Der heutige Vortrag in der Jenaer Vortragsreihe „Hegel in Transformation“ kann alle Menschen interessieren, denen es um die Probleme der Kooperation und Gesellschaftlichkeit von Menschen geht. Temilo van Zwantwijk sprach über „Perspektivenübernahme. Hegel und die Voraussetzungen sozialen Lernens“ und zeigte dabei die Mängel der spieltheoretischen Konzepte zur Kooperation aus der Sicht der Hegelschen Anerkennungslehre auf.

Heute ist es allgemein üblich, danach zu fragen, wie Kooperation entsteht und meist wird angenommen, dass durch Kooperation auch die soziale Welt, die Gesellschaftlichkeit entsteht. Unmittelbar wahrnehmbar sind nur die einzelnen Individuen -gefragt wird nun nach der Entstehung ihres Miteinanders. Unter Kooperation wird hierbei verstanden, dass ich dann kooperiere, wenn ich Kosten auf mich nehme, um einem anderen einen Vorteil zu verschaffen. (hier eine andere Bestimmung von „Kooperation“ (in Abgrenzung zu Interaktion und Gesellschaft)

Evolution der Kooperation in der Spieltheorie

Eine Antwort auf die Frage nach der Entstehung der Kooperation scheint die Spieltheorie zu geben. Das dabei verwendete Gefangenendilemma beschreibt, wie Individuen, die als Egoisten, aber rational und mit dem Interesse der Nutzensmaximierung handeln, beinah gegen jede Erwartung zu einer Kooperation kommen können. In der Diskussion erläuterte van Zwantwijk, dass in diesem Konzept angenommen wird, keiner Ideologie oder Weltanschauung zu bedürfen und dass sogar dann, wenn man von den Menschen so ziemlich das Schlechteste annimmt, nämlich puren rationalistisch-nutzensmaximierenden Egoismus, Kooperation möglich ist.

Als optimale Strategie in dem Gefangenendilemma erweist sich die Strategie des „tit-for-tat“ . Einfach formuliert: Ich beginne mit Kooperation und führe diese auch fort, solange der andere mich nicht „verrät“. Geschieht dies, so reagiere ich auch einmal nicht mit Kooperation (ich lasse mich nicht ausbeuten), bin aber nicht „nachtragend“, sondern kooperiere dann wieder.

Diese Strategie ist „verständlich, nachsichtig, robust“, sie „kann kollektiv stabil gehalten werden“ und hinzukommende neue Strategien müssen mit ihr auskommen, keine kann in sie eindringen.

Nun ist diese Strategie nicht allgemeingültig. Sie erfordert erstens das Gegebensein von einigen Proportionen der beteiligten Faktoren und auch kulturell gibt es in der Wirklichkeit auf jeden Fall Abweichungen durch andere Trends (wie z.B. dadurch, dass gruppeninterne Kooperationen wahrscheinlicher sind als darüber hinausgehende).

Dass die Spieltheorie richtig ernst genommen wird in den „entscheidungsorientierten Organisationstheorien“ (Wikipedia), ist in vielen Mainstreamkonzepten der Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie sicher kein Zufall. Egoisten, rational und nutzenmaximierend – dieses Menschenbild wird hier als das allgemeingültige vorausgesetzt. Aus dieser isoliert-individualistischen Sicht entsteht natürlich die Frage nach der Entstehung von Gesellschaftlichkeit und Kooperation überhaupt erst.

Anders dagegen bei Hegel.

Hegels Konzept der Anerkennung und Gesellschaftlichkeit

Über Hegels Philosophie der sozialen Welt und auch die Anerkennungstheorie wurde in den Vorträgen hier in Jena bereits mehrmals gesprochen. Die Kooperation kommt ins Spiel auf der Grundlage von Anerkennung. Kooperation ist nur möglich im Rahmen von wechselseitiger Anerkennung.

Zur Anerkennung, und damit zu den in der Spieltheorie nicht beachteten Voraussetzungen der Kooperation gehört, dass hier sinnliche und konkrete Gegenstände ins Spiel kommen. Es geht um die Befriedigung von Bedürfnissen und darum, wie Menschen in einer gemeinsam geteilten sozialen Welt arbeitsteilig wirken, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Menschliche Bedürfnisbefriedigung geht gar nicht einsam und allein, sondern nur eingebettet in die sozialen Beziehungen. Für die Beziehungen der beteiligten Menschen bedeutet das, dass sie sich zumindest gegenseitig in ihrer Bedürftigkeit anerkennen müssen. (Diese Darlegung folgt hier nicht den Worten des Referenten – Fehler sind mir zuzuschreiben, A.S.).

„Die Anerkennung des Selbstbewußtseins besteht darin, daß jedes dem anderen dasselbe ist, was es selbst [ist], ebendies, für das andere zu sein, weiß und somit in dem von ihm verschiedenen sich selbst anschaut.“ (HW 4: 79)

Dabei wird ganz klar die soziale Welt als Basis für das Handeln der Individuen vorausgesetzt. Nicht Kooperation konstituiert die vorher nicht vorhandene Gesellschaft, sondern Kooperation setzt eine von den Beteiligten geteilte soziale Wirklichkeit voraus.

Die folgende, den Vortragsfolien entnommene Zusammenstellung zeigt sicher deutlich, wie stark das Hegelsche Verständnis von Kooperation über das der Spieltheorie hinausgeht:

„Notwendig für Kooperation ist:

  • eine Fähigkeit, Bedürfnisse zu erkennen, d.h. begrifflich zu bestimmen und diese erfüllen zu wollen,
  • eine Verallgemeinerung der persönlichen Bedürfnisse zum allgemeinen Bedürfnis der Arbeit,
  • eine Konkretisierung der abstrakten Bedürfnisse als Werte im zufälligen Besitzergreifen,
  • eine verallgemeinernde und objektivierende Bewegung der Werte im Tausch sich gegenseitig Anerkennender,
  • ein sich selbst in der Arbeit als Person objektiv gewordenes Ich.“ (Folie Vortrag van Zwantwijk)

Die Bedürfnissen, um die es in der Anerkennung geht, betreffen jedoch nicht willkürlich-einzelne Vorlieben wie die Farbe des nächsten Autos – sondern es geht um allen Menschen zukommende Bedürfnisse nach körperlicher Unversehrtheit, aber auch Würde und Freiheit.

Van Zwantwijk referierte in diesem Zusammenhang die Kritik von Hegel an Fichte, dessen Theorie ebenfalls noch unzureichend ist. An dieser Kritik lässt sich auch die weiter entwickelte Position Hegels klar machen.

Perspektivenübernahme

Van Zwantwijk flocht noch einen Diskussionsstrang in den Vortrag ein: die „Theorie der dualen Vererbung“. Es wundert mich einigermaßen, dass die Behauptung dieser Theorie neu sein soll: Es geht darum, dass es neben der biologischen noch eine kulturelle Vererbung von Fertigkeiten und Wissen gibt. In diesem Konzept spielt die Perspektivenübernahme eine große Rolle. Schon Kleinkinder ab dem 9. Monat sollen dazu in der Lage sein. Dieses Konzept will so etwas wie die Grundlagen der Anerkennung empirisch aufweisen. Van Zwantwijk meinte jedoch, die Lehre der Anerkennung sei nicht direkt empirisch nachweisbar. Auch die Perspektivenübernahme ist nicht einfach eine empirische Tatsache, sondern eine kategoriale Voraussetzung der modernen Kognitionsforschung.

Nach Hegel wäre die Struktur einer Perspektivenübernahme so zu denken:

„Struktur einer Perspektivenübernahme: Wechselseitiges sich Anschauen als individuelle Totalität, diese ist Anerkennung der Person, adäquate wechselseitige Zuschreibung von Intentionen als gegründet auf objektiven Bedingungen.“ (Folie van Zwantwijk)

Kritik der Spieltheorie

So abstrakt die Hegelsche Philosophie selbst auch sein mag – bei menschlichen Themen wie Anerkennung und Kooperation ist sie deutlich inhaltreicher und damit konkreter als die Spieltheorie. Es zeigt sich, dass diese Inhalte auch notwendig sind, um die menschliche Qualität der sozialen Beziehungen nicht zu unterlaufen. Die Spieltheorie ist dazu viel zu abstrakt.

Außerdem hinterfragt sie höchstens mathematische Proportionen zwischen verschiedenen in ihr enthaltenen Größen – aber keine weiteren Voraussetzungen.

Letztlich, und dies war die abschließende These von van Zwantwijk, macht es erst die Hegelsche Anerkennungslehre möglich, einige Defizite von modernen (meist in Verwandtschaft mit den Spieltheorien stehenden) Kooperationstheorien zu überwinden…

Noch einige Notizen…

Wie es mit der Beziehung zwischen Begrifflichkeit und Empirie in dieser Beziehung steht, wurde in der Diskussion gefragt. Man könnte (dies ein Weiterspinnen meinerseits – außerhalb des Vortrags und auch der Diskussion) nun vielleicht ein Konzept entwickeln, bei dem es auch in der historischen sozio-kulturellen Entwicklung darauf ankäme, sich dem Begriff immer weiter anzunähern: Von der Realität der „unwahren“ Kooperation im Sinne der Spieltheorie (unter Verhältnissen der Trennung des Eigentums an Produktionsmitteln und Arbeitskraft, was eine isolierende Individualisierung mit sich bringt etc., etc…) hin zur „wahren“ Kooperation (im Kommunismus)… Letztlich ist diese Methode aber durch nichts legitimiert. Argumente für eine Veränderung der Art und Weise der arbeitsteiligen Kooperation in der real-existierenden sozialen Welt müssen anders entwickelt und begründet werden… Für diese Arbeit bieten die von Hegel vorbereiteten Inhalte der Begriffe „Anerkennung“ und „Kooperation“ (auch wenn letzteres kein originärer Hegelscher Begriff ist, sondern seine inhaltliche Füllung eigenständiger Arbeit bedarf) aber gute Voraussetzungen.

Ich persönlich finde in den Hegelschen Gedanken auch vieles wieder, was beispielsweise in der Kritischen Psychologie von Klaus Holzkamp über den Umweg der Marxschen Theorie ohne direkte Bezugnahme auf Hegel auf eigener Grundlage neu entwickelt worden war, so z.B.:

  • die „gesellschaftliche Natur“ der Individuen; d.h. es gibt keine „unsozialen Individuen“;
  • das Besondere des Gesellschaftlichen (häufig auch genannt „Soziales“, bei Hegel Gegenstand der „Philosophie des Geistes“): Anerkennung, Arbeitsteilung… Zitat aus der Diskussion: „Nur in der Anerkennung können wir sagen: der eine macht dies, der andere macht das… ohne Anerkennung würden wir uns wie Tiere verhalten, unmittelbar Bedürfnisse befriedigen…“);
  • subjektive Begründetheit (KritPsych) – „individuelle Totalität“ (bei van Zantwijk nach Hegel)

Hierzu wäre eine vergleichende (beide Konzepte zumindest im Verständnis sicher bereichernde) Analyse sehr interessant.

Advertisements