Hallo,

leider gibts nicht nur Frühling und Sport und Feiertage, sondern neben dem schlechten Wetter gibts noch schlimmere Ärgernisse.

Derzeit gibt es wieder einen aktuellen Abschiebefall, den ich hier mitteilen möchte. Ich dokumentiere dazu die Erklärung der betroffenen Familie vom The VOICE Refugee Forum:


Erklärung

Zella-Mehlis, 06.04.2012

Abschiebeprozess – Familie Lahmar Cherif

Miloud Lahmar Cherif, Algerier, Asylsuchender in Deutschland seit dem
29.12.2009
Olesia „Sarah“ Lahmar Cherif, Ukrainerin, Asylsuchende in Deutschland seit
dem 29.12.2009

Am 04.03.2012 haben wir von der Ausländerbehörde Schmalkalden-Meiningen
einen Brief bekommen, in dem uns bis zum 07.05.2012 Zeit gegeben wird,
Deutschland freiwillig zu verlassen – wenn wir uns weigern, werden sie uns
abschieben.

Aufgrund unserer unterschiedlichen Nationalitäten (Algerier, Ukrainerin)
planen sie, uns entweder zu zwingen, zusammen in eines der beiden Länder
zu gehen, oder uns getrennt voneinander abzuschieben. Obwohl wir unsere
offiziellen Personalausweise und Heiratsdokumente abgegeben haben, die
unsere Ehe beweisen, drohen sie uns mit Trennung durch Abschiebung.

Wir wollen nicht gezwungen werden, in einem Land zu leben, in dem wir uns
nicht sicher fühlen. Es ist unser Recht zu entscheiden, wo wir leben
wollen – dafür werden wir weiter kämpfen. In der Ukraine wurde ich von
ukrainischen Faschisten verfolgt und mit dem Tod bedroht, nur weil ich
aufgrund meines Aussehens als Ausländer identifiziert wurde. Meine Frau
würde in Algerien aufgrund ihres jüdischen Glaubens mit geringer bis gar
keiner sozialen Anerkennung und in Gefahr leben. Allein ihr Glauben reicht
aus, um von extremistischen Islamisten umgebracht zu werden.

Ich bin Miloud und seit meiner Ankunft in Deutschland Aktivist von The
VOICE Refugee Forum. Ich habe den Großteil meiner Zeit damit verbracht,
den institutionellen Rassismus hierzulande öffentlich anzuklagen und
Gerechtigkeit sowie gute Lebensbedingungen für Flüchtlinge in Deutschland
und auf der ganzen Welt zu fordern. Ich habe für eine Änderung der
Situation im Lager-Wohnblock von Zella-Mehlis gekämpft, in dem ich selbst
noch lebe. Viele Dinge haben sich seitdem in Zella-Mehlis geändert – die
meisten der Familien haben Wohnungen bekommen und damit das schreckliche
Lager verlassen. Ich habe dem Thüringer Innenminister in einer
Podiumsdiskussion bei Radio Lotte in Weimar die Stirn geboten – der
Minister hatte keine andere Wahl, als das Lager Zella-Mehlis besuchen zu
kommen.

Die Ausländerbehörde hat mich seit der ersten Aktion für die Schließung
von Zella-Mehlis im Visier gehabt. Genau am Tag einer Kundgebung und
Demonstration in Meiningen (24.03.2011) habe ich einen Brief bekommen, in
dem ich aufgefordert werde, eine 60€-Strafe zu zahlen, weil ich im
November 2010 auf dem Weg zu einer Karawane-Konferenz in Berlin im
Erfurter Hauptbahnhof wegen der Residenzpflicht kontrolliert wurde.

Meiner Frau wurden ärztliche Versorgung und ihr Recht auf psychologische
Behandlung verweigert. Sie wurde sogar vom Meininger Sozialamt davon
abgehalten, überhaupt einen Arzt aufzusuchen. Die Greizer Ausländerbehörde
setzte uns bereits 2010 unter Druck, drohte uns mit Abschiebung und damit,
uns zu trennen, weshalb meine Frau Olesia in eine schwere Depression
geriet. Sie konnte acht Tage lang nicht sprechen und wurde ins Stadtrodaer
Krankenhaus eingeliefert. Als sie nach elf Tagen wieder entlassen wurde,
ließ der Druck durch die Ausländerbehörde Greiz nicht nach. Ich habe mich
deshalb dazu entschlossen, mit ihr nach Norwegen zu gehen, wo wir 14
Monate blieben. Meine Frau verbrachte neun Monate durchgehend in drei
verschiedenen Kliniken in Oslo und Umgebung, unter anderem in Blackstad,
wo sie einen Selbstmordversuch unternahm, als sie verstand, dass uns
Norwegen aufgrund der Dublin-II-Verordnung nicht dauerhaft aufnehmen
würde. Die norwegischen Ärzte warnten uns, dass im Falle neuerlicher
Auslöser für das Trauma die Auswirkungen auf meine Frau noch schlimmer
sein könnten und zu einer schweren und langfristigen Depression führen
können. Infolge der jetzigen Abschiebeandrohung verschlimmert sich ihre
schwierige Situation, was mir große Sorgen bereitet.

Mein Leben wird in Deutschland stattfinden. Ich habe im Dezember 2011
angefangen, Deutsch zu lernen, obwohl ich den Kurs selber gar nicht
bezahlen konnte. Freunde unterstützten mich mit Spenden. Ich bin außerdem
in Kontakt mit der Technischen Universität Ilmenau und möchte mein vorher
begonnenes Studium im Mechanischen Ingenieurwesen dort im kommenden
Semester fortsetzen, vor allem nachdem ich grünes Licht von der TU Ilmenau
bekommen habe und auf finanzielle Unterstützung durch Spenden bauen kann.

Meine Frau und ich sind Teil des Theaterstücks „My heart will go on“, das
vom Theaterhaus Jena zusammen mit The VOICE Refugee Forum entwickelt
wurde. Wir sind beide als Schauspieler beteiligt, die Aufführungen dauern
bis Ende Mai 2012 an, eine Wiederaufnahme des Stücks in der neuen
Spielzeit ist bereits geplant.

Ich werde Deutschland nicht unter Zwang verlassen. Ich werde nie das Lager
Zella-Mehlis verlassen – bevor nicht alle anderen dort raus sind und ich
als Letzter es schließen werde.
Meine Mission in Zella-Mehlis ist noch nicht beendet!

Miloud & Olesia Lahmar Cherif
The VOICE Refugee Forum
Industriestr. 29
98544 Zella-Mehlis
Phone: +49 (0) 176 99334119
E-Mail: thevoiceforum@gmx.de

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