Meine eigene Veranstaltung beim „Symbiosium. Tage der außerordentlichen Psychologien“ fand am Ende des ersten Tages statt. Ich war selber schon etwas knülle, die Räume waren sehr stickig und überhitzt -also alles andere als einfach. Ich hatte eingeplant, die Anwesenden gleich zu Beginn in das Thema mit einzubeziehen – dafür gabs dann am Ende wenig Diskussionen.

Nachdem ich erläutert hatte, wieso ich als Nicht-Psychologin hier die Kritische Psychologie vorstelle, fragte ich die Anwesenden nach ihren Problemen (angesichts der angekündigten Studienproteste ) und der Art und Weise, wie sie normalerweise mit diesen Problemen umgehen (Rike half mir dankenswerterweise mit dem Notieren und Anheften der genannten Stichworte).

Die Antworten waren folgende:

Probleme:

  • Raumbedingungen
  • Arbeitsmarkt nimmt zu viel Einfluss
  • Wie kann ich mich als Weißer zum Rassismus verhalten?
  • Gefühl, mit politischen Aktionen nichts zu bewirken
  • Wohin führt mich mein Studium?
  • Gegen mich läuft gerade Strafverfahren mit hoher Geldstrafe
  • Solidarität (Gemeinschaftsgefühl) fehlt
  • Unzufriedenheit mit dem Psychologiestudium – ich sehe keine Perspektive
  • Zugangsbarrieren zum Studium
  • Bin selbst von den Studienbedingungen betroffen

Wie bewältige ich die Probleme normalerweise?

  • Verdrängen, beiseite schieben
  • Nicht viel daran denken
  • Umbewerten
  • Leistung erbringen
  • Das Beste daraus machen
  • Nischen finden
  • Den eigenen Fokus finden
  • Freundeskreise aufbauen
  • Sich informieren
  • Selbstkritische Reflexionen
  • Kommunizieren
  • Andere auf die Lage aufmerksam machen
  • Tutorienprojekte
  • Bündnispartner_innen finden
  • Protestieren
  • In die Offensive gehen – Risiko eingehen.

Ich hatte meine vorbereiteten Vortragsfolien nach den ersten Veranstaltungen, die ich besucht hatte, noch etwas ergänzt. Insgesamt wurde es wieder ein recht umfassendes Programm. Ich weiß immer nicht, wie viel ich noch kürzen kann, ohne wichtige begründende Argumentationen abzuschneiden, die ich brauche, ohne zu dogmatisch nur die Ergebnisse behauptend darzustellen.

Ich hatte auch das sicher nicht unproblematische Thema des rassistischen Verhaltens (entsprechend der Arbeiten von Ute Osterkamp zu Anfang der 90er dazu) noch mit aufgenommen.

Auf der zusammenfassenden Folie verwies ich dann auf die Konsequenzen aus dem Wissen um die Kritische Psychologie für die Analyse (insb. menschlicher Problemsituationen, die normalerweise zum Gegenstand psychologischer Untersuchungen werden):

  • Gesellschaftliche Verhältnisse/Bedingungen einbeziehen,
  • aber nicht als determinierend, sondern innerhalb von Prämissen-Begründungsdiskursen vom Subjektstandpunkt aus.

Für die Praxis in Therapie und Politik:

  • Erweiterung des Denk- und Praxisraums,
  • ausgehend von restriktiven Bewältigungsformen der erlebten/durchlittenen Widersprüche
  • in Richtung der Verallgemeinerung/Befreiung.

Nach meinem inhaltlichen Input stellte ich für das abschließende Brainstorming die Frage, was uns nun unter Berücksichtigung der geäußerten Gedanken einfällt, was wir konkret tun können. Die Antworten waren:

  • Solidarischen Umgang miteinander pflegen
  • Ringvorlesung organisieren
  • Broschüre über Kritische Psychologie erstellen
  • Soliparty für die Verurteilte organisieren (für Geldstrafe)
  • Möglichkeitsraum nicht auf Kosten anderer erweitern (z.B. nicht die Bücher in der Bibliothek verstecken)
  • mehr Solidarität in Prüfungen (z.B. mehrere Leute auf einmal reden)

Eine Frau, die eher gegangen ist, hatte mir noch einen Zettel in die Hand gedrückt. Darauf stand u.a.:

„Wäre es nicht besser, anti-psychologie zu betreiben! als gute Moral und Menschlichkeit der praktizierenden Psychologen zu propagieren?“

Ich weiß nicht mehr, an welcher Stelle sie gegangen war, aber es sollte wohl auch schon vor dem Ende meines Vortrags klar geworden sein, dass die Kritische Psychologie sowieso kein Mittel für Psychologen ist, um ÜBER andere Menschen zu urteilen, sondern ein Angebot für alle, ihre eigene Befindlichkeit besser zu verstehen und begründeter handeln zu können. Aber vielleicht muss ich das künftig noch deutlicher machen.

Ich werde in diesem Jahr noch zwei ähnliche Veranstaltungen machen, mal sehen, wie das dann läuft. Im Rahmen der Vorbereitung dieses Vortrags hatte ich mir eine Übersicht gemacht, in der wichtige Aspekte zu den Grundlagen der Kritischen Psychologie zusammen gefasst werden. Diese Übersicht gibt’s auch hier online.


P.S. Den Vortrag gibts mittlerweile auf Youtube.