Es muss von einer äußeren Reflexivität noch der Schritt zur Selbstreflexivität gemacht werden.

Wenn wir etwas verstehen wollen, genügt es, es aus äußeren Ursachen abzuleiten (Entstehungsbedingungen, Umstände…). Das vernünftige Begreifen zielt jedoch auf die Erklärung aus sich selbst heraus ab, auf den inneren Zusammenhang, die inneren Struktur, aus der heraus sich die einzelnen Momente erklären. Jedes dieser Momente ist dann nicht nur äußerlich an das andere gebunden, sondern es ist selbst identisch mit seinem Gegenteil.

„Das was existiert, soll nicht nur einfach als existierend, als rein zufällig betrachtet werden, sondern vielmehr als die Manifestation eines durch und durch systematischen Netzes notwendiger Beziehungen.“ (Taylor 1998: 338)

Wenn wir eine Rose auch nur ansatzweise begreifen wollen, genügt es nicht, sie als „rot“ zu beschreiben, sondern wir müssen sie als notwendigen Bestandteil des entsprechenden ökologischen Netzwerkes verstehen oder von innen heraus als konkrete Ausformung der genetischen Anlagen unter den jeweils gegebenen Bedingungen. Zusammenfassend kann man mit Hegel das Verhältnis von Verstand und Vernunft folgendermaßen ausdrücken:

„Der Verstand bestimmt und hält die Bestimmungen fest; die Vernunft ist negativ und dialektisch, weil sie die Bestimmungen des Verstands in nichts auflöst; sie ist positiv, weil sie das Allgemeine erzeugt und das Besondere darin begreift.“ (HW 5: 16)


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