Es gibt zwei Trends in der Debatte über das Verhältnis zwischen Menschen und Natur, bei denen jeweils die eine Seite des Verhältnisses der anderen übergeordnet wird. Manche Konzepte sehen das menschliche Wirken lediglich als Teil von übergeordneten natürlichen Prozessen (Tjaden nennt als Beispiel Erich Jantsch) – andere sehen die Natur nur als „äußere Natur schlechthin“, also lediglich als Vor- und Randbedingung für die gesellschaftliche Entwicklung der Menschen (Tjaden nennt Erich Hahn).

Demgegenüber bestimmt Tjaden das Verhältnis zwischen Menschen und Natur als Widerspruch, das heißt Mensch(en) und Natur bilden (zumindest seit der Existenz der Menschheit) eine „fortdauernde naturwüchsige Einheit und […] grundständige[n] geschichtsträchtige[n] Gegensatz“ (Tjaden 1992: 26).

Den Kern des Verhältnisses bildet immer die Beziehung zwischen menschlichen Lebensbedürfnissen und den natürlichen bzw. erzeugten Lebensbedingungen. Die natürlichen Bedingungen sind dauernde Grundlage der menschlichen Entwicklung – und der Widerspruch zwischen Bedürfnissen und Bedingungen ist ebenfalls naturgeschichtlichen Ursprungs (28).

(Zum Verhältnis von Bedingungen und Bedürfnissen
siehe auch schon die Kommentare zum letzten Beitrag)

Die Arbeit

Widersprüche haben jeweils eine Bewegungsform; sie prozessieren. Die Bewegungsform des Widerspruchs zwischen menschlichen Lebensbedürfnissen und Bedingungen ist die Arbeit. Es gibt andere Definitionen für „Arbeit“ – wir verwenden hier und im Folgenden diese Bedeutung: Arbeit ist die „Handhabung und Fortsetzung eines widersprüchlichen Naturverhältnisses zwischen menschlichen Lebewesen und außermenschlicher Biosphäre“ (ebd.: 27), bei welcher im gesamtgesellschaftlichen Maßstab Güter zum Zwecke der Bedürfnisbefriedigung hergestellt werden.

Arbeit ist damit „Vermittlung, Regelung und Steuerung des grundlegenden und durchgängigen Zusammenhangs von (sich herausbildenden bzw. verselbständigten) menschlichen Lebewesen und (sich verändernder bzw. eigenmächtiger) außermenschlicher Biosphäre“ (ebd.: 33)

In der Arbeit legen die Menschen ihren Willen in den Stoff- und Energieaustausch. Sie haben nicht nur die Möglichkeit, sich den vorgegebenen Lebensbedingungen anzupassen, sondern sie können die Lebensbedingungen bewusst den gesellschaftlichen und individuellen Lebensnotwendigkeiten gemäß verändern (Holzkamp-Osterkamp 1990: 211f.).

Sie stehen dabei ihrem Produkt „frei gegenüber“ (MEW 40: 517), d.h. sie können nicht nur unmittelbar Gebrauchsgüter zur Bedürfnisbefriedigung herstellen, sondern auch Mittel für die weitere Arbeit. (Klaus Holzkamp (1983: 173) beschreibt die Bedeutung der „Zweck-Mittel-Verkehrung“ bei der Entstehung der Arbeit. Vgl. dazu bei Tjaden S. 74.)

Mehr zur Arbeit

Gesamtgesellschaftliche Arbeit als Reproduktion

Arbeit findet gemeinschaftlich statt und ist zweckgerichtet. Die gemeinschaftliche, zweckgerichtete Tätigkeit konstituiert eine Gesamtheit, die als Gesellschaft bezeichnet werden kann. Gesellschaft als „System gesellschaftlicher Reproduktion“ (ebd.: 13) geht aus „den Beziehungen der arbeitenden Menschen zueinander und zur bearbeiteten Natur, aus den arbeitsvermittelten familialen Beziehungen der Menschen zu sich selber und aus der Arbeit der Gesamtgesellschaft im Verhältnis zur Natur an sich“ hervor (ebd.: 15).

Die einzelnen Arbeiten von Menschen und Menschengruppen erzeugen nicht nur die benötigten Güter, sondern in ihnen bilden sich spezifische soziale Beziehungen. Die Formen, in denen die natürlichen Voraussetzungen der Arbeit angeeignet werden, in denen die Arbeit organisiert wird und die Produkte verteilt werden, sind aufeinander abgestimmt. Sie bilden eine Art Infrastruktur und Rahmenbedingungen für das individuelle Handeln. Durch das Handeln der einzelnen Menschen wird neben dem unmittelbaren Produkt das übergreifende Ganze der menschlichen Gesellschaft hergestellt und dies in fortdauernder Weise.

Letztlich übergreifen die gesellschaftlichen Strukturen schon in zeitlicher Hinsicht alle individuellen oder unmittelbar-interaktiven Handlungen von Menschen. Zu unterscheiden sind dabei gesellschaftliche Strukturen, die sich gegenüber dem Handeln der Menschen derart verselbständigen, dass sie nur mit gesamtgesellschaftlichen Umbrüchen veränderbar sind und solchen (hoffentlich zukünftig existierenden) gesellschaftlichen Strukturen, die einer beständiger Selbstbestimmung der Menschen in ihren Lebens- und Produktionsgemeinschaften bedürfen, die sich deshalb nicht derart verselbständigen können. Aber auch in solchen Verhältnissen besteht die menschliche Zivilisation nicht nur aus der Summe der Beziehungen der Individuen und Gemeinschaften, sondern diese sind eingebettet in gesamtgesellschaftliche Funktionsprinzipien, die genau diese Selbstbestimmung ermöglichen. (Der letzte Absatz kommt nicht von Tjaden, sondern ist eine Einfügung von mir zum Thema „Gesellschaft“. Der Horizont der Gesamtgesellschaft wird im Weiteren verwendet.).

Die Produktion hat ursprünglich direkt das Ziel der Reproduktion des Individuums bzw. der Gemeinschaft. Zu diesem Zweck (also der Reproduktion) wird produziert. Produktion besteht in der „Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen durch menschliche Arbeit, in der menschliche Arbeitsvermögen sowie Kräfte und Stoffe aus weiteren Quellen genutzt und umgewandelt und Arbeitsgegenstände be- und verarbeitet werden, so daß die genannten Produkte sowie eine große Vielfalt stofflicher und energetischer Abprodukte entstehen.“ (Tjaden 2010)

Letztlich werden durch die Produktion die verausgabte Arbeitskraft, vernutzte und aufgebrauchte Produktionsmittel und auch zum Teil Naturmittel der Produktion reproduziert. Produktion ist also auch Reproduktion – und dies „je nach Produktionsweise und Gesellschaftsform auf verschiedene Weise und in verschiedenem Ausmaß“ (Tjaden 1992: 30).

Wenn Tjaden von „gesamtgesellschaftlicher Reproduktion“ spricht, so meint er damit, dass „man die besonderen gesellschaftlichen Arbeitstätigkeiten in bezug auf die Generation und Regeneration menschlichen Lebens sowie die allgemeinen gesellschaftlichen Arbeitstätigkeiten in bezug auf die Generation und Regeneration von Naturreichtümern in die gesellschaftliche Reproduktion einbezieht“ (ebd.: 193). Dabei wird also die Bevölkerung über die Reproduktion der verwendeten Arbeitskräfte hinaus und auch der Naturhaushalt über die Reproduktion der verbrauchten Naturmitteln hinaus reproduziert (ebd.: 31).

Wir wissen, dass die Art und Weise und auch das Ausmaß der Realisierung der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion in den unterschiedlichen Gesellschaftsformationen unterschiedlich ist. Tjaden entwickelt dafür insbesondere den begrifflichen Unterschied zwischen einer „produktiven“ und einer „reproduktiven Effektivität“ (siehe weiter unten).


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