Manchmal lohnt es sich, in der Stadt der Klassischen deutschen Philosophie zu leben, den schon so alten und immer wieder freien Geist zu spüren. Dieser wird derzeit angerufen in einem spannenden Projekt von Studierenden an der Uni Jena. Sie organisieren vom 17.04.-26.06.2012 eine Vortragsreihe mit dem Titel „Hegel in Transformation“ mit international anerkannten Hegelexperten (ReferentINNen haben sie „trotz größter Bemühungen“ nicht gefunden).

„Willkommen in der vermeintlichen Rumpelkammer der Philosophie“ – so Klaus Vieweg heute im Eröffnungsvortrag. Ich werde in den folgenden Beiträgen einige Inhalte referieren, dabei wenig (be)werten, sondern höchstens ergänzen durch bestimmte Literaturhinweise und (hoffentlich) weiterführende Gedanken.

(Hinweis: Ich erhielt inzwischen eine nette Mail von den Veranstaltern dieser Vortragsreihe u.a. mit folgendem Hinweis: „Prof. Vieweg bat uns jedoch, Sie darauf hinzuweisen, dass die PowerPoint-Folien seines Vortrages nicht zur Veröffentlichung angedacht waren und deshalb bitte aus Ihrem Artikel genommen werden mögen.“ Jetzt bin ich natürlich ziemlich verwirrt… Ein öffentlicher Vortrag, der nicht zur Veröffentlichung gedacht war? Da ich eine sehr schnelle Mittipperin bin, hatte ich die meisten Folieninhalte während des Vortrags mitgeschrieben, was darf ich denn da künftig noch??? Ich war ja schon froh, mich auf vom Autor selbst formulierte Folien beziehen zu können. Wenn man nur Gehörtes versucht wiederzugeben, ist die Mißverständnis- und Fehlerrate ja doch höher. Nun, wenn der Urheber des Vortrags eine Nichtveröffentlichung wünscht, nehme ich die Folienzitierungen raus, inhaltlich geht dadurch m.E. allerdings die Hauptargumentation verloren. Nachtrag dazu: siehe Kommentar 5.)


Der Vortrag von Klaus Vieweg „Jenseits von Wall Street und People´s Republic – Das Ende des Kapitalismus und seine Zukunft“ bezog sich im Titel auf den Umbenennungsvorschlag für die Wallstreet zur People´s Republic und den Beitrag von J.M. Bernstein „Hegel on Wall Street“ in der New York Times 9. Okt. 2010.

Klaus Vieweg stellte das Hegelsche Konzept der „bürgerlichen Gesellschaft“ vor als innovative und nach wie vor gültige Konzeption einer modernen Markt-, Bildungs- und Solidargesellschaft. Hegel erfasste insbesondere die für die Moderne typische Trennung von Staat und Gesellschaft.

Dabei liegen den Beziehungen der Menschen zueinander und ihrem gesellschaftlichen Umfeld gegenüber besondere Strukturen zugrunde. Dabei geht es um ein bestimmtes Verhältnis von Besonderen (Individuen) und dem (gesellschaftlichen) Allgemeinen – so dass es nahe liegt, diese Verhältnisse mittels logischer Kategorien darzustellen.

Es erleichterte das Verständnis des Vortrags ungemein, wenn man bereits eine Grundkenntnis der Gesellschaftstheorie Hegels (Philosophie des Rechts, Enzyklopädie III) und seiner Logik (Wissenschaft der Logik, Enzyklopädie I) mitbrachte; in knackiger Kurzform stützte er sich auf die logische Struktur der gesellschaftsphilosophischen Kategorien. In einem ersten Schritt sieht (sah) das z.B. so aus:

Etwas konkreter ist schon der Schluss der Induktion: B-E-A:

Wir sehen (leider nicht mehr), dass die Logik durchaus etwas mit dem wirklichen Leben zu tun hat, wie wir es täglich erleben. Die eben geschilderte Situation kennzeichnet – wie ich Hegel entnehme, der hoffentlich nichts gegen die Zitierung hat – die „bürgerliche Gesellschaft“ als „relative Totalität der relativen Beziehungen der Individuen als selbständiger Personen aufeinander in einer formellen Allgemeinheit“ (Enz. III § 517: 319). Oder wieder lebensnäher:

„In der bürgerlichen Gesellschaft ist jeder sich Zweck, alles andere ist ihm nichts. Aber ohne Beziehung auf andere kann er den Umfang seiner Zwecke nicht erreichen; diese anderen sind daher Mittel zum Zweck des Besonderen.“ (GPR § 182 Zusatz: 339 f.)

„Besonderheit und Allgemeinen sind auseinander gefallen, sie halten sich das andere vom Leibe, aber sie sind wechselseitig gebunden und bedingt (ebd. § 184 Zusatz: 340f.)

Bei Hegel ist nun genau dies nicht der Weisheit letzter Schluss oder der Wahrheit höchste Form. Die so geschilderte gesellschaftliche Struktur ist immanent krisenanfällig, sie vermag aus sich selbst heraus kein Maß zu entwickeln, die Befriedigung der Bedürfnisse wird als zufällig erlebt, das persönliche Wohl kann auch mißlingen. Solch einer Struktur entspricht die Ideologie des Marktfundamentalismus, die Vorstellung, die wirtschaftlichen Märkte könnten alles alleine regeln.

Mit Hegel kann über diese Strukturen hinaus gedacht werden. Bei ihm gibt es eine weitere Stufe der Gesellschaftlichkeit – Klaus Vieweg kennzeichnet sie als Stufe der „Aufsicht und Regulation -soziale Sorge und Fürsorge als Funktionsbedingung für die bürgerliche Gesellschaft“. Es muss eine verallgemeinerte Fürsorge verwirklicht sein, der Markt muss sich selbst beaufsichtigen. Es muss eine Einheit von Rechts- und Sozialstaat geben, das Recht muss einen Inhalt haben und dazu zählt auch das Wohl aller Mitglieder der Gesellschaft. Als Beispiel nannte Vieweg das Kartellamt, das dem Trend der Marktmonopolisierung entgegenwirkt. Auch das Gesundheitswesen und ähnliche Bereiche müssen dem Markt entzogen werden.

In Hegels Gesellschaftstheorie ist diese Regulation der Wirtschaftsmärkte bzw. die Einbettung dieser in bedingende, anders strukturierte Gesellschaftsbereiche in zweierlei Weise enthalten:

  1. „Über“ der Sphäre der „bürgerlichen Gesellschaft“ befindet sich die Sphäre des „Staates“, wie in der folgenden Abbildung, die sich auf den typischen methodischen „Dreischritt“ bezieht, angedeutet wird.
    Unter „Staat“ ist hier jene gesellschaftliche Infrastruktur zu verstehen, in der die einzelne Vernunft ihr eigenes Wesen findet, in dem sie „nicht mit dem ihr Fremden, sondern nur mit ihrem Eigenen zusammen“ (HW 13: 136) geht.

    Sittlichkeit“ steht für die Gesellschaftlichkeit des Menschen im weitesten Sinne, in dem das Besondere und das Allgemeine vermittelt ist.

  2. Auch innerhalb der Sphäre der „bürgerlichen Gesellschaft“ sorgt ein „Not- und Verstandesstaat“, d.h. so etwas wie eine öffentliche Verwaltung für eine gewisse Regulation über die Bereiche von Wirtschaft und Rechtswesen hinweg.

Soweit ich es verstanden habe, bezog sich Klaus Vieweg vorwiegend auf die in 2. angesprochene Regulierung der Märkte.
Er arbeitet „drei Stufen oder Sphären der Verbindung der Prinzipien der Besonderheit und der Allgemeinheit in der bürgerlichen Gesellschaft“ heraus:

  1. der Marktakteur steht mit seiner egoistisch-atomistischen Weltschicht im System der Bedürfnisse dem fremden, nur bedingt steuerbaren Marktmechanismen gegenüber, die Industrie kann sich nicht selbst beaufsichtigen, braucht allgemeine Instanzen.
  2. Universelle Anerkennung der konkreten Person; die Rechtspflege muss allgemein sein, bezieht sich aber nur auf formelles Recht.
  3. Die Mitglieder die Civil Society mit am Gemeinwohl orientierter, solidarischer Einstellung engagieren sich für eine angemessene Gestaltung der Marktordnung und für soziale Hilfe; die gemeinnützige Hilfe kann die öffentliche staatliche Hilfe nicht ersetzen. (Folie Vieweg)

Damit argumentiert Vieweg mit Hegel gegen die neoliberale, marktfundamentalistische Ideologie. Er erkennt in Hegel einen Kritiker des Marktfundamentalismus, wobei er den Markt als Grundlage des modernen Wirtschaftens nicht antastet. Damit erklärt sich auch die vertrackte Formulierung aus der Überschrift, wo er dem Kapitalismus zwar ein Ende zuschreibt, aber auch eine Zukunft. Er versteht Hegels Theorie als „Konzeption für eine regulierte Marktverfassung für eine vernünftige und gerechte Gesellschaft“.

Aufgrund der Bedeutung dieser Konzeption angesichts der selbstbedrohenden Krisenhaftigkeit fordert Vieweg einen „hegelian turn“ in der Philosophie.

In der Diskussion wurde danach gefragt, wie die von ihm mit Hegel begründete soziale Marktwirtschaft praktisch verwirklicht werden kann. In der Antwort verwies Klaus Vieweg darauf, dass es ja durchaus Teilergebnisse bei der Gestaltung eines Sozialstaates gebe. Als Teilantwort auf die Fragestellung, was wir selbst tun können, hatte er im Vortrag bereits auf die Bedeutung der Bildung verwiesen.

An anderer Stelle verwies er darauf, dass Hegel im „bios theoreticos“ (vgl. bei Aristoteles) die höchste Lebensform sah. In allem praktischen Handeln dagegen sei die Freiheit immer noch an Bedingungen gebunden, die ihn einschränken.


Später werden noch einige eigene Gedanken zum Vortrag von Klaus Vieweg erscheinen.

Hier gehts weiter zum Vortrag von Hartmut Rosa „Von Anerkennung zu Resonanz“.

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