Insgesamt konstatiert Tjaden, dass im Verlauf der bisherigen Geschichte im betrachteten Entwicklungszweig „das Verhältnis der hervorgebrachten Gebrauchswerte zur dabei verbrauchten Arbeit […] ins kaum Ermeßliche gewachsen“ ist (ebd.: 86). Nochmals sei daran erinnert, dass Tjaden davor warnt, dieses Wachstum zu verdinglichen und der „Produktivkraftentwicklung“ eine mystische Eigengesetzlichkeit zuzuschreiben.

Die Frage ist jetzt, wodurch die Einsparung an Arbeit erfolgen konnte. Dahinter steckt die Vermutung, dass ein großer Teil der Arbeit durch den Einsatz von außermenschlicher Energie ersetzt wurde. Die derzeit dominierenden fossilen Energiequellen können in absehbarer Zeit nicht mehr eingesetzt werden (weil sie nur noch mit übermäßigem Aufwand bereit gestellt werden können und wegen den negativen Folgen für die Umwelt und das Weltklima). Jetzt muss gefragt werden, was das künftig für das Verhältnis von Nutzen zu Arbeitsaufwand bedeutet. (Vorausgesetzt sei, dass kein Interesse daran besteht, den Anteil an lebendiger Arbeit zur Erzeugung der notwendigen Güter wieder zu steigern.)

Schauen wir uns einige Phasen dieser Entwicklung genauer an:

Die Frühmenschen mit ihrer Beute- und Jagdwirtschaft schöpften Sonnenenergie und organische Materie ab, ohne das territoriale Biosphäresystem wesentlich zu verändern (Tjaden 1992: 113). Die Entstehung der Landwirtschaft führte dazu, erstens gezielt und massenhaft Mineralstoffe von den Agrarflächen zu den Menschen zu transportieren und zweitens Sonnenenergie in den Pflanzen zu speichern und in dieser Form der menschlichen Nutzung zuzuführen. Das Herauslösen aus den ökologischen Regelkreisen erfolgte also bereits durch die agrarische Revolution. Es ist bekannt, dass das Umfeld von Dörfern sich über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg deutlich veränderte, ganz abgesehen von den Veränderungen durch städtische Ansiedlungen. Großflächige Rodungen begleiten die Zivilisationsentwicklung von Anfang an. Die Nutzung von Kohle in England war nicht nur durch die spätere industrielle Entwicklung erforderlich, sondern begann aufgrund von vorhergehenden Brenn- und Baustoffkrisen (vgl. ebd.: 115).

Die industrielle Revolution schließlich wäre ohne eine Revolutionierung der Energiebasis gar nicht denkbar. Engels schrieb dazu an Marx, dass seit der Verfeuerung gespeicherter Sonnenenergie „der arbeitende Mensch nicht nur ein Fixierer gegenwärtiger, sondern ein noch viel größerer Verschwender vergangner Sonnenwärme ist“ (MEW 37: 133f.).

Die Zunahme des Energieeinsatzes in Gigajoule (GJ) pro Kopf und Jahr im Zuge der Neolithischen und der Industriellen Revolution (TS: Tonnage als Trockensubstanz) wird in der folgenden Abbildung gezeigt (aus WBGU 2011: 92):

Im Verlaufe der Menschheitsentwicklung wurde immer mehr nichtmenschliche Energie in die Produktionsprozesse gesteckt. Lange Zeit hinweg wurden dabei auch immer mehr Güter hergestellt, die von immer mehr Menschen genutzt wurden. Relativ gesehen veränderte sich aber auch das quantitative Verhältnis zwischen eingesetzter Energie und Arbeitskraft: Die eingesetzte Energiemenge stieg viel schneller als die Zahl der Menschen, so dass heute jeder Mensch die Leistung von vielen sog. „Energiesklaven“ nutzt (Ein Energiesklave hat 8 Stunden am Tag die Leistung von 300 W). (mehr dazu siehe hier).

Die Rechnung mit den Energiesklaven stammt von Hans-Peter Dürr (2007). Demnach nutzt ein Mensch auf der Erde durchschnittlich die Leistung von 22 Energiesklaven (ein Mensch in Afrika lediglich 4, ein Mensch in Europa dagegen 44!). Ökologisch verträglich wären maximal 15 Energiesklaven pro Person.

Als grundlegender Trend ist festzustellen, dass „entwicklungsgeschichtliche Veränderungen des energetischen Mensch-Biosphäre-Verhältnisses durch die erweiterte Nutzung der laufenden Zufuhr von Sonnenenergie vermittels organischer Energiekonverter sowie durch die sich steigernde Nutzung der gespeicherten Vorräte von Solarenergie vermittels thermodynamischer Energiekonverter sowie den Ausstieg aus dem Solarenergie-System durch Kernenergieverwendung“ bestimmt sind (Tjaden 1992: 117).

In den traditionellen Wirtschaftswissenschaften wird der Austausch von Produktionsfaktoren „Faktorsubstitution“ genannt, wobei als Produktionsfaktoren üblicherweise Arbeit, Boden (Rohstoffe) und Kapital eingehen, neuerdings wird auch versucht, Wissen oder die Energie zu ergänzen.

Damit haben wir jetzt einen Teil der Naturpotentiale, die als Produktivkraft genutzt werden – also die Energie – , besonders betont. Das heißt aber nicht, dass die anderen natürlichen bzw. menschlichen Potentiale dabei vergessen würden. Es geht genau darum zu ermitteln, welche anderen Potentiale in Zukunft den Wegfall des energetischen „Antriebsmittels“ ersetzen bzw. sogar überkompensieren könnten. Auf jeden Fall soll aber die besondere historische Bedeutung der Nutzung der fossilen Energien für die bisherigen Industriegesellschaften hervorgehoben werden.

Wir haben neben den natürlichen Potentialen, die in stofflicher bzw. energetischer Hinsicht zu betrachten sind, noch das spezifisch menschliche Potential, das die Arbeitskräfte auszeichnet: sie können mehr Güter erzeugen, als sie zu ihrer biologischen Reproduktion brauchen – dieses Mehrprodukt ist die wesentliche Quelle der kulturellen Akkumulation und ihre mögliche Aneignung durch bestimmte Klassen wurde zum Hauptzweck der Produktion in den klassengespaltenen Gesellschaftsformen. Zusätzlich sind jedoch jene Wirkungsvermögen zu betrachten, die spezifisch gesellschaftlich sind und insb. von der Kooperation und von wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgehen.

Wenn die Steigerung des Energieumsatzes als Haupttreibkraft ausfällt, müssen sogar zur Aufrechterhaltung der bisherigen Potentiale und Kräfte (geschweige denn ihrer Steigerung) die anderen Quellen besser genutzt und entwickelt werden.


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