Aufgrund einer Nachfrage im Blog trage ich einige Gedanken zusammen, die ich bereits schon einmal in Mails verwendet habe. (Die Herkunft aus Mails erklärt auch den besonders lockeren Stil).


Philosophische Systeme oder Konzepte sind immer Antworten auf Fragen, große Philosophien behandeln wesentliche Fragen ihrer Zeit und manche der Fragen begleiten die Menschheit wohl ewig…
Die Frage, auf die Hegel wie auch Marx eine Antwort suchten, war jene nach dem Umgang mit der Widersprüchlichkeiten des Lebens. Diese Widersprüche zeigen sich in bestimmten historischen Epochen auf unterschiedliche Weise (und eine widerspruchsfreie Zeit wird es wohl nie geben).
Wenn die Menschen sich problemlos heimatlich in ihrer Welt und freundschaftlich-brüderlich miteinander verbunden wüßten, gäbe es kein Problem der Entfremdung und (vielleicht) auch keine Philosophie…

1.1. Hegel

Hegel schreibt in diesem Sinne z.B.

„Wenn die Macht der Vereinigung aus dem Leben der Menschen verschwindet und die Gegensätze ihre lebendige Beziehung und Wechselwirkung verloren haben und Selbständigkeit gewinnen, entsteht das Bedürfnis der Philosophie“ (Hegel Differenzschrift, Werke Bd.2.S. 22).

Mehr dazu müsste man aus seiner Biographie entnehmen, ich hab auch eine kurze Einführung in die Anfänge seiner Sozialphilosphie als interessant gefunden, siehe: http://www.thur.de/philo/hegel/hegel22.htm.

1.2. Marx

Auch bei Marx siehe biographische Hinweise. Seine ersten journalistischen Schriften zeigen seine Empörtheit über die Zustände. …


2. Wie „lösen“ die beiden das Problem?
2.1. Hegel
2.1.1. Phänomenologie

Die Entfremdung wird thematisiert bei der Frage des Verhältnisses von Allgemeinem und Einzelnem. Welche Stellung nimmt Einzelnes gegenüber Allgemeinem ein? Im ungünstigen Fall eine entfremdete:„so daß das Individuum seine Ordnung dadurch, daß es sie aufstellt, nicht mehr als die seinige findet.“ (HW 3: 277). Das Individuum versucht diese Situation nun durch moralisches Verhalten zu lösen (hier schreibt Hegel noch „sittlich“, wo er später unterscheiden wird zwischen „Moral“ und „Sittlichkeit“), Tugend usw. Problematisch bleibt hier, dass die sittlichen (meint „moralischen“) Gesetze eben abstrakt sind…

Deshalb leitet Hegel dann über zum Kapitel des Geistes, und dieses Kapitel stellt den einzelnen Menschen dann in die Gesellschaft, als „das Allgemeine, das nur als dies Tun Aller und Jeder… ist“ (HW 3: 310f.).

Hier zeigt sich dann, das das, was man vorher nur als voneinander getrennt gesehen hat, seine Einheit im gesellschaftlichen Prozess findet. Man kann das als beruhigende „Versöhnung“ sehen, wenn man versteht, dass das einander Widersprechende jeweils eine sinnvolle Funktion im Ganzen hat. So ist Hegels „Versöhnung der Widersprüche“ auch oft interpretiert worden.

Aber bei Hegel gibt es kein statisches Ding, sondern nur sich bewegende, sich entwickelnde Zusammenhänge – insofern ist auch die Gesellschaft nicht von der ewigen Bewegtheit und Veränderung ausgenommen. Hegels Ideal war kein „ewiger preußischer Staat“, sondern die sich immer mehr in Richtung verwirklichter Vernünftigkeit entwickelnde Weltgeschichte…

2.1.2. System

In den späteren systematischen Schriften taucht die „Entfremdung“ als Extrathema auch nicht mehr auf.
Nur im Bereich der Ästhetik, der Geschichte und der Religionsphilosophie erwähnt er sie. Das zeigt schon mal, dass der Terminus „Entfremdung“ für ihn nicht systematisch wichtig oder unverzichtbar ist. Er ist nur ein Beschreibungswort.

Was bei Hegel in dieser Fragestellung Bedeutung hat, zeigt sich grundsätzlich in den Prinzipien des Aufbaus seiner Argumentation und seines Systems.

In seiner triadischen Methode ist der erste Moment in der Triade immer die abstrakte Identität, das zweite Moment zeigt die innere oder äußere Differenziertheit/Unterschiedlichkeit/Gegensätzlichkeit in dieser oder in Bezug auf diese Identität auf und das dritte Moment zeigt die innere, einheitliche Dynamik dieser vorher getrennt/unterschieden gesehenen Momente.

Insofern ist sein ganzes System eine ständige Wiederholung des Aufteilens von vorher scheinbar unterschiedslosen Identitäten und darauffolgende tiefgründigere Vereinigung. In der entstehenden Einheit ist nicht mehr alles unterschiedslos gleich, aber auch nicht mehr einfach unabhängig voneinander unterschiedlich oder gegensätzlich, sondern diese Einheit stellt eine „Identität von Identität und Unterschied“ her. „Entfremdung“ würde immer dem zweiten Schritt entsprechen. Eine erst unterschiedslose Einheit wird auseinander gerissen, Zusammengehöriges wird einander fremd, bis es in einem weiteren Schritt wieder auf höherer Ebene vereinigt wird. Als Begriff dient systematisch hier weniger der „Entfremdungs-„Begriff, sondern es eignet sich eher das Wort „Entäußerung“. Denn der ganze Prozess ist gerade die Selbstbewegung der Gesamteinheit. Der objektive Geist unterscheidet in sich selbst seine Momente Recht, Moral und Sittlichkeit. Alle drei Momente werden gebraucht, ihr widersprüchliches Zusammenspiel erzeugt gerade die Gesamtdynamik. Das Ganze entäußert sich in seine Momente – die widersprüchliche Bewegung der Momente konstituiert das Ganze.

Insofern beruht alle Bewegung auf Entäußerung, … und die Bewegung jeder Gesellschaft beruht ja tatsächlich auch auf der Entäußerung der individuellen menschlichen Kraftwirkungen… .
Man kann nun wieder zwei Meinungen haben:

a) Entäußerung an sich ist nicht schlecht, sondern für jede Gesellschaft notwendig. Nur die kapitalistische Form der Entäußerung, die die Subjektfunktion von den (lebendigen) Menschen auf ihr Arbeitsprodukt (totes) Kapital überträgt, entwickelt eine spezifische Form der Entäußerung, deren Wirkung mit „Fetischismus“ beschrieben werden kann.

b) Da jede Vergesellschaftung mit Entäußerung zu tun hat, ist mit der Entäußerung gleich die ganze Vergesellschaftung grundsätzlich zu kritisieren. Diesen Weg gingen z.B. die Existentialisten, die Avantgarde-Künstler etc.

Bei Hegel ist der „Idealismus“ darin zu sehen, dass für ihn alle ideellen Momente in der Gesellschaft die Dominanz haben, und auch in der Weltgeschichte nicht die materiellen Faktoren, nicht die materiellen Grundlagen des Lebens und ihre Entwicklung betrachtet wird, sondern nur die ideellen.

Außerdem ist bei Hegel eher der Gedanke angelegt, dass kein grundsätzlicher Wandel mehr notwendig ist, sondern in seiner Zeit und mit seiner Philosophie bereits das Zeitalter der wirklich gewordenen Vernunft angebrochen ist.

2.2. Marx

Der Unterschied zu Hegel deutet sich auch schon zu Beginn an: Marx beschäftigt sich in seinen journalistischen Arbeiten zu Beginn mit handfesten konkreten Lebensfragen (Holzdiebstahl etc.) und wird dadurch von rein philosophischen Interessen auf gesellschaftspolitische und ökonomische Fragen gebracht.

Marx sucht deshalb die polit-ökonomische Grundlage der Entfremdung der Menschen und sieht die Aufhebung der Entfremdung gebunden an die Aufhebung der sie bedingenden/verursachenden polit-ökonomischen Grundlagen. Um dies zu tun, widmet er seine weitere Zeit der Analyse dieser Grundlagen im Interesse ihrer Aufhebung – also auch der Aufhebung der Entfremdung (ohne darüber viel weiter zu reden).

Es gibt nun Debatten darüber, ob er weiter sein Frühwerk (mit der Thematisierung der Entfremdung) in sich trug und nur halt keine Zeit mehr hatte, extra darüber zu schreiben, sondern sich auf die polit-ökonomischen Fragen beschränken musste – oder ob er sich bewußt von rein anthropologischen Fragestellungen abgewandt hat (manchmal ist es ja so, dass man eine Fragestellung quasi als Leiter benutzt, um irgendwo anders anzukommen und die Leiter dann nicht mehr braucht).

Einiges spricht für die zweite Version. Zumindest ist der Ausdruck „Entfremdung“ so geartet, dass er irgend etwas Ideales, Unentfremdetes voraussetzt. Aber den idealen, unentfremdeten Menschen hat es nie gegeben, Menschen sind immer vergesellschaftet und die Formen der Vergesellschaftung ändern sich historisch. Die bürgerlich-kapitalistische Vergesellschaftung entfaltet jedoch einen Extremfall, in welchem jene Gesellschaftlichkeit, die die einzelnen Menschen selbst erzeugen, sich ihnen gegenüber verselbständigt, verdinglicht. Das wird dann eher im „Fetisch-„Begriff erfaßt. (siehe oben die Variante a).

Für Marx hat die Entfremdung im Kapitalismus als Grundlage die Trennung des Produktionsmittel- und des Arbeitskraftbesitzes, also die Aufspaltung der Gesellschaft in zwei Hauptklassen. Die Aufhebung der Entfremdung ist deshalb mit der Aufhebung dieser Klassenspaltung verbunden. Das geht über Hegel hinaus, weil es 1. noch (mindestens) einen grundlegenden Bruch mit der (kapitalistischen) Wirklichkeit erfordert und 2. das Hauptaugenmerk auf nicht ideelle Faktoren, sondern materielle gesellschaftliche Verhältnisse legt.

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