Der fleißige Blogkommentator hhirschel fragte mich in einem Kommentar zum Beitrag “Von der Anerkennung zur Resonanz”:

“Wann sind denn bürgerliche Freiheiten streng philosophisch betrachtet “konkret” und wann “abstrakt”?”

Beim Schreiben der Antwort merkte ich, dass es doch etwas länger wird, deshalb mache ich dafür einen eigenen Beitrag. Die Frage ist schließlich sehr interessant und wichtig. Danke dafür!


“Abstrakt” und “konkret” sind mögliche Erkenntnisweisen von uns, mit denen wir mehr oder weniger “tief” ins Getriebe der Wirklichkeit hineinschauen, die also auch jeweils wirklich vorhandene unterscheidbare Sphären der Wirklichkeit in den Fokus nehmen.

Bürgerliche Freiheit betrachte ich abstrakt, wenn ich von der individuellen Besonderheit der menschlichen Individuen absehe, von der inhaltlichen Bestimmung ihrer gegenseitigen Beziehungen. Ich sehe und betrachte dann nur voneinander getrennte Personen. Natürlich merke ich, dass diese Abstraktion nicht “die Wahrheit” ist, sondern dass Menschen in Beziehungen stehen. Diese Beziehungen nehme ich bei der weiteren Konkretisierung hinzu und betrachte auch sie dann erst einmal in abstrakter Weise, wenn auch hier die jeweilige inhaltliche besondere Bestimmtheit außer Acht gelassen wird und die Personen z.B. nur bezüglich eines rechtlichen formalen Gleichheitsanspruches betrachtet werden. Im Recht entspricht also sogar die Wirklichkeit selbst dieser abstrakten Betrachtungsweise.

Ich konkretisiere dann meine Betrachtungsweise, wobei Konkretion immer bedeutet, mannigfaltigere und verschieden bestimmte Faktoren in die Betrachtung hinein zu nehmen.

Schon Hegel erkannte dann auch, dass solche Beziehungen wie die der Arbeit zum Menschsein dazu gehören und durch die Sphäre des Rechts noch nicht (weder in der Realität, noch in unserer Betrachtung) ausreichend berücksichtigt werden können. Also gibt es darüber hinaus gehende Begriffe, die in Richtung ökonomischer Verhältnisse weisen.

Aber auch das ist bei Hegel nicht das letzte Wort – daran zu erinnern bzw. das zu würdigen, war der Hauptinhalt des Vortrags von Klaus Vieweg, über dem Rechtlichen und dem Ökonomischen steht eine gesellschaftliche Sphäre (“über” bedeutet, dass es umfassender und für das in ihm Enthaltene auch inhaltlich bestimmend ist), in der “die einzelne Vernunft in dieser gesellschaftlichen Infrastruktur ihr eigenes Wesen findet, und – wenn sie entsprechend dieser Infrastruktur handelt, „nicht mit dem ihr Fremden, sondern nur mit ihrem Eigenen zusammen“ (HW 13: 136) geht.

(All das findet man – natürlich viel präziser – auch in dieser Reihenfolge, die Marxist_innen als “Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten” kennen, in den “Grundlinien der Philosophie des Rechts” bzw. in der Philosophie des objektiven Geistes (in der “Enzyklopädie III”).

Freiheit, d.h. auch die bürgerliche, hat in jeder empirischen Verwirklichungsform (bei denen Hegel sich der jeweiligen Mängel durchaus bewusst ist), in irgend einer Weise auch Anteil an dieser Infrastruktur, in der etwas mir-nicht-Fremdes steckt. Sie ist insofern konkret, dass es den ganzen “Reichtum von Stufen und Momenten in sich enthält” (HW 20: 481) und wir begreifen sie konkret, insofern wir sie als Einheit Unterschiedener, als Einheit der mannigfaltigen Bestimmungen etc. auch begreifen.

Diesen Anteil an mir-nicht-Fremdem kann beispielsweise als Resonanz erfahren werden – damit schließt sich der Kreis zum Vortrag von H. Rosa.

Dass wir weltgeschichtlich mit den Verwirklichungsformen dieser grundsätzlichen Möglichkeiten menschlichen Daseins noch nicht zufrieden sind, verringert nicht den Wert der Leistung, mit der diese Möglichkeiten von einigen wenigen Menschen strukturell bereits vorgedacht wurden.

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