Nachdem insbesondere im vorigen Vortrag der Vortragsreihe „Hegel in Transformation“ gezeigt werden konnte, dass in der Hegelschen Philosophie durchaus interessante Bezüge zu politischen Themen gefunden werden können, stellte Vittorio Hösle in seinem gestrigen Vortrag die gesamte Praktische Philosophie von Hegel in einen umfassenden geistesgeschichtlichen Kontext.

Bevor er auf die Frage nach der Bedeutung von Hegels Theorie der sozialen Welt einging, beleuchtete er den geistesgeschichtlichen Hintergrund dieser Theorie. Nachdem das Christentum nicht mehr in der Lage war, eine Legitimation für die sozialen Institutionen zu liefern, wurde deren Begründung zu einem Problem, für das durch Winckelmann, Hamann und insbesondere Herder, Lessing sowie Kant, Schiller, die Frühromantiker und W. v. Humboldt viele neue Impulse entwickelt wurden. In der Diskussion ging Hösle dann noch zurück bis zur Mystik von Meister Eckhart und der Bedeutung der Debatten um die Bibelinterpretation. Weil in Deutschland der kulturelle Höhepunkt quasi mit Verspätung gegenüber anderen Kulturen erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts erreicht wurde, entstand hier die Besonderheit, dass der Höhepunkt der deutschen Dichtung in die gleiche Zeit fiel wie jener der deutschen Geisteswissenschaften, was insbesondere an Goethe deutlich wird. Aus diesen Quellen speist sich dann der Dreierbund Fichte, Schelling und Hegel. Dieser Jenaer Geist, in einem Parforceritt schneller und begeisterter Rede durch Hösle rekapituliert, mündete schließlich in der neuen Philosophie der sozialen Welt von Hegel.

Hösle verwies auf das besondere Interesse Hegels an zeitgeschichtlichen politischen Analysen über dessen gesamte Lebenszeit hinweg (siehe auch zu den „Anfängen der Hegelschen Sozialphilosophie“). Als junger Mann suchte Hegel aus den Theorien auch nach einer „Rückkehr zum Eingreifen in das Leben der Menschen“ (in einem Brief an Schelling, zitiert in Hösle 1998: 415). Später löste er sich davon und nahm im Gegenteil dazu an, dass das theoretische Begreifen immer nur der Höhepunkt einer untergehenden sozialen Gestaltung ist (dem folgt dann einer andere soziale Gestaltung mit neuen theoretischen Ansätzen…, dies ist Thema der „Weltgeschichte“).

Die Praktische Philosophie, d.h. die Theorie der sozialen Welt findet bei Hegel ihren Platz im Gesamtsystem. Sie stellt sich in der „Enzyklopädie“ (HW 10) dar als Philosophie des objektiven Geistes und findet ihre explizite Ausarbeitung in den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, von denen im 20. Jahrhundert zusätzlich Vorlesungsmitschriften editiert wurden, denen häufig wichtige zusätzliche Hinweise auf die Positionen Hegels zu entnehmen sind.

Als besonderes Problem erweist sich bei dieser Thematik, dass Hegel einerseits eine Theorie der Grundrechte zu begründen sucht, ohne deren Geltungsbegründung rein aus den Tatsachen oder der Geschichte zu entnehmen -andererseits aber durchaus konkrete politische Phänomene im Komplex sozialer Systeme untersucht. Dadurch entsteht eine „Vermischung von Normativem und Deskriptivem“ (Hösle), auf die Hösle schon in seinem Grundlagenwerk „Hegels System“ ausführlich einging. Zur Ergänzung referiere ich hier kurz einiges aus diesem Werk (zitiert aus Hösle Ausg. 1998):

Das Deskriptive und das Normative in Hegels Rechtsphilosophie

Hegel lehnt eine Denkweise ab, bei der das Sollen dem Sein äußerlich gegenüber gestellt würde (mehr zur Ablehnung des Sollens siehe hier). Hösle formuliert den Standpunkt Hegels so, dass nicht die Frage zu untersuchen sei, „was getan werden müsse“, sondern es gelte zu untersuchen, „wie das rechtliche, moralische und politische Handeln der Menschen beschaffen sei“ (416). Die praktische Philosophie ist deshalb „reine theoretische Betrachtung des Handelns und nicht Aufforderung zu einem normativ verbindlichen Handeln“ (ebd.).

„Es ist eben diese Stellung der Philosophie zur Wirklichkeit […], daß die Philosophie, weil sie das Ergründen des Vernünftigen ist, eben damit das Erfassen des Gegenwärtigen und Wirklichen, nicht das Aufstellen eines Jenseitigen ist […].“ (HW 7: 24)

Gleichzeitig sind die Inhalte der „Philosophie des Rechts“ aber offensichtlich auch keine „Deskription eines faktischen Staates“ (Hösle 1998: 419), sondern wollen lediglich als Theorie der allgemeinen Struktur des Sozialen verstanden werden.

Wie Hösle zeigt, kann Hegel die von ihm angestrebte Theorieform aber selbst methodisch nicht durchhalten. Hegel legt der Rechtsphilosophie ein Prinzip zugrunde, nämlich den „freie[n] Wille[n], der den freien Willen will“ (HW 7: 79). Das Recht wird abgeleitet aus dem Begriff des freien Willen, denn das Recht ist das „Dasein des freien Willens“ (ebd.: 80). Durch diese Methodik wird Hegels Philosophie des Sozialen nach Hösle dann doch zu einem normativen Entwurf. Vollendet wird diese Sichtweise erst in der „Weltgeschichte“, die den Abschluss der Rechtsphilosophie bildet (wenn ich es schaffe, stelle ich demnächst in meinem Blog diese Betrachtungsweise auch noch vor). In der vorangehenden Rechtsphilosophie jedoch bleibt es wegen der Abstraktion vom Geschichtlichen bei der von Hösle vermerkten Vermischung von Deskriptiven und Normativem.

Diese Vermischung zeigt sich auch im doppelten Begriff der Sittlichkeit: Einerseits benennt dieses Wort in deskriptiver Weise ein konkretes System sozialer Normen, das eine Kultur hat (wie beispielsweise die Inder) – andererseits soll im Begriff der Sittlichkeit der einzelne Wille identisch geworden sein mit dem allgemeinen, was auch nach Hösle normativ zu verstehen ist. Dadurch entstehen solche scheinbar widersprüchlichen Bezeichnungen wie die der „unsittlichen Sittlichkeit“ (die ich in der Literatur selbst grad nicht finde).

Würdigung und Kritik der Hegelschen Sozialphilosophie

Im Unterschied zum Vortrag beginne ich mit den Aspekten, die Hösle besonders wertschätzt an Hegels Sozialphilosophie (überhaupt erfolgt diese Zusammenstellung aus meinen Notizen, in denen ich nur mühevoll aus dem sprudelnden Redefluss die Darstellung rekonstruieren kann):

  • Die Philosophie der sozialen Welt ist eingebunden in das philosophische Gesamtsystem, sie steht deshalb in einer besonderen Beziehung auch zur Theorie der Natur und ist davon nicht getrennt.
  • Dabei ist in der Systematik (Unterteilung des Systems der Wissenschaften in Logik, Naturphilosophie, Philosophie des Geistes) die Logik keine Funktion des Sozialen, sondern Hegel geht von allgemeinmenschlichen Denkstrukturen aus. Er vermeidet auf diese Weise einen radikalen Kulturalismus.
  • Die soziale Welt selbst wird als System betrachtet, d.h. sie ist in sich selbst auch gegliedert. Diese innere Gliederung steht gegen beliebige Einteilungen und Fragmentierungen in bestimmten sozialwissenschaftlichen Betrachtungen. Die Systemstruktur, so bemerkte Hösle bereits vorher in seinem Vortrag, verhindert Parteilichkeit für einen einzelnen Sonderbereich und sie ist ein „Gegengift gegen den allgegenwärtigen Reduktionismus“
  • Hegel rezipierte erstmalig die britische Nationalökonomie im Rahmen einer politischen Theorie.
  • Hegel hat die Widersprüche der sozialen Welt wahrgenommen (siehe dazu auch den vorigen Vortrag von Frank Ruda)
  • Hegel erkennt an, dass unsere moralische Erziehung nur möglich ist durch soziale Institutionen. Dabei kommt den Normen jedoch eine eigene Begründung zu, sie lassen sich nicht einfach aus dem Sozialen ableiten.
  • In den konkreten Inhalten zeigen sich bei Hegel weiterhin Neuerungen, beispielsweise in der für die damalige Zeit völlig neuen Haltung zur Haftung für Dinge, die nicht verschuldet sind. Klassischerweise wäre dem Eigentümer, wenn er nicht direkt den Schaden verursacht, keine Schuldhaftung zuzuweisen. Hegel dagegen erkennt, dass es auch eine von der Verschuldung unabhängige Gefährdungshaftung geben muss.

Als problematisch betrachtet Hösle folgendes:

  • Da Hegel nur eine Theorie des Staates entwickeln will, d.h. ihn als „Wirklichkeit […], worin das Individuum seine Freiheit hat und genießt, aber indem es das Wissen, Glauben und Wollen des Allgemeinen ist“ (HW 12: 55) aus dem Begriff des freien Willens entwickelt, interessieren ihn real existierende Staaten nicht. Auch deren Mängel sind kein Thema für ihn. Deshalb gibt es bei ihm keine Thematisierung des Rechts auf Widerstand.
  • Obgleich er sich für Gewaltenteilung ausspricht, hat er nur ein beschränktes Interesse an demokratischen Momenten.
  • Als „scheußlichste Stelle“ betrachtet Hösle die Annahme der Unausweichlichkeit von Kriegen bei Hegel.
  • Insgesamt findet Hösle es „merkwürdig“, dass in der systemischen Struktur der objektive Geist vor dem absoluten Geist kommt, d.h. die politische Realität immer vor der politischen Theorie. Die Theorie kommt deshalb immer wie die „Eule der Minerva“ erst in der einbrechenden Dämmerung (HW 7: 28).
  • Indem Hegel nur die Grundprinzipien der Wissenschaft des Sozialen angeben will, berücksichtigt er nicht die konkreten Details und ermöglicht so keine Integration der empirischen Sozialwissenschaften.

Ich kann hier natürlich in keiner Weise der Fülle und Komplexität der Rede von Hösle hier in Jena gerecht werden. Mich hat der Vortrag angeregt, noch einmal genauer in sein Buch „Hegels System“ zu schauen. Vielleicht schreibe ich demnächst noch mehr dazu…

Advertisements