Die geschichtlichen Erfahrungen, die Tjaden ausführlich diskutiert, weisen darauf hin, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass „zur Bewältigung von Problemen gesellschaftlicher Reproduktion“ (Tjaden 1992: 180) zu neuen Stufen der Formationen übergegangen wird. Angesichts der globalen und gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprobleme, die wir nun im Kapitalismus verzeichnen, nimmt Tjaden an, dass sich eine „Höherentwicklung des Systems gesellschaftlicher Reproduktion nur noch durch Ablösung der Ökonomisierung […] durch eine reproduktiv gerichtete Effektivität gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion“ erreichen lässt (ebd.: 108).

„Eine neue Reproduktionsweise müßte die Lösung dieser Reproduktionsprobleme bringen.“ (ebd.: 91)

Was muss diese neue Reproduktionsweise leisten? Sie muss die „Schere zwischen Produktionsmittelproduktion und Reproduktion von Arbeitskraft und Naturquellen“ und die „Kluft zwischen der Produktion zusätzlicher Reichtümer überhaupt und der Reproduktion des gesamten Reichtums der Gesellschaft als ihres Vermögens“ (ebd.) schließen. Sie muss die progressive Erneuerung „des Fonds der Produktionsmittel auf die Reproduktion der Gesamtheit der Arbeitskraft und der Naturquellen der Gesellschaft sowie die Erweiterung der komplexen Vernetzung von Produktionsvorgängen auf die gesamte Verausgabung von Arbeitsvermögen und Aneignung von Naturpotentialen“ ausdehnen (ebd.). Das Ziel der Produktion muss neu bestimmt werden, wodurch sich auch die Effektivitätsformel verändert. Dabei wird die produktive Effektivität durch die reproduktiv-systemare Effektivität ersetzt (ebd.: 108, 174).

„Die industriemäßige Produktion muß schließlich zum bloßen Moment der gesellschaftlichen Reproduktion der Arbeitskräfte, der Naturressourcen und der menschlichen, natürlichen und sächlichen Reichtümer der Gesellschaft überhaupt werden.“ (ebd.: 91)

Das bedeutet, und hier kommen wir zu einer Beschreibung, die sehr nach dem vergangenen realen Sozialismus klingt, die „gesellschaftliche Produktion und Reproduktion nach volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten“ zu steuern (ebd.). Ich möchte dafür werben, in diese Ausführungen nicht lediglich eine Bestätigung der realsozialistischen Planungspraktiken hineinzulesen und sie allein deswegen abzulehnen. Worum es hier geht, ist, „ […] daß die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion einer ökonomisch-sozialen Gestalt und eines natural-technischen Inhalts bedürfen, welche geeignet sind, die Beziehungen zwischen Mensch und Natur im Sinne einer Stabilität der Biosphären-Totalität zu optimieren.“ (132)

Diese allgemeine Zielstellung tauchte schon einmal auf als notwendige Rahmenbedingungen für die Existenz der menschlichen Zivilisation – angesichts der globalen Bedrohung durch die gegenwärtige Reproduktionskrise wird diese allgemeine Bestimmung zur unmittelbaren Zielstellung.

Ich komme nun noch mal zurück auf die Frage, was ein so altes Buch, gerade am Ende der real-sozialistischen Staaten erschienen, uns heute noch zu sagen haben könnte. Tjaden bezieht sich auf wirtschaftswissenschaftliche Literatur aus der DDR, die heute eigentlich niemanden mehr interessiert. Allerdings stecken wir noch in derselben zivilisatorischen Reproduktionskrise, sogar noch tiefer und schlimmer als vor 2 Jahrzehnten. Es gibt nicht mehr zwei Gesellschaftssysteme, die von ihrer Reproduktionslogik aus versuchen könnten, eine „selbstbestimmt-nachhaltige“ Entwicklung zu etablieren, sondern wir müssen vom real existierenden Kapitalismus aus agieren.

Was Tjaden zum Sozialismus schreibt, beinhaltet sowieso mehr seine Wunschvorstellungen vom Sozialismus. Er ist froh, wenigstens einige ökonomietheoretische Literaturstellen gefunden zu haben, bei denen seine Hoffnung auf eine Realisierung der von ihm erhofften Tendenzen in der DDR Bestätigung finden konnte. Er selbst arbeitet jedoch durchaus auf einem Abstraktionsniveau, das uns auch für die heute noch aktuellen Fragestellungen weiter helfen kann. Es geht ihm darum, „nach möglichen Erträgen zu fragen, die man aus der Theorie der sozialistischen Form gesellschaftlicher Reproduktion für eine Konstruktion rationeller Form gesellschaftlicher Reproduktion gesamtgesellschaftlichen Maßstabs gewinnen kann.“ (203)

Welche positiven Antworten findet er dabei?

  • Das Ziel besteht im Beenden der „ökonomischen Spezifizierung der Gesamtarbeit zugunsten partikularer Interessen“. Stattdessen geht es darum, „die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander und zur Natur in dieser Arbeit als gemeinschaftliche Angelegenheit vernünftig zu verwalten“ (183).
  • Dazu ist es notwendig, das private Eigentum am Produktionsvermögen durch ein kollektives Eigentum am Reichtum in den Menschen, der Natur und der Sachausstattung der Gesellschaft zu ersetzen.
  • Außerdem muss die Steuerung sich nach „volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten“ richten. Dieser Punkt dürfte bei heutigen ökologisch orientierte antikapitalistische Bewegungen am meisten Kritik hervorrufen – einerseits „riecht“ das zu sehr nach einem Planungssystem, das heute meist abgelehnt wird und die „Volkswirtschaft“ ist auch keine Bezugsgröße mehr. Von der Bedeutung her bleibt der Punkt aber aktuell: die menschlichen und naturalen Vermögen bedürfen einer Aneignungs- und Reproduktionsform, die nicht dem Selbstlauf überlassen bleiben kann, sondern in irgend einer Weise gesellschaftlich organisiert werden muss.
  • Die neue Gesellschaftsform wird keine „ökonomische Gesellschaftsform“ mehr sein, wie die bisherigen Klassengesellschaften, sondern sie wird „politisch formiert“ sein. Dies unterstellt natürlich einen anderen Politikbegriff als den der bürgerlichen Demokratie und bedeutet, dass nicht mehr ökonomische Indikatoren über die Köpfe der Menschen hinweg über die Gesellschaftsentwicklung bestimmen.

Ökonomie der Zeit

Recht starke Kritik dürfte auch die Beibehaltung der Kategorie „Wert“ bei Tjaden hervorrufen. Der „Wert“ soll im Sozialismus die Arbeitsmenge ausdrücken (168) und Tjaden meint dazu:

„Die für die Bereitstellung von Gebrauchswerten überhaupt verfügbare beziehungsweise benötigte Arbeitsmenge, eben die abstrakte Arbeit insgesamt, ist eine Größe, mit der Gesellschaften in der Regel – ausgenommen eventuelle Überflußverhältnisse in urgeschichtlichen Vergesellschaftungsformen – bis auf den heutigen Tag nicht nur rechnen können, sondern auch rechnen müssen. […] Zwar ist die Menge der nach Maßgabe der gegebenen Produktionsweisen produktiven Arbeit selbst die Substanz dieses Wertes, der von Interesse ist, solange die Früchte der Natur den Menschen nicht in den Schoß fallen.“ (39)

Tjaden bezieht sich damit auf eine Aussage von Engels, daß die „Abwägung von Nutzeffekt und Arbeitsaufwand bei der Entscheidung über die Produktion alles ist, was in einer kommunistischen Gesellschaft vom Wertbegriff der politischen Ökonomie übrigbleibt“ (MEW 25: 288f.).

Es kann wahrscheinlich angenommen werden, dass die Produktivkraft der Arbeit auch nach einem Verzicht auf einen großen Anteil an „Energiesklaven“ noch recht hoch bleibt. Außerdem fallen alle Arbeitsprozesse weg, in denen Rüstungsgüter hergestellt werden und auch durch die Herstellung von haltbaren und reparierfähigen Gütern wird eine Menge jetziger Produktionsprozesse überflüssig. Nehmen wir noch eine Kultur des Teilens hinzu, sinkt das Ausmaß an herzustellenden Gebrauchsgütern sicher zusätzlich, ohne dass die Bedürfnisbefriedigung und -entwicklung darunter leiden müsste. Aus diesem Grund kann wohl angenommen werden, dass es keine dringende Notwendigkeit mehr gibt, den Arbeitsaufwand weiter so stark zu senken bzw. zu beschränken.

Ich folge damit nicht dem berühmten Marxschen Versprechen, dass „die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien“ abhängig werde (MEW 42: 600), denn dieses Versprechen beruht noch zu stark auf der Vorstellung einer Substitution von menschlicher Arbeit durch die „Macht der Agentien“, also z.B. der „Energiesklaven“. Aus diesem Grund kann die Frage nach der „Abwägung von Nutzeffekt und Arbeitsaufwand“ nicht ganz vom Tisch gewischt werden.

Globale Bilanzen

Bei dieser „Abwägung von Nutzeffekt und Arbeitsaufwand“ kommt es insbesondere auch darauf an, die verwendeten materiellen und energetischen Potentiale mit zu berücksichtigen. Für Tjaden ist klar, dass das mit einer abstrakt vergleichenden Quantifizierung nicht möglich ist:

„Die Komplexität und Diversität von Natureigenschaften und die Synergie und Akkumulation von Umwelteinträgen entzieht sich, zumal in großräumlicher und langfristiger Perspektive, der Verrechnung durch abstrakte Größen.“ (210)

Trotzdem verweist Tjaden darauf, dass die „Potentialnutzung und Substratbehandlung nach Kriterien einer Effizienz, die den Begabungen und Bedürfnissen von menschlichen Lebewesen und außermenschlicher Biosphäre angepaßt ist“ (211) in angemessener Weise reguliert werden muss. Er nennt diese Regulierung „Planung und Leitung“ und ich möchte nicht, dass wegen der Ablehnung dieser Praxen die Grundidee der vernünftigen Regulierung des Umgangs mit den produktiven Potentialen verleugnet wird. Es käme eher darauf an, für die genannte Aufgabe bessere Regulierungsformen zu finden. (Ab jetzt bin ich eigentlich mit dem Text von Tjaden auch durch und überlege selber weiter…. ) Christian Siefkes diskutiert diese Frage für eine commonsbasierte Peer-Produktion (Siefkes 2010). Er kommt zum Ergebnis, dass diese Form der Produktion die einseitigen Kanalisierungen in Richtung auf die Profiterwirtschaftung des Kapitalismus abgeworfen hat, vertraut ansonsten auf die energie-, material- und arbeitssparende Wirkung des Teilens von Konsumgütern, Produktionsmitteln und Ressourcen. Im Konzept einer „Internationalen Kommunalwirtschaft“ werden stärkere Regulierungsvorgaben diskutiert, die z.B. eine Arbeitsverpflichtung beinhalten.

Aus der Perspektive der aktuellen Reproduktionsprobleme kommt es darauf an, den Gesamtprozess so zu gestalten, dass er die „radikale Einsparung von Energie, Anlagen und Material und zwar für Gebrauchswerte, die sich wirklich als nützlich bewähren“ (175), gewährleistet.

In der bisherigen Geschichte wurde davon ausgegangen, dass die Natur letztlich im Überfluss Potentiale für die Reichtumsproduktion bereit hält (auch wenn man die Quellen gelegentlich wechseln muss). Dagegen wurde der Aufwand an lebendiger Arbeit gesenkt. Heute brauchen wir uns wegen der erreichten hohen Arbeitsproduktivität auch auf Grundlage von gesellschaftlichen Faktoren wie Kooperation und Wissen, die nicht energieintensiv sind, um die weitere Einsparung von Arbeit wahrscheinlicher weniger Sorgen machen. Aber umso mehr müssen wir eine radikale Einsparung von stofflichem und energetischem Umsatz erreichen. Wie kann das gesellschaftlich organisiert werden?

Eine wichtige Grundlage für angemessene Entscheidungen (durch wen und auf welcher Ebene auch immer) dürften umfassende Öko- und Energiebilanzen von Produktionsprozessen und Gütern sein. Besteht hier die Gefahr, dass sich diese Art Bilanzierung wieder verselbständigt in einer neuen Form einer „unsichtbaren Hand“? Entsteht gar eine Ökodiktatur?

Die Ökobilanzen können jedoch aus rein sachlichen Gründen nicht das Ausmaß an Quantifizierung erreichen, wie die „Arbeitswert“-Berechnungen. Außerdem binden sie alle Informationen zurück an die qualitativen Zusammenhänge, vor allem auch in Bezug auf die territorial verankerten konkreten natürlichen Potentiale. Die Problematik beim Kapitalismus ist ja nicht primär die Bilanzierung, sondern das Vorliegen der Trennung von Produktionsmittel- und Arbeitskrafteigentum und Struktur gegeneinander konkurrierender Unternehmen, deren Trennung durch die Märkte („unsichtbare Hand“, „Wertvergesellschaftung“) überbrückt wird. Wenn anstelle des Privateigentums gemeinsamer Besitz an Produktionsmitteln vorliegt, müssen „nur“ noch geeignete Regulierungsformen gefunden werden – eine Verselbständigung ist dann strukturell kaum möglich.
Nebenbei stellt sich dann auch die Frage der „Verwissenschaftlichung“ der Produktion noch einmal ganz anders, als sie bisher häufig diskutiert wird. Es geht dann nicht mehr um die Verkörperung von immer mehr Expertenwissen in eine High-Tech-Maschinerie, sondern um die Rückgewinnung von Wissen durch die Menschen an der Basis der Gesellschaft, um selbst sachkundige und vernünftige Entscheidungen treffen zu können. Für Entscheidungen im Bereich der Energienutzung sollte z.B. bekannt sein, warum wir bei der Effizienz eher den dem zweiten Hauptsatz der Wärmelehre als nach als nur den ersten berücksichtigen sollten (mehr dazu siehe hier).


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