Angesichts der bedrohlichen Trends, die mit dem Klimawandel, dem Ende der erdölbasierten Lebensweise und den ökologischen sowie sozialen Verwerfungen zu befürchten sind, wird nicht mehr nur ein Spurwechsel in Richtung einer „nachhaltigen“ Wirtschafts- und Lebensweise gefordert, sondern es wird häufig als notwendig angesehen, eine „Resilienz“ (flexible Widerstandsfähigkeit, wie sie etwa ein Bambus gegenüber Verbiegungen hat) gegenüber den Wandlungen zu entwickeln.

Wie ich in einem Vortrag im vorigen Sommer in Berlin schon sagte: Auch unsere konkreten Utopien dürfen nicht nur unter Idealbedingungen funktionieren, sondern sie müssen sich einem „Crashtest“ unterziehen. Macht nicht die Gefahr einer allgemeinen Brutalisierung und Barbarisierung der Welt angesichts der Zusammenballung der Krisen unsere schönen Hoffnungen zunichte? Oder sind es gerade die von uns vorgedachten, ansatzweise auch ausprobierten neuen Verhaltens- und Lebensweisen, die uns in und durch die Krisen hindurchhelfen können? (Der folgende Text ist ein Abschnitt aus der Veröffentlichung zum Vortrag, die ich gerade vorbereite.)

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen interkulturellen Vergleich vorstellen (Seibel 1987). Verglichen werden die Lebensbedingungen und die gesellschaftlichen Strukturen in Melanesien (dazu gehören z.B. New Guinea und Fiji) und Polynesien (z.B. Hawaii und Samoa).

Interessant ist hier, dass in den entsprechenden Inselgruppen recht unterschiedliche Umweltbedingungen für das menschliche Leben vorliegen. Während auf den melanesischen Inseln die Nahrungsversorgung stets auf unsicheren Grundlagen beruht, erleichtern auf den polynesischen Inseln günstige Umweltbedingungen die Produktion von wirtschaftlichem Überschuss. Einen deutlichen Unterschied gibt es auch in der sozialen Schichtungsstruktur. In der einen Inselgruppe herrscht eine relativ offene gesellschaftliche Schichtungsstruktur vor, d.h. es gibt eher kleinere gleichberechtigte Gruppen mit einer flachen Hierarchie. In der anderen dagegen entwickelte sich eine hierarchische Adels-Hierarchie, d.h. sie ist relativ geschlossen.

Die Frage ist nun, zu welcher Art von Lebensbedingungen (problematisch/günstig) gehört welche der sozialen Schichtungsstrukturen (relativ offen/relativ geschlossen)? Meiner Erfahrung nach wird häufig angenommen, dass Menschen sich unter Überflussbedingungen eine offenere Entscheidungsstruktur „leisten können“, während in Notzeiten eine „straffe Hand“ organisieren muss. Die Erfahrung stützt das jedoch nicht. Die folgende Tabelle fasst die typischen Unterschiede für melanesische und polynesische Inseln zusammen:

An diesem Beispiel zeigt sich ein deutliches Zusammenfallen von Offenheit und Dynamik der Gesellschaft mit problematischen Umweltgegebenheiten, während die Gesellschaft unter günstigen Umweltbedingungen sich eher als starr und statisch erweist.

Die Vermutung, dass die politischen Strukturen von den Umweltbedingungen abhängen, wird auch durch historische Studien aus Polynesien bestärkt. In den Perioden, in denen die Menschen in die unterschiedlichsten Lebensbereiche vordrangen, die Inseln erschlossen, neue landwirtschaftliche Verfahren entwickelten und Umweltprobleme bewältigten, gab es noch keine sozialen Ungleichheiten mit geschlossenen Strukturen. Erst später (ab 1600) gibt es eine starke Hierarchisierung. Auch für andere Inseln wurde diese Abfolge vorgefunden: Nach dem in offenen Strukturen vollzogenen Problemlösungsprozess bildete sich nach der Bewältigung der Probleme eine komplexe und geschlossene Schichtungsstruktur heraus.

„Die offene Schichtungsstruktur ermöglichte in der ersten Phase die Mobilisierung aller individuellen Fähigkeiten mit dem Ergebnis einer erfolgreichen […] Problembewältigung. Damit war die Grundlage gegeben, auf der anschließend ein Staatswesen mit komplexer Hierarchie und komplexen Erbschaftsregeln entstand, das die Problemlösungen, nämlich Überschussproduktion und Umverteilung, routinisierte und auf die Kreativität des einzelnen nicht mehr angewiesen war.“ (Seibel 1978)

Dass starre Gesellschaften mit entstehenden neuen Problemen schlecht umgehen können, zeigen auch vielfältige Beispiele bei Jared Diamond (2006).

Bei Seibel wird auch über das westafrikanische Volk der Kran berichtet. Diese Menschen leben seit Jahrhunderten in überaus prekären Umständen, wurden mehrfach vertrieben, mussten sich mehrfach auf neue Lebensbedingungen einstellen. Wie Seibel betont, kann er über die Lebens- und Wirtschaftsweisen derer, die das nicht überlebten, nicht berichten. Es bleibt die Erkenntnis, wie jene agierten, die es geschafft haben zu überdauern und sich dabei zu entwickeln. Dieses Beispiel gibt Hinweise auf die Frage, „Wie stellt sich eine Gesellschaft auf eine solche ständige Bedrohtheit ein, wie gelingt es ihr, unter diesen Bedingungen zu überleben?“ Die Antwort besteht in der bestmöglichen Mobilisierung der individuellen Handlungsfähigkeiten. Große Spielräume und eine geringe Determiniertheit zeichnet die soziale Struktur dieser überlebenden Gruppen aus. Es gibt hier gleichzeitig offene und geschlossene Strukturen. Die offenen überwiegen bei den zu lösenden Problemfeldern. In den unproblematische Bereichen dagegen, d.h. in Bereichen, in denen die gefundenen Problemlösungen routinisiert wurden, setzten sich formale Autoritätsverhältnisse durch.

Damit wird nicht behauptet, dass nicht auch in Krisenzeiten „starke Männer“ die Macht übernehmen würden – es deutet nur darauf hin, dass solche Gemeinschaften eher nicht überdauern, sondern jene, die auf eine geringe Vorherbestimmtheit und Flexibilität setzen.

Was ich damit zeigen wollte ist ein Zusammenhang zwischen dem, was wir als konkrete Utopie vertreten und der Gefahr von krisenhaften bis katastrophalen Bedingungen, unter denen der Übergang höchstwahrscheinlich erfolgen muss. Es zeigt sich, dass gerade unter problematischen Bedingungen jene Verhaltensweisen und sozialen Strukturformen erfolgversprechend sind, d.h. jene, die den Individuen einen größtmöglichen Spielraum geben, auch der Grundstruktur der konkreten Utopie entsprechen.

Gleichzeitig deutet sich an, dass nach der Überwindung der Gefahrensituation als erneute Herausforderung diesmal nicht die Institutionalisierung der die Individuen fremdbestimmenden Problemlösungsroutinen stehen darf – sondern wir Problemlösungen finden müssen, die die individuelle Selbstentfaltung „institutionalisieren“.


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