In dem Buch von Tjaden wird jener Zweig der menschlichen Entwicklung nachgezeichnet, der ausgehend von Urgesellschaften bis hin zum entwickelten Kapitalismus geführt hat. Dabei verweist er auch darauf, dass diese Entwicklungslinie nicht als allgemeingültiges Schema für alle Kulturen gilt. Auch Marx hat die verschiedenen Gesellschaftsformationen als Entwicklungsstufen „in der Geschichte der Menschheit“, nicht als Stufen „der“ Entwicklung der Menschheit gekennzeichnet (MEW 6: 408).

Tjaden versteht die Geschichte als „zufallsvermitteltes Wechselspiel“ der menschlichen Lebewesen in der außermenschlichen Biosphäre, wobei „als Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt“ (Engels MEW 37: 463). Die Grundlage des geschichtlichen Formwandels ist die Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeit, wobei der Übergang zu neuen Stufen der Formationen meist angeregt wird durch die Notwendigkeit der „Bewältigung von Problemen gesellschaftlicher Reproduktion“ (Tjaden 1992: 180).

„Bewältigung von Problemen gesellschaftlicher Reproduktion“ (Tjaden 1992: 180).
Dies ist für Marx und Engels natürlich nichts Unbekanntes, auch sie forderten, daß „alle Geschichtsschreibung […] von diesen natürlichen Grundlagen und ihrer Modifikation im Laufe der Geschichte durch die Aktion der Menschen ausgehen“ muss (MEW 3: 21), wobei sie selbst „hier natürlich weder auf die physische Beschaffenheit der Menschen selbst noch auf die von den Menschen vorgefundenen Naturbedingungen […] eingehen“ wollten. (Eine neuere Quelle für derartige Untersuchungen bietet Jared Diamonds Buch „Arm und reich“).

Mit der Einbeziehung der Betonung der Reproduktionsprobleme folgt Tjaden nicht einfach der Formel von den „Produktivkräften, die die Fesseln der Produktionsverhältnisse sprengen“, sondern er arbeitet heraus, dass es jeweils spezifische Reproduktionsprobleme waren, die ein Weitermachen in gewohnter Weise nicht mehr zuließen und von denen aus auf der Grundlage des bis dahin Erarbeiteten neue gesellschaftliche und Produktionsformen gefunden wurden (Tjaden vermeidet dabei verallgemeinernde Aussagen, wie ich sie hier äußere). Dabei sind bei den wichtigen Schritten eher weniger die nur innergesellschaftliche Auseinandersetzungen entscheidend, sondern neben den ökonomisch-sozialen Formen wirkt die jeweilige „Eigenart der materiell-praktischen Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur“ (ebd.: 158) eine maßgebliche Rolle.

Wir können das – nach dem Ausflug in die Philosophie von Möglichkeit und Wirklichkeit im vorigen Abschnitt -auch leicht verstehen: Im Verlaufe der ständigen Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens werden jene Bedingungen verändert, die dieser Reproduktion zugrunde liegen (Zur grundlegenden Rolle der Bedingungsveränderung in Entwicklungsprozessen siehe auch Schlemm 1996). Das sind – in unserer erweiterten Betrachtung – jetzt nicht bloß die „Produktivkräfte“ (die sich im Gegensatz zu den erst einmal unveränderten Produktionsverhältnissen entwickeln und darüber hinausschießen), sondern es geht um das gesamte „produktive Potential“, also das „Wirkungsvermögen, die in der jeweiligen Bevölkerung und dem jeweiligen Naturhaushalt enthalten sind“ (Tjaden 1992: 15), das als Bedingung für die Prozesse und notwendige qualitative Veränderungen wirkt. Diese Bedingungen enthalten die Momente, die Fortschritte ermöglichen (entfaltete Fähigkeiten und Bedürfnisse von Menschen, vergegenständlichte Leistungen in Form von Infrastruktur, Produktionsmitteln und Wissensinhalten etc.) ebenso wie Momente, die das Fortführen der bisherigen Prozessformen unmöglich machen (Aufbrauchen von Ressourcen, Schädigungen der Grundlagen etc.).

Das Reden von der „Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“ präzisiert sich damit in einer Weise, die die (wieder) wachsende Bedeutung der Naturbedingungen einbezieht: Es geht um die Einheit und den Gegensatz von produktivem Potential und Gesellschaftsform.

Die Gesamtentwicklung auf der genannten Entwicklungslinie kann gedeutet werden als „Progreß von Phasen, und – innerhalb der ökonomischen Formation – von Epochen mit dem Ergebnis der Spezifizierung ihrer Effektivität.“ (ebd.: 108). Tjaden unterscheidet drei grundlegende Formationstypen, wobei sich die mittlere in weitere Formationen unterteilt. Das folgt ungefähr der Einteilung in „urgesellschaftlich-klassenlos“ – „Klassengesellschaften“ – „kommunistisch klassenlos“. Tjaden unterscheidet die (urgesellschaftliche) „primäre Form“, die (klassenantagonistische) sekundäre Formation und die (gemeinwirtschaftliche) tertiäre Formation (Tjaden 1992: 92; zu verschiedenen Gliederungsprinzipien bei Marx siehe auch Pasemann 1978, Küttler 1978). In der primären Formation ist die Gesellschaft überwiegend nach Abstammungsprinzipien organisiert (gentilistisch), während die sekundäre Formation als „ökonomisch formierte Gesellschaftsformation“ gilt. Das heißt, dass hier und nur hier die Arbeit als „Produktion um der Produktion willen“ durchgeführt wird. Erst in der nachkapitalistischen tertiären Formation endet dieses produktivistische Prinzip und die politisch organisierte Zwecksetzung bestimmt die Arbeit.

Insbesondere in den klassengespaltenen Gesellschaften bewirkt nach Tjaden folgendes Entwicklungsmuster die Aufeinanderfolge der unterschiedlichen Produktionsweisen:

„Nach der Etablierung einer neuen Produktionsweise bewährt sich die neue Weise der Mehrproduktabpressung zunächst als Mittel der Umsetzung zuvor mobilisierter und spezifischer Kräfte des produktiven Potentials dieses Territoriums in gesteigerte Produktivität gesellschaftlicher Arbeit. (hier geht’s weiter…)

Diese Schilderung entspricht auch den historischen Studien von Karl Hermann Tjaden (meist zusammen mit Margarete Tjaden-Steinhauer). Sie ist breiter gefasst als die Vorstellungen der lediglich innergesellschaftlichen Widersprüchlichkeit zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Letztlich war Marx und Engels die nun stärker in den Mittelpunkt gerückte Problematik auch schon bewusst:

„Die Produktivität der Arbeit ist auch an Naturbedingungen gebunden, die oft minder ergiebig werden im selben Verhältnis, wie die Produktivität […] steigt. Daher entgegengesetzte Bewegung in diesen verschiednen Sphären, Fortschritt hier, Rückschritt dort. Man bedenke z.B. […] Erschöpfung von Waldungen, Kohlen- und Eisenbergwerken.“ (MEW 25: 270)

Als allgemeines Entwicklungsprinzip kann also gelten, dass die Menschen in ihrer jeweiligen Gesellschaft sich und die Gesellschaft und langfristig auch die natürlichen Potentiale reproduzieren (müssen). Dabei verändern sie die Bedingungen ihres Tuns und spätestens durch diese Bedingungsveränderung werden sie veranlasst, jeweils neue Formen ihrer gesellschaftlichen Organisierung zu entwickeln, die mit den veränderten Bedingungen besser zurecht kommt. Dabei erweitern sie tendenziell die Basis ihrer Möglichkeiten (das was früher unter „Produktivkraftentwicklung“ verstanden wurde) – andererseits haben sie auch immer mit selbst erzeugten Beschränkungen für die jeweils veralteten Formen ihrer Organisierung zu tun. Dies kann nicht als „allgemeingültiges Schema“ gelten, dazu sind die konkreten Inhalte der jeweiligen Bedingungen und Handlungsformen viel zu vielfältig. Aber dass die jeweiligen Prozesse jeweils bestimmte Bedingungen brauchen und sie gleichzeitig verändern, ist in ziemlich allgemeiner Weise als „roter Faden“ in geschichtlichen Studien oder aktuellen Entscheidungen heuristisch nutzbar.


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