Der zweite Themenschwerpunkt beim Wiener Pfingstreffen war der Metaebene gewidmet: Mit welchen theoretischen Konzepten erfassen wir das, was die Welt an Möglichkeiten in sich trägt? Vor allem ging es um das Verständnis von Ganzheit.

Der Physiker und Philosoph Herbert J. Klima berichtete ausführlich über Holosophie und Holotope (wie in diesem Video) und bewältigte dabei einen Parforceritt durch die Philosophiegeschichte. Platon, Plotin, Heraklit, Nikolaus von Kues, Leibnitz, Schelling, Hegel., Smuts…

Mehr dazu gibts u.a. hier:

Aber die Akademie für Holostische Kultur will nicht nur theoretisieren, sondern sie versteht ihre Arbeit durchaus „als Beitrag zur Lösung geopolitischer Probleme“, indem sie ein Bewusstsein für ganzheitliche Lebensräume vermitteln will. Solche ganzheitlichen Lebensräume werden „Holotope“ genannt. Sie sind als ganzheitliche lokale Lebensräume sich selbst organisierende, autarke offene dissipativ Systeme, die selbstähnliche (fraktale) Strukturen ausbilden, sich entwickeln und harmonisch sind. In einem späteren Bericht über Projekte werde ich auf ein Beispiel praktischer Holotopgestaltung zurückkommen.

Da ich mich ebenfalls bereits intensiv mit der Frage der Ganzheitlichkeit beschäftigt hatte, war ich von Franz gebeten worden, in diesem ein wenig davon einzubringen, insbesondere als Kommentierung des vorigen Beitrags. Zwar hatte ich dafür nur wenig Zeit, aber mir war natürlich einiges eingefallen, was ich dann wenigstens kurz einbringen konnte.

Zuerst einmal die Übereinstimmungen (wo wir in unterschiedlicher Sprache dasselbe sagten): Beim Ziel der Holosophie, der „Erkenntnis des holotopischen Netzwerkes als Spiegel des metaphysisch Ganzen“ denke ich natürlich (;-)) sofort an Hegels absoluten Geist. Beinah alle Aussagen der Holosophie lassen sich rekonstruieren als Neuerfindung der Hegelschen Philosophie.

Dass heute wie damals in eine ähnliche Richtung gedacht wird, verweist auch darauf, dass ähnliche Ausgangsfragen stehen, ähnliche Erkenntnisinteressen bestehen. Die Suche nach Ganzheit verweist erstens auf eine Realität, in der diese nicht einfach vorhanden ist – aber zweitens auch auf irgend etwas in uns Menschen, d.h. in der Welt, was dennoch in diese Richtung tendiert. Der junge Hegel hatte einst geschrieben:

„Wenn die Macht der Vereinigung aus dem Leben der Menschen verschwindet und die Gegensätze ihre lebendige Beziehung und Wechselwirkung verloren haben und Selbständigkeit gewinne, entsteht das Bedürfnis der Philosophie“

Die klassische deutsche Philosophie ist geradezu vom Impetus der „Versöhnung“ des Auseinandergefallenen getrieben. Noch offensichtlicher zeigt sich das Streben nach Freiheit. Für Schelling beispielsweise ist Freiheit das „A und O aller Philosophie“. Wie passt das überhaupt zusammen? Was kann wirklich frei sein, wenn es in einem großen Ganzen steckt?

Ich will hier nun kein Ko-Referat skizzieren, nur einige Grundideen. Als Konzept für „Versöhnung“ bieten sich verschiedene Lösungsmuster an.

  • Die entzweiten Teile koexistieren nebeneinander. Sie bilden ein „Aggregat“, ohne dass sie mehr bewirken würden als ihre Summe.
  • In besonderen Wechselwirkungen zwischen Verschiedenem kann mehr entstehen als die Summe der Teile.
  • Für die Dialektik seit Fichte ist der Dreischritt „These“ – „Antithese“ – „Synthese“ bekannt. Hier wird von einer Gegensätzlichkeit der miteinander wechselwirkenden Teile ausgegangen („These“-„Antithese“). Häufig wird dieser Dreischritt auch in Verbindung mit Hegels Philosophie genannt. Hegel kritisiert diese Redeweise aber erstens wegen ihrem Schematismus und zweitens deswegen, weil hier scheinbar die These und Antithese beide aus dem Irgendwo kommen und nicht das zweite Moment die bestimmte Negation des ersten ist.
  • „Versöhnung“ wird –auch wieder bei Hegel – häufig als Entstehen eines starr-fertigen Systems interpretiert („Kristall“). Geschichtlich betrachtet entstünde ein nicht mehr steigerungsfähiger Zustand. Kann dann aber von Freiheit die Rede sein?

Auch die zuletzt genannte Form bildet etwas Ganzes, aber wir können nicht zufrieden damit sein. Diese Form des Ganzen wird wegen der Abwesenheit der Zukunft und der Affirmation des Bestehenden kritisiert. Sie zeigt eine Struktur, die von Hegel „abstrakt allgemein“ genannt wird. In ihr sind die Teile als Funktionselemente dem Ganzen untergeordnet, von ihren Besonderheiten gilt nur das, was diesem Funktionieren dient. Solch eine Darstellung findet sich beispielsweise in der Holon-Definition der „Earth Organisation for Sustainability“:

“Each holon has a simple, singular task to perform and con¬centrates exclusively on that task.”

Esoteriker, die auf die Einheit ohne Besonderheit, das Verschwinden der Individualität im Ganzen, streben, werden von Ken Wilber „Flachland-Esoteriker“ genannt. Ich sehe eine starke Verwandtschaft mit den Forderungen im realen Arbeitsleben, kooperativ und kreativ für das Unternehmen zu funktionieren.

Systemtheorien tendieren auch stark dazu, im Interesse des Heraushebens des Gemeinsamen die besonderen Qualitäten der enthaltenden Momente fallen zu lassen. Dies ist ungemein interessant und wichtig zum Erkennen solcher gemeinsamen Struktur- oder Prozessmuster. Aber wenn die Erkenntnis dabei stehen bliebe, würden die jeweiligen konkreten qualitativen Erklärungsinhalte verleugnet. „Das sind eben Fraktale“ erklärt alles, stimmt immer und hilft meist nicht weiter.

Den Holons wird neben der Harmonie auch Evolutionsfähigkeit zugeschrieben. Natürlich wissen wir alle, dass sich reale Ganzheiten verändern, dass neue entstehen und nichts statisch-starr-stabil bleibt. Wie jedoch etwas, das in komplementärer Harmonie sanft in sich schwingt, sich entwickeln soll, ist mir unklar. Natürlich kann man die Evolution in einer Summe von Stichpunkten einfach dazu schreiben – aber letztlich müssen diese genannten Merkmale auch miteinander zusammenhängen.

In dem oben genannten Link zu Ilja Prigogine wird deutlich auf das Potential der Selbstorganisationskonzepte verwiesen, nicht nur statisches Sein zu beschreiben, sondern auch das Werten konzeptionell zu ermöglichen. Dies ist durchaus ein faszinierender Fortschritt, mit dem ich mich auch lange gern beschäftigt habe. Wenn die Selbstorganisations- und Systemtheorien sowie auch die Philosophie „Metatheorien“ sind, so habe ich mich dann in einer „Meta-Meta-Theorie“ auch mit deren Verhältnis zueinander beschäftigt.

Es ist schon auffallend, dass die seit zwei bzw. drei Jahrzehnten auf das drängende Bedürfnis nach Ganzheitlichkeit antwortenden Konzepte sich konsequent an der Philosophie Hegels vorbei und um ihn herum bewegen. Schelling etwa wird noch genannt, aber die wichtige Fortführung Hegels über das „abstrakt Allgemeine“ hinaus ist so gut wie unbekannt.

Das „konkret Allgemeine“ geht bei Hegel über allen abstrakten Schematismus hinaus, es lebt vom konkreten Besonderen und die besonderen Momente bilden nicht nur in ihren harmonisch mit- und nebeneinander laufenden Bewegungen das Ganze, sondern es entwickeln sich immer wieder Gegensätze und nur diese Gegensätze führen letztlich auch dazu, dass das Ganze in seiner Bewegung über sich selbst hinaus getrieben wird und Neues entsteht, also Evolution stattfindet. Um die Widersprüchlichkeit, dass die Momente des Ganzen zwar als Momente EINES Ganzen etwas gemeinsam haben, sie aber gleichzeitig das dynamische Ganze nur bilden können, wenn sie gegensätzliche Wirkungsformen darstellen (in der Natur z.B. Gravitation – Kernumwandlungen; Assimilation – Dissimilation), kommt eine umfassende Ganzheitstheorie nicht herum. Das Ganze setzt die entgegengesetzten Momente aus sich selbst heraus. Es ist bestimmt durch die Beziehung auf sich selbst, die jedoch durch diese Momente hindurchgeht. Wenn Freiheit dadurch definiert ist, dass sich das Freie durch nichts anderes bestimmen lassen muss, so ist eine dynamische Ganzheit (als konkret-Allgemeines) durch die Bewegung „durch anderes hindurch zu sich selbst“ bestimmt.

Das Problem für andere Ganzheitskonzepte besteht darin, dass diese Ganzheit nicht so einfach vorzustellen ist wie die anderen, sondern ihr Erfassen erfordert Denkarbeit. Diese lohnt sich aber, denn man kommt durchaus bei dem heraus, was man sich vorstellen will, so z.B. die Vorstellung „dass ich du bin“. Ich bin nicht einfach Du, weil nicht ich und du auch ganz besondere Wesen wären, die sich voneinander unterscheiden. Sondern ich bin du, weil „, daß ich mich in einer anderen Person gewinne, daß ich in ihr gelte, was sie wiederum in mir erreicht“ (das schreibt Hegel etwa über die Liebe). Im Begriff des „Geistes“ wird das verallgemeinert. Dabei gilt:

„Der Geist ist nicht ein Ruhendes, sondern vielmehr das absolut Unruhige, die reine Tätigkeit, das Negieren oder die Idealität aller festen Verstandesbestimmungen, – nicht abstrakt einfach, sondern in seiner Einfachheit zugleich ein Sich-von-sich-selbst-Unterscheiden.“

Ich denke, diese Art Ganzheit wird gebraucht, um über zu abstrakte „Flachland-„Vorstellungen hinaus zu kommen.

Franz führte diese theoretische Debatte dann wieder zurück in seine Praxis: Wie kann Autonomie gelebt werden, wenn jeder Bestandteil wieder eingebettet ist in verschiedene Umwelt-„Schalen“? Er versucht, mit seinen „Globalen Dörfern“ eine Welt zu befördern, in der man mit vielen gemeinsamen, vernetzten Strukturen die Lebensfähigkeit jedes Teils stärkt.

Mit Berichten über weitere Projekte wird es nach wahrscheinlich zwei anderen Blogbeiträgen dann auch weiter gehen…


Das Bild oben zeigt den Treppenaufgang in dem Wienerschen Haus, in dem ich im zweiten Teil meines Wienaufenthalts wohnte.