In vielen Bereichen war und ist das Streben nach hoher Produktivität (Verhältnis zwischen dem, was produziert wird und den eingesetzten Mitteln) ein hohes Ziel. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität wurde im real existierenden Sozialismus als „das Ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung“ angesehen. (Lenin LW 29: 416). Das Wachstum der Arbeitsproduktivität  wurde in der DDR seit mindestens 1972 nicht als Selbstzweck angesehen, sondern als Mittel zur „weiteren Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes“ (sog. „ökonomische Hauptaufgabe“ der SED-Wirtschaftspolitik) – aber letztlich erwies sich der Kapitalismus als überlegen. Sein Sieg ist aber nur ein Pyrrhussieg, denn die Steigerung der Arbeitsproduktivität ist seit Jahrzehnten nicht nur mit enormen ökologischen „Kosten“ verbunden, sondern wirkt kontraproduktiv und destruktiv.

Schon lange kritisieren vor allem Frauen am marxistischen Arbeits- und Produktionsbegriff, dass dabei die reproduktive und schöpferische Tätigkeit von Frauen nicht mit berücksichtigt werde. Durch die Zuspitzung der ökologischen Krisen und den Gefahren des Klimawandels muss demnach auch das Verhältnis von Arbeits- und Naturproduktivität neu gestellt werden.

Weil manche, insbesondere ökofeministische Autorinnen dazu übergegangen waren, der Bemühung um Produktivität überhaupt jede Berechtigung abzusprechen, hatte ich mich schon öfter damit beschäftigt. In einem früheren Text kam ich dann zum Resümeé:

„Technik soll für alle Bedürfnislagen zur Verfügung stehen, nicht nur für die Erhöhung der Produktivität wie heute – aber die Arbeit darf auch nicht beschränkt sein auf zeitzehrendes Tun, wie in früheren Zeiten. Auf dieser Grundlage kann es dann auch wieder zu einer neuen Einheit von Arbeit/(Re-)Produktion und Leben kommen. Diese Einheit ist dann aber nicht mehr arbeitsdominiert wie früher, als sich alle Lebensäußerungen an die Erfordernisse der notwendigen (Re-)Produktion anpassen mussten.“ (leicht verändert nach Schlemm 2006: 23f.)

Ich möchte im Folgenden zuerst einen Text referieren (und kritisieren), der in der Zeitschrift WIDERSPRUCH NR. 53 von 2008 abgedruckt ist. Es handelt sich um den Text „(Re)Produktivität. Nachhaltige Natur- und Geschlechterverhältnisse“ von Adelheid Biesecker und Sabine Hofmeister.

Die erkenntnisleitende Bedeutung des richtigen Begriffs

Die Autorinnen gehen davon aus, dass die Begriffe, mit denen wir unsere Welt beschreiben, viel dazu beitragen, in welcher Weise wir diese Welt wahrnehmen. Der Begriff „(Re)Produktivität“ soll helfen, die eben genannten widersprüchlichen Entwicklungstendenzen zu begreifen. Die Autorinnen verstehen ihn als „Vermittlungsbegriff“. Er soll vermitteln zwischen den auseinander gefallenen Sphären einer (produktiven) Ökonomie, die nach dem Kapitalakkumulationsprinzip funktioniert und jener davon abgespaltenen Sphäre der „reproduktiven“ Systeme, also des ökologischen bzw. des sozial-weiblichen Bereichs. Die wirtschaftliche Sphäre steht hier für das „Produktive“ – das Ökologische und weiblich-Soziale für das „Reproduktive“. Diese beiden Sphären sind nicht wirklich voneinander getrennt, denn der ökonomische Bereich basiert auf dem ökologisch-sozialen. Ohne beständige Reproduktion in allen Sphären gibt es auch keine Neu-Produktion. Der Vermittlungsbegriff (Re)Produktion soll dies von vornherein erfassen – aber die unterschiedenen Sphären auch in ihrem Gegeneinander begreifen.

(Re)Produktivität ist dabei „die prozessuale, nicht durch Abwertungen getrennte Einheit aller produktiven Prozesse in Natur und Gesellschaft, bei gleichzeitiger Unterschiedenheit.“ (Biesecke, Hofmeister)

„Vermittlung“, „prozessuale Einheit bei gleichzeitige Unterschiedenheit“… Wer jetzt folgerichtig erwartet, dass die Hegelsche Dialektik direkt zuschlägt, wird enttäuscht (wens interessiert, siehe den Schluss und den Anhang). Die beiden Autorinnen gewinnen vorerst lediglich einen gegenseitig ergänzenden Blick von je einer der getrennten Sphären auf die andere, was ja auch schon viel ist.
Wichtig ist den Autorinnen, dass die (Re)Produktion als Vermittlungskategorie davon ausgeht, dass das zu Vermittelnde nicht von vornherein in getrennter Weise vorliegt, was erst nachträglich zu vermitteln wäre – sondern „wir tun so, als gäbe es diese Trennung erst einmal nicht.“ (ebd.)

Produktivität und Reproduktivität im Kapitalismus
1. Die abstrakte Einheit

Bereits in der Natur gilt: „In der Natur sind Erhalten und Gestalten nicht voneinander trennbar.“ In der menschlichen Praxis ist „die Naturproduktivität, die uns künftig zur Verfügung stehen wird, […] immer schon ein gesellschaftliches (Mit)Produkt“ (Biesecke, Hofmeister). Natur ist nichts der menschlichen Praxis Äußerliches, in das sich das menschliche Tun lediglich „einbettet“, sondern die Natur, mit der die Menschen praktisch wechselwirken ist schon Natur im menschlichen Kontext. Gleichermaßen ist das, was Menschen tun, auch nicht außernatürlich.

„Der Mensch kann in seiner Produktion nur verfahren, wie die Natur selbst, d. h. nur die Formen der Stoffe ändern. Noch mehr. In dieser Arbeit der Formung selbst wird er beständig unterstützt von Naturkräften. Arbeit ist also nicht die einzige Quelle der von ihr produzierten Gebrauchswerte, des stofflichen Reichtums. Die Arbeit ist sein Vater […] und die Erde seine Mutter.“ (MEW 23: 57f.)

2 Trennung, speziell im Kapitalismus
2.1 allgemein-menschlich, überhistorisch

Bei der Unterscheidung zwischen Natürlichem und Menschlichem sind zwei verschiedene Horizonte zu beachten. In Bezug auf die grundsätzlichen Wesenszüge des Menschlichen im Unterschied zu anderen Tieren bleibt festzuhalten:

„Die Menschen selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren […].“ (MEW 3: 21)

Oder auch:

„Das Tier ist unmittelbar eins mit seiner Lebenstätigkeit. Es unterscheidet sich nicht von ihr. Es ist sie. Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewusstseins. […] Die bewusste Lebenstätigkeit unterscheidet den Menschen unmittelbar von der tierischen Lebenstätigkeit.“ (MEW 40: 516)

Die Wechselbeziehung zwischen natürlichen Grundlagen und menschlicher Tätigkeit nehmen im Kapitalismus besondere, die beiden Bereiche stark voneinander trennende Formen an. Dies ist der zweite Horizont, um den es nun gehen soll:

2.2 Kapitalismus
Gedachte Trennung – wirkliche Vermittlung nach Biesecke/Hofmeister

Während im Fokus der Aufmerksamkeit – auch aus marxistischer Perspektive – bisher vor allem die Entwicklung der Produktivität stand, offenbart die sozial-ökologische Krise das bisher Unsichtbare. Das betrifft nach Biesecke und Hofmeister die unbezahlte Arbeit (insb. von Frauen) und auch den Beitrag der Natur an der Produktion des Reichtums. Beide bisher häufig übersehenen, d.h. „unsichtbaren“ Faktoren äußern sich jetzt krisenhaft, in der ökologischen bzw. auch in der Krise der Reproduktionsarbeit. Diese Krisen sind nach Biesecke und Hofmeister „gleichursprünglich: Beide sind bedingt durch die Trennungsstruktur zwischen Produktivem und sog. Reproduktivem. Beide sind angelegt im Ökonomischen“.

Nun kommt eine für mich problematische Darstellung: Es wird einerseits gezeigt, wie jeweils der produktive vom reproduktiven Aspekt getrennt wird -dies geschieht letztlich aber nur in der subjektiven und theoretischen Bewertung.

„Der Begriff der Produktivität wird somit von Anfang an ohne seine reproduktiven Grundlagen definiert- und ohne Bezug zum Erhalten und Erneuern.“ (Biesecke, Hofmeister)

Die Autorinnen zeigen, dass in Debatten über die „Zukunft der Arbeit“ die unbezahlte Arbeit zu kurz kommt und im sog. „Nachhaltigkeitsdiskurs“ werden weder die Natur als produktiver Faktor noch die sozialen weiblichen Tätigkeiten einbezogen.
Andererseits wird gezeigt, dass im „physisch-materiellen“ Bereich die Vermittlung doch stattfindet.

„Denn in den Verwertungsprozessen von Kapital und Arbeit werden die sog. Produktiven und die sog. Reproduktiven Leistungen miteinander vermittelt oder „vermischt“.“ (ebd.)

Da die Produktion ohne Naturressourcen und auch die bezahlten oder unbezahlten Arbeiten nicht läuft, sind beide Bereiche, der produktive und der reproduktive, miteinander verbunden und es werden „Hybride“ erzeugt.

Das Problem verankert die Autorinnen nun lediglich im Bewertungsprozess:

„Denn im Bewertungsprozess werden die Hybride geleugnet, werden sozial-weibliche und ökologische Leistungen nicht erfasst, sondern wieder abgetrennt.“ (ebd.)

Das falsche Bewusstsein steuert die Praxis:

„Weil es nicht gesehen wird, wird das Naturprodukt nicht bewusst und achtsam gestaltet.“ (ebd.)

Diese idealistische Argumentationsstruktur wird nur leicht durchbrochen durch eine beinah materialistisch-strukturelle Aussage:

„Nicht-Nachhaltigkeit ist eingebaut in die seltsam paradoxe Struktur dessen, was „Wirtschaften“ genannt wird.“ (ebd.)

Eine klare Analyse dieser dem individuellem Bewusstsein vorgelagerte Struktur der gesellschaftlichen Verhältnisse enthalten uns die Autorinnen aber vor.

Deshalb haben ihre im Anschluss ausgeführten Beispiele für wenigstens ansatzweise empfehlenswerte Praxen auch so wenig analytische Schärfe. Sie suchen nach der Verwirklichung von neuen „Beziehungen zwischen produktiven und reproduktiven Prozessen“ (ebd.), die sie vorwiegend in „Zwischenräumen“ suchen und zu finden meinen.

Am Beispiel „Biosphärenreservat“ müssen sie feststellen, dass hier eher ein statischer Naturschutzgedanke im Vordergrund steht und „nachhaltige Wirtschafts- und Nutzungsformen tatsächlich (noch) nicht ausreichend entwickelt“ werden. Beim Beispiel der Work-Life-Balances, die eine verbesserte Beziehung zwischen Produktivität und Reproduktivität in der individuellen Lebensführung anstreben, sehen sie eine große Tendenz dazu, lediglich „haushaltsnahe und personenbezogene Dienstleistungen“ bereit zu stellen und dadurch neue Trennlinien zu erzeugen (zwischen Männern und hiesigen „high potential“-Frauen und ausländischen armen Frauen). Den Grund für diese Mängel sehen die Autorinnen im Beibehalten der „alten Perspektive“ und fordern folgerichtig einen Perspektivenwechsel, für den sie ihren Begriff der (Re)Produktivität zur Verfügung stellen.

„Die Kategorie (Re)Produktivität enthält einen Produktivitätsbegriff, der in das Gestalten das Erhalten der produktiven Kräfte – der menschlichen Arbeit, insbesondere der Sorgearbeit, und der ökologischen Natur – einbezieht.“ (ebd.)

Es geht darum, das Leben in den Mittelpunkt zu stellen, und von daher auf die Arbeit zu schauen und nicht umgekehrt. Das ist ja nicht falsch – aber völlig unzureichend. Dass das Schauen und ein gedanklicher Perspektivenwechsel nicht ausreichen, sondern dass es strukturelle Absicherungen für die Verwirklichung braucht (bzw. dass diese erkämpft werden müssen) wird nur einmal fast beiläufig erwähnt, aber nicht leider nicht explizit thematisiert.

Der theoretische Fehler besteht darin, dass die Abspaltung bzw. Trennung der Bereiche Produktion und Reproduktion lediglich im Bereich der subjektiven Bewertungen und der Theorien verankert wird, während der Wirklichkeit der kapitalistischen Produktion die Vermitteltheit zugesprochen wird. Wenn das so ist, bräuchte ja der in Wirklichkeit vermittelte Produktionsprozess gar nicht verändert, sondern nur die Sichtweise darauf verändert werden.

Völlig außer Acht gelassen wird die Frage, inwieweit die Trennung der Sphären zwischen Produktivem und Reproduktivem innerhalb des real existierenden kapitalistischen Produktionsprozesses begründet ist. Die denkerische Herausforderung besteht dabei darin, in kein Extrem zu verfallen. Weder ist im Kapitalismus das Produktive mit dem Reproduktiven wirklich völlig getrennt (da haben Biesecke und Hofmeister durchaus Recht) – noch liegt eine Vermittlung vor, die eine sich gegenseitig bestärkende Ko-Evolution bedeuten würde. Ein solch verflixtes Zusammenfallen von Identität und Nichtidentität nennt sich dialektischer Widerspruch. Biesecke und Hofmeister halten ihn nicht aus, sondern lösen ihn vorschnell auf in die Polarisierung: „Bewertung und Perspektive ist abspaltend/trennend“ versus „Produktionsprozess vermittelt in Wirklichkeit“. Diese vorschnelle Auflösung verhindert das Nachfragen, das Weitersuchen an der richtigen Stelle: Was ist mit dem wirklichen Produktionsprozess los, dass er gleichzeitig eine produktive Funktion erfüllt, dabei aber die reproduktiven Grundlagen des gesamten Prozesses systematisch schädigt und mehr und mehr zerstört, obwohl er doch auf ihnen basiert?

Ab hier folgt nun eine eigene Skizze, in welche Richtung weiter gedacht werden müsste.

Vermittlungen

Ich nehme den Gedanken auf, dass die Formen der Vermittlung wichtig sind. Als „Vermittlung“ werden meiner Erfahrung nach mindestens drei Strukturformen benannt und häufig miteinander verwechselt:

  1. Wechselwirkungs-Vermittlung: Es wird von bestimmten Faktoren ausgegangen (die als gegeben angenommen werden) und diese werden durch andere beeinflusst bzw. beeinflussen andere. Letztlich ist dies ein „äußerliches“ Aufeinander-Einwirken. Eine gegenseitige Veränderung wird dann im Modus des Nacheinander gedanklich verarbeitet (erst verändert das eine das andere in dieser Weise, dann das andere das erste in jener…).
  2. Verkehrungs-Vermittlung: Mit Marx lernen wir in der Wertformanalyse im 1. Band des „Kapitals“ (MEW 23: 62-85) eine ganz besondere Form der Vermittlung kennen: die Verkehrung. Ich komme noch darauf zurück.
  3. Erfüllungs-Vermittlung: Im Beitrag von Biesecker und Hofmeister gilt die Vermittlung als zu erreichendes Ziel (im Denken oder in der Praxis), das erreicht ist, wenn bestimmte Faktoren in ihrer Einheit gedacht oder verwirklicht werden. Hier wird letztlich Hegels Grundstruktur vorausgesetzt: Die Einheit, die der Möglichkeit nach („an sich“) in der Situation steckt (hier: die Einheit von Produktion und Reproduktion) soll nun auch gedacht werden (daraus begründet sich die Forderung nach einem Perspektivenwechsel) und letztlich auch verwirklicht werden. Die gedachte Möglichkeit weist der Praxis der Verwirklichung auch in gewissem Sinne den Weg, deshalb können dementsprechende Begriffe auch handlungsorientierend wirken. (In diesem Sinne ist der vorher von mir kritisierte Idealismus bei Biesecke und Hofmeister durchaus auch berechtigt). Zu beachten ist, dass bei Hegel die Ausgangseinheit („an sich“) lediglich eine abstrakte Form hat (sie ist „nur“ Möglichkeit), während die erreichte Einheit eine wirkliche ist.

Verkehrende Vermittlung im Kapitalismus

Kapitalistische gesellschaftliche Verhältnisse sind dadurch gekennzeichnet, dass erstens die ökonomischen Verhältnisse die Gesellschaft grundlegend strukturieren und dass im wirtschaftlichen Bereich das Privateigentum an den wichtigsten Produktionsmitteln verwirklicht ist, so dass sachliche und persönliche Arbeitsvoraussetzungen und die Produkte nur in Warenform miteinander vermittelt werden. Die Wertform (wobei Wert auf marxsche Weise ein kritisch-politökonomischer Begriff ist) der Waren ermöglicht es Menschen in kapitalistischen Verhältnissen, eine gemeinsame Praxis zu entfalten (vgl. Haug 1989: 163f.).

Zwar sind das Eigentum an den sachlichen Produktionsvoraussetzungen (z.B. den Produktionsmitteln) und den persönlichen Produktionspotentialen (Arbeitsfähigkeit/Arbeitskraft) getrennt – aber letztlich funktioniert die wirkliche Wirtschaft natürlich nur in einer konkreten Vermittlung. Die Form der Vermittlung auf dieser besonderen Grundlage (d.h. im Kapitalismus) beruht auf dem Wert.

Die Marxsche Wertformanalyse untersucht nun die Frage, in welcher Weise sich diese Vermittlung im Kapitalismus herstellt. Ich kann die ganze Abhandlung hier nicht wiederholen (siehe dafür u.a. Schlemm 2009), sondern nur kurz die im jetzigen Kontext wichtigen Ergebnisse schildern.

Bei der Wertformanalyse wird noch von den konkreten Handlungen der Menschen abstrahiert und so getan, als würden die Waren alleine auf den Markt gehen und ihre Werte aneinander messen. (Letztlich werden sich die Handlungen der Menschen „in letzter Instanz“ auch nach den derartig charakterisierten Strukturen richten). Wir wollen beispielsweise wissen, welchen Wert 20 Ellen Leinwand haben. Wir suchen die „relative Wertform“ der Ware „20 Ellen Leinwand“. Dieser Wert wird gemessen anhand einer „Äquivalentform“. Dies sei ein Rock (der in seiner Naturalform genommen wird). In dem einen Rock drückt sich der Wert von 20 Ellen Leinwand aus (wenn 1 Rock genau so viel Wertsubstanz, also Arbeit, enthält wie 20 Ellen Leinwand). Der Wert der Ware „20 Ellen Leinwand“ drückt sich also im Gebrauchswert der anderen Ware (1 Rock) aus. Marx nennt dies eine „Eigentümlichkeit, die bei der Betrachtung der Äquivalentform auffällt“ (MEW 23: 70f.). Es gibt noch zwei weitere solche Eigentümlichkeiten, zusammen gefasst gilt:

  • „Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts“ (ebd.: 70) (wie eben erläutert);
  • Die „konkrete Arbeit wird zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit“ (ebd.: 73). Dies entsteht dadurch, dass im Wertausdruck der Ware nicht die konkrete Arbeit des Webens der 20 Ellen erscheint, sondern der Wert nur durch die „allgemeine Eigenschaft als menschliche Arbeit“ gebildet wird.
  • Die Privatarbeit wird zur Form ihres Gegenteils, der Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form (ebd.). Es wird privat gearbeitet (das „privat“ meint hier, dass jedes Unternehmen selbständig und ohne vorherige Abstimmung mit den Bedürfnissen produziert und erst danach die hergestellten Waren auf dem Markt der „Vergesellschaftung“ unterzieht). Aber diese private Arbeit wird nur gemacht, damit die Produkte (Waren) letztlich gesellschaftlich ausgetauscht werden. Ihrer Bestimmung nach ist auch die private Arbeit gesellschaftliche Arbeit (vgl. Haug 1989: 142).

Diese Verkehrungen werden schließlich verborgen durch die weitere Entfaltung der Wertform (allgemeine Wertform, Geldform). Nicht zufällig folgt nach der Wertformanalyse das berühmte „Fetischkapitel“ (MEW 23: 85-98). Weil die Privatarbeiten „sich in der Tat erst als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit [betätigen] durch die Beziehungen, worin der Austausch die Arbeitsprodukte und vermittels derselben die Produzenten versetzt“ (ebd.: 87) nehmen „bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse“ für die Menschen „die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen“ an (ebd.: 86).

Kommen wir nun zurück zu unserem Thema. Was heißt das nun alles für die Produktivitätsdebatte?

Marx wird insbesondere von feministischen Kritikerinnen vorgeworfen, den Begriff der Produktivität an das Kapital zu binden. Arbeit ist bei ihm nur dann produktiv, wenn sie zur Kapitalvermehrung dient. Hat Marx damit auch die falsche Perspektive? Nein, er hat den richtigen Begriff, um die verkehrte Wirklichkeit im Kapitalismus präzise zu erfassen. Es ist nicht nur eine Frage der Perspektive, worin der Zweck der Produktion im Kapitalismus besteht – er besteht wirklich in der „Verwertung des Werts, seine[r] Vergrößerung“ (MEW 26.1: 363). Die objektiv-realen strukturellen Verhältnisse und nicht nur die gedankliche Perspektive führen dazu, dass die Produktivkräfte der Arbeit zu Produktivkräften des Kapitals werden (siehe auch Peters 1988). Die produktiven Kräfte der Menschen werden unter kapitalistischen (Eigentums-)Verhältnissen nur dann in der gesellschaftlichen Produktion wirksam, wenn sie zum Zweck der Kapitalvermehrung von den Produktionsmitteleigentümern gekauft und mit den Produktionsmitteln zusammen gebracht werden.

„Technischer Fortschritt ist die Weiterentwicklung bestimmter Produktionsmittel zum Zweck der Steigerung der Produktivkräfte der menschlichen Arbeit. Sobald aber der Arbeitsprozeß als Verwertungsprozeß des Kapitals betrachtet wird (sozusagen vom Standpunkt des Kapitalisten), wird dieses Verhältnis von „Mitteln“ und „Kräften“ auf den Kopf gestellt. Jetzt wird aus der Steigerung der Produktivkraft der Arbeit ein bloßes Mittel zur Erhöhung des relativen Mehrwerts, während der technische Fortschritt als Steigerung der Produktivkräfte selbst erscheint, jener Kräfte, mit denen das Kapital ein größeres Quantum lebendiger Arbeitskraft pro Zeitspanne aus dem Arbeiter „aussaugt“. Denn diese Produktivkräfte sind in der Tat nichts anderes als die Produktionsmittel, die sich im Privateigentum befinden, und die durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt ständig revolutioniert werden.“ (Peters 1988)

Wir haben damit eine vierte „Verkehrung“ gefunden, die sich nicht direkt auf Wertformen bezieht, aber dieselbe Struktur zeigt:

„Die Produktivkräfte der Arbeit „vergegenständlichen“ sich, wie Marx sagt, in den „sachlichen Arbeitsbedingungen“ – darunter die technischen Produktionsmittel – und erscheinen als Produktivkräfte des Kapitals.“(Peters 1988)

Damit zeigt es sich, dass diese „verkehrte Erscheinung“ einerseits durchaus auch eine Frage der Perspektive ist, andererseits aber nicht nur durch einen rein gedanklichen Perspektivenwechsel aufgehoben werden kann, sondern dass ihre Aufhebung die Beseitigung ihrer strukturellen Bedingungen erfordert. Welche das sind, zeigt Marx. Leider wird auf diese Betrachtungsweise häufig vorschnell verzichtet, indem auf den „falschen“ Produktivitätsbegriff bei Marx verwiesen wird bzw. die dialektische Verwobenheit vereinfacht wird.

In der Konsequenz geht es als nicht nur darum, der Perspektive des Kapitals auf die Produktivität (die tatsächlich „verkehrt“ ist), eine begriffliche „Anerkennung des Abgespaltenen“ (Biesecke, Hofmeister) entgegen zu stellen, sondern dessen wirkliche Grundlage, d.h. die Form der Privatproduktion auf Grundlage der Enteignung der Arbeitskräfte von den Produktionsmitteln, aufzuheben.

Die produktiven Kräfte (bzw. Potentiale) der Menschen im Kapitalismus bedürfen nicht nur einer Ergänzung durch die reproduktiven, sondern sie müssen selbst aus ihrer Unterwerfung unter die Kapitalverwertungszwecke befreit werden.

P.S.:
Zu einem meiner Ansicht nach fruchtbareren Vorschlag, die gesamtgesellschaftliche Reproduktion als Begriff zu verwenden und außerdem zwischen natürlichen und menschlichen Produktivitätspotentialen und den in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen genutzten produktiven Kräften zu unterscheiden, siehe die Beiträge zum Buch „Mensch-Gesellschaftsformation-Biosphäre“ von Karl Hermann Tjaden.


Literatur:

Biesecker, Adelheid; Hofmeister, Sabine (2008): „(Re)Produktivität. Nachhaltige Natur- und Geschlechterverhältnisse“. WIDERSPRUCH Nr. 54, S. 111-125.
Haug, Wolfgang Fritz (1989): Vorlesungen zur Einführung ins „Kapital“. Hamburg: Argument-Verlag.
Lenin, Wladimir Iljitsch (LW): Werke. Berlin.
Marx, Karl; Engels, Friedrich (MEW): Werke. Berlin.
Peters, Klaus (1988): Karl Marx und die Kritik des technischen Fortschritts.
Schlemm, Annette (2006): Selbstentfaltungs-Gesellschaft als konkrete Utopie. Osnabrück: Packpapier-Verlag. (Broschüre, Webtexte dazu)
Schlemm, Annette (2009): Die Wertformananalyse im „Kapital“ von Marx.

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