Heute fällt es mir richtiggehend schwer, über den gestrigen Vortrag von Slavoj Žižek in der Vortragsreihe „Hegel in Transformation“ zu berichten. Die Erfahrung, diesen Mann einmal direkt zu erleben, kann sowieso nicht weitergegeben werden. Sein Vortrag hieß: „In Defense of ‘Absolut Knowing‘“

Wie ich hörte, erwarten einige Menschen von diesem Blogbericht, dass sie erfahren, worüber er überhaupt gesprochen hat. Das dialektbehaftete Englisch und die Überfülle an Themen, über die er in recht hektischer Weise gesprochen hat, machten es tatsächlich nicht einfach, den Überblick zu behalten. Für mich kam es darauf auch gar nicht so sehr an – ich hatte genug damit zu tun, die klugen Gags zwischendrin rechtzeitig zu verstehen ehe der nächste kam… 😉

Ich hatte glücklicherweise die Gelegenheit in den Nachmittagsstunden vorher in seinem 2001 erschienenen Buch „Die Tücke des Subjekts“ die Kapitel über Hegel nachzulesen, so dass ich wichtige argumentative Zusammenhänge schon im Kopf hatte. Denn die gingen dann doch stark verloren, als er letztlich doch noch das Versprechen erfüllte, das er zwischendurch gab: „Maybe at the end we will touch Hegel…“

Gegen den Strich interpretiert

Die drei nach Žižek wichtigsten Philosophen Plato, Descartes und Hegel eint, dass ihre Grundthesen von fast allen nachfolgenden Philosophien vehement abgelehnt werden, ungeachtet deren Differenzen untereinander. Žižek dagegen erinnert jeweils an einen häufig auch von ihren Schöpfern selbst übersehenen Kern dieser Philosophien. Die üblichen Kritiken an den Gründervätern der westlichen Metaphysik verbreiten Vorstellungen von ihnen, die nur verbergen was jeweils nach Žižek das Neue und das Wesentliche an ihnen war. Um dieses Verborgene ans Licht zu ziehen, interpretiert Žižek diese Autoren entgegen den Mainstreaminterpretationen. Vor allem jedoch kommt es darauf an, sie nicht durch die Fehlinterpretationen ihrer Kritiker hindurch kennen zu lernen: „Vergiß Popper, lies Plato!“

Dabei muss auch relativiert werden, was normalerweise bei diesen Autoren betont wird. Bei Plato komme es demnach weniger auf die „ewigen Ideen“ an als auf die besondere Weise der Erfahrung, z.B. der Liebe, die es bei ihm gibt. In seinem neuen Buch „Less than Nothing“ (2011) verweist Žižek ebenfalls auf die „materialistische Ader“ bei Plato.

Was Žižek immer wieder sucht und findet, ist das Überschüssige, das Exzessive, das in diesen Philosophien steckt und letztlich sogar den Autoren selbst allzu häufig verborgen blieb. Bei Descartes bezieht sich Žižek auf eine Interpretation von Deleuze, wonach Descartes mit seinem Cogito den Wahn (die täuschenden Illusionen) gerade nicht aus-, sondern einschließt. Descartes fand ja das Cogito als den sicheren Erkenntnisgrund, der stabil bleibt, selbst wenn die Täuschungen überhand nehmen: „Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.“ (in „Meditationen“).

Überschüsse in Hegels Werk

Nun aber zu Hegel. Für zusammenhängende Argumentationen sei auf die Schriften Žižeks verwiesen, hier kann ich nur einige Punkte referieren. Zuerst bezieht er sich auf die Jenenser Realphilosophie (Jenaer Systementwurfe III), wo die Philosophie des Geistes mit dem reinen Selbst als Nacht von „phantasmagorischen Vorstellungen“ beginnt. (Ich erinnere an Blochs „Dunkel des gelebten Augenblicks“). Weiterhin bezieht er sich – ausgerechnet beim Thema der Freiheit – auf die Gewohnheit. Erst wenn bestimmte Prozesse in das Gewohnheitsmäßige verschoben sind, wird die Seele “für die weitere Tätigkeit und Beschäftigung – der Empfindung sowie des Bewußtseins des Geistes überhaupt- offen“ (Hegel HW 10: 184). Routinemäßiges Agieren, besonders gefürchtet im Bild des Zombies, muss also keine Einschränkung von Freiheit sein, sondern Freiheit beruht geradezu auf Gewohnheiten. Um frei zu denken, müssen wir die Regeln der Sprache beachten, blinde Notwendigkeit bleibt Bedingung der Freiheit.

Wie Žižek im Film „Slavoj Žižek, Ein Porträt“ andeutet, war für ihn die Routine in seinem Armeedienst die beste Umgebung, um in Ruhe Hegel studieren zu können. Deshalb war die Erzählung im Vortrag über die freiwillig-erzwungene Unterzeichnung eines Dokuments in der Armee (“I order you to sign freely this document!“) vielleicht gar nicht so kritisch gemeint, wie sie im Publikum verstanden wurde.

Gleichzeitig bedeutet Freiheit, (alte) Gewohnheiten zu brechen. Da war Hegel nach Žižek nicht hegelsch genug. Letztlich bedeutet das Vorliegen von Gewohnheit immer, dass auch immer neue Abweichungen von ihr, neue Verrücktheiten entstehen. Dieser Trend zur Entstehung von solchen Verrücktheiten (vgl. zur Verrücktheit als einer wesentlichen Entwicklungsstufe der Seele bei Hegel HW 10: 164ff.) kann nicht aufgehoben werden. Gewohnheit ist die Weise der Stabilisierung des Ungleichgewichts der enthaltenen Verrücktheiten (Žižek 2011).

Zu konkreten Allgemeinheiten gehört immer ein Überschuss, etwas, das nicht integriert wird. In der sozialen Gegenwart sind dies nach Žižek vor allem die Menschen in den Slums, der moderne „Pöbel“.

Das konkret Allgemeine

Spätestens an dieser Stelle möchte ich wenigstens ansatzweise noch notieren, was ich den Texten von Žižek zum Thema des Allgemeinen entnehme. Das war ja auch gerade bei meinem Wienbesuch unter dem Titel der „Ganzheiten“ wieder zum Thema geworden.

Nach Žižek besteht der Unterschied der Menschen gegenüber den Tieren darin, dass Menschen sich als jeweils Besondere in ein Allgemeines gestellt sehen. Für Tiere ist etwas Zufälliges ein Zufälliges – Menschen beziehen es auf etwas Allgemeines (Žižek 2011). (Marx und Holzkamp würden von einem „bewußten Verhalten zu“ den Weltgegebenheiten sprechen.)

Žižek betont, dass das Allgemeine den Menschen zwar vorausgesetzt ist, jeder Mensch dieses aber nur von seinem Standpunkt aus erleben und erkennen kann. Er kann es nicht mit seinem besonderen Inhalt vollständig erfüllen. Allgemeinheit ist gleichzeitig notwendig und unmöglich. (Žižek verweist auf das Hegemoniekonzept von Laclau, wonach die verschiedenen besonderen Gewohnheiten miteinander um die Hegemonie kämpfen, wobei der Gegensatz zwischen Besonderem und Allgemeinem die menschliche Existenz bestimmt, ohne dass sie jemals vollständig ineinander aufgehen. Als Alternative für das Begreifen des Verhältnisses von Individuen und allgemeinen Verhältnissen würde ich neben den von Žižek bevorzugten Autoren (Lacan…) vor allem die Kritische Psychologie nach Klaus Holzkamp vorschlagen und dabei die Kritische Psychologie bereichern um die Gedanken um „Gewohnheit“ und „Verrücktheit“ nach Žižek ;-)).

Um auf die verschiedenen Formen des Allgemeinen zurückzukommen: Žižek geht davon aus, dass Individuen sich nicht mehr nur auf „natürliche“ Lebensformen wie Familie und lokale Gemeinschaft beziehen, sondern in nicht mehr direkter, sondern vermittelter Form auf umfassendere, komplexere gesellschaftliche Verhältnisse. Nach Žižek stellen diese gesellschaftlichen Verhältnisse eine „abstrakte“ Allgemeinheit dar, wenn die besondere Identifikation des Individuums, die es in der Familie und kleinen Gemeinschaften erfährt, durch sie negiert wird. Sie stellen dagegen eine „konkrete“ Allgemeinheit dar, wenn diese primären Identifikationen „reintegriert und zu Erscheinungsmodi der Sekundärindentifikation transformiert“ werden (Žižek 2001: 126). Etwas konkret Allgemeines verwirklicht sich durch das Wirken des Besonderen, lässt es nicht verschwinden.

Nun ist das „konkret Allgemeine“ das, auf das hinzustreben wäre. Nur wie? Durch Ablehnung der Abstraktion, d.h. der Errichtung eines unmittelbaren organischen Ganzen? Dies lehnt Žižek vehement ab.

„Die einzige Möglichkeit für eine Allgemeinheit, „konkret“ zu werden, besteht daher, mit anderen Worten, darin, darum aufzuhören, ein neutral-abstraktes Medium ihres partikulären Inhalts zu sein und sich selbst unter ihre partikularen Unterarten einzureihen.“ (Žižek 2001: 128)

Vielleicht wird das verständlicher, wenn ich im Kontext der Debatten im Diskussionskreis „Wege aus dem Kapitalismus“ verdeutliche: Die kapitalistische Gesellschaftsformation versteht sich als („neutral-abstrakte“) allgemein-menschliche Form von menschlichem Leben und Wirtschaften. Die menschliche Gesellschaft kann sich weiter entwickeln, wenn wir kapieren, dass diese Gesellschaftsformation lediglich eine „partikulare Unterart“ von Gesellschaftsformation ist. Konkretisierung bedeutet hier Historisierung. (Gleichzeitig reicht für eine Konkretisierung die Historisierung nicht aus: ebenso wichtig ist der Verlust der Beobachterstellung für das besondere Handlungs- bzw. Erkenntnissubjekt, vgl. Žižek 2011).

Dies ist die Alternative gegenüber einer „Regression in eine prämoderne organische Gesellschaft“, die mit der Leugnung des „unbegrenzte[n] Recht[s] der Subjektivität als das fundamentale Merkmal der Moderne“ (Žižek 2001: 130) verbunden wäre.

„Man muss rückhaltlos die Barrikaden der prämodernen organischen „konkreten Allgemeinheit“ durchbrechen und das schrankenlose Recht der Subjektivität in ihrer abstrakten Negativität vollständig geltend machen.“ (ebd.)

Es wäre eine grobe Fehlinterpretation Hegels, gerade dessen Vorstellung als Idee einer mit sich vollständig versöhnten harmonischen Welt darzustellen. Gerade die Ablehnung der „ästhetisch-griechischen Vision der organisch gesellschaftlichen Totalität der Sittlichkeit“ machte demnach „Hegel zu Hegel“ (ebd.: 132)

Die Behauptung des Rechts der „abstrakten Negativität“ wird bei Žižek häufig verbunden mit dem Recht auf „revolutionären Terror“. Sie meint inhaltlich:

„Kein Individuum wird gänzlich durch das abgegrenzt, was es auf seinen besonderen Platz innerhalb des Gesellschaftsgebäudes reduziert.“ (ebd.: 133)

Žižek betont letztlich vor allem die Diskontinuitätsmomente. Normalität ist das Ausbalancieren von Verrücktheiten, nicht ihr Ausschluss. Konkrete Allgemeinheiten werden immer wieder durch eine Negation aufgesprengt, kehren nicht etwa zu sich zurück, sondern es entsteht etwas substantiell Neues, „in der diese Negativität ihrerseits positive Existenz annimmt“ (ebd.: 135). Eine „konkrete Allgemeinheit“ ist damit „ein Prozess oder eine Sequenz besonderer Versuche, die nicht schlicht und einfach den neutralen Allgemeinbegriff exemplifizieren, sondern mit ihm ringen und ihm eine spezielle Wendung geben.“ (ebd.: 144)

Politik

Wir sind damit eigentlich längst in das Thema der Politik geglitten. In seinem neuen Buch (2011) diskutiert Žižek ausdrücklich die Frage, wie sich das über den Kapitalismus Hinausweisende zeigen kann, wenn der Kapitalismus selbst sich doch als das Allgemeine präsentiert und auch (über den Warenfetisch) erlebbar macht. Die Antwort von Žižek: Die wirkliche Allgemeinheit zeigt sich in der Erfahrung der Negativität, des Leidens. Sie zeigt sich nicht irgendwo da draußen, anderswo… sondern in uns selbst, in einer jeweils individuell erfahrbaren Spannung zwischen Besonderem und Allgemeinem, in der Hinderung der eigenen Entwicklung. Die Kritische Psychologie würde von der inneren Widersprüchlichkeit der restriktiven Handlungsfähigkeit sprechen.

Wenn wir nach „historischen Subjekten“ fragen müssen wir auf jene schauen, deren Verwirklichung unter den gegebenen Bedingungen behindert wird. Im Vortrag verwies Žižek deshalb auch auf den „Pöbel“, über den es hier bereits einen Vortrag gab und das Anwachsen der Slums in dieser Welt.

Die jeweils entstehende neue konkrete Allgemeinheit erfüllt nie wirklich die alten Versprechen, sondern mündet in etwas Neuem. Die Überwindung des Staates, indem kein wirklicher Staat den Begriff des Staates erfüllt, führt bei Hegel in der Interpretation von Žižek deshalb zu religiösen Gemeinschaften. Die würden das erfüllen, was der Begriff des Staats versprach, nämlich eine „Wirklichkeit […], worin das Individuum seine Freiheit hat und genießt, aber indem es das Wissen, Glauben und Wollen des Allgemeinen ist“ (HW 12: 55) – aber eben schon nicht mehr als Staat.

Wenn im Keimform-Projekt das Neue im Alten gesucht wird, so sollte dabei berücksichtigt werden, dass das gesuchte Neue im Alten genau das ist, was den Begriff des Alten verwirklicht und es dabei sprengt.

„Every species contains a subspecies which, precisely insofar as it effectively realizes the notion of this species, explodes its frame.” (Žižek 2011)

Absolutes Wissen

Im abschließenden Teil seines Vortrags verwies Žižek darauf, dass die absolute Wahrheit kein statisch, fertiges Stück Wissen ist, unberührbar und unberührt von Irrtum und Fehltritten. Das „Richtige“ ist weder in der Erkenntnis noch in der Politik durch einen Schritt erreichbar, sondern nur über Irrtümer und Misserfolge hinweg, die dann zum Ergebnis dazu gehören. Die Vernunft beruht auf dem Verstand, zuerst muss die Forderung nach abstrakter Freiheit kommen, damit die konkrete kommen kann, erst muss die falsche Entscheidung kommen, damit die richtige kommen kann.

Rosa Luxemburg hatte Recht gegenüber Bernstein, der auf den richtigen Zeitpunkt, den rechten Moment abwarten wollte: Man muss eher zu zeitig losschlagen, um aus den Misserfolgen zu lernen. Nur das „immer wieder zu zeitig losschlagen“ führt letztlich zum rechten Moment.

Bezüglich Hegel war seine Botschaft, dass wir weiter gehen sollten als Hegel und dabei mehr Hegel sein als Hegel selbst es war.

Als ihm schließlich angedeutet wurde, dass seine Redezeit längst überschritten war, antwortete Žižek: „Dann lies mein dickes Buch…“

Für die Diskussion blieb dann auch nicht mehr viel Zeit, obwohl: „Ich liebe Dialoge, vor allem die späten von Plato: wo der eine die ganze Zeit spricht und der andere nur ab und zu einwirft: „So ist es.““ 😉

Schluss

Da ich nicht in einer gemütlichen Gewohnheitsroutine lebe, sondern mich dem postmodernen Multitasking unterwerfen muss, muss ich hier einen Schlussstrich ziehen und kann mich nicht weiter in die Texte von Žižek vertiefen (dass mich der Vortrag bzw. schon seine Ankündigung dahin lockte, war sicher einer seiner Erfolge). Meine kurze Referierung dessen, was ich gestern abend herausgehört habe, ist natürlich nur ein blasser Abklatsch des Galopps durch die klassische Philosophiegeschichte, die streitbaren Interpretationen vor allem französischer zeitgenössischer Autor_innen und eines Großteils der Filmgeschichte bis hin zu Homer Simpson.

Wer einen leichter verständlichen Überblick über die Positionen von Slavoj Žižek haben möchte, dem sei der Film „Slavoj Žižek, Ein Porträt“ empfohlen (auch auf Youtube in 5 Teilen enthalten). Dort findet sich auch ein Hinweis darauf, warum in den einführenden Worten davon gesprochen worden war, dass Slavoj Žižek auch eine Toilettenphilosophie entwickelt habe (siehe auch hier und hier ). 😉

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