Menschen meiner Generation werden häufig erst spät von ihren Eltern verlassen. Diese agieren lange selbständig, sind wie selbstverständlich immer da. Je nachdem, wie weit wir entfernt wohnen, begleiten sie das Großwerden unserer Kinder und können sich noch ins Leben von Graubärten einmischen.

Als das Leben meiner Mutti in ihren frühen Siebzigern zu Ende war, fanden meine Schwiegereltern, beide längst in den 80ern, das viel zu früh. Nun ist der erste von ihnen mit 93 Jahren auch gegangen. Seine letzten aktiven Jahre verbrachte er mit dem Schreiben seiner Memoiren. Einige Wochen konnte ihm das Zu-Hause-Bleiben durch Pflegekräfte ermöglicht werden, er saß noch wenige Tage vor seinem Ende auf der Terrasse und meinte, dass er schon noch ein Weilchen allem zuschauen wolle…

Am Abend seiner Trauerfeier traf sich die Familie in der von ihm einst gebauten Hütte tief im Thüringer Wald und anstelle wie geplant die Beileidskarten zu sichten erfreuten wir uns am Gebrabbel und dem lustigen Spiel von zweien seiner Urenkel.

Der bilanzierende Spruch zu all dem war schon längst von ihm ausgesprochen:

Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn,
es sei wie es wolle, es war doch so schön.

Nachdem ich auch Leben zu Ende gehen sah, die in depressive Stimmung getaucht verloschen, danke ich nun für dieses lebenswerte Vorbild.

Aber nicht allen Menschen ist es vergönnt, bis zum Tod schmerzfrei und geistig frisch zu bleiben. Gerade die Vorstellung, dement zu werden, erscheint häufig als so schlimm, dass man dann möglichst nicht mehr leben möchte. Wie oft haben das wohl auch schon die meisten gehört: „Na, jetzt ist er dement, jetzt geht’s eh zu Ende…“ oder gar: „Na, hoffentlich geht das nicht mehr lange.“ Viele rationale Menschen entscheiden, solange sie noch können, dass ihr Leben (oder auch das anderer) ohne kognitive Leistungsfähigkeit „nichts mehr wert“ sei. Für manche dieser Fälle, ganz im Endstadium, gibt es heutzutage die Patientenverfügung, eine wirkliche Errungenschaft.

Was ich aber problematisieren möchte, ist die Voraussetzung, unter der viele Menschen sich selbst lieber sterben lassen wollen, als zu leben. Sie wollen „keine Last für andere sein“, sie binden ihren Lebenswert selbst an die Fähigkeit, rational denken und entscheiden zu können.

Im Falle unerträglicher und -sollte es das geben – nicht linderbarer Schmerzen kann ich auf jeden Fall verstehen, dass das Leben unerträglich wird und der Tod eine Erlösung darstellt.

Aber ich höre auch andere Begründungen, vor allen von den heute recht alten Menschen, die noch zu Zeiten erzogen wurden, als der Lebenswert offensichtlich an seinem Nutzen gemessen wurde. Die Patientenverfügungen gehen von den Werten und Wünschen, dem Lebensbild des Betroffenen aus. Aber in welcher Gesellschaft entwickelten und entwickeln sich diese?

Die Definition der Anwendbarkeit der Patientenverfügung ist immer noch kompliziert. Was heißt, dass man sich „aller Wahrscheinlichkeit nach unabwendbar im unmittelbaren Sterbeprozess“ oder „im Endstadium einer unheilbaren tödlich verlaufenden Krankheit“ befindet? Insbesondere die Phase des „unmittelbaren Sterbeprozesses“ – wo grenzt die sich gegen das mitunter auch wochen- oder monatelang andauernde Verlöschen ab? Ich erlebe, dass viele sich oder anderen einen Verzicht auf die künstliche Flüssigkeits- oder Ernährungszufuhr bereits in einem früheren Stadium wünschen, als meiner Meinung nach mit dieser Formulierung abgedeckt ist. Wenn der Wert des Lebens an die Nützlichkeit und das „Nicht-zur-Last-fallen“ gebunden ist, könnte der Zeitraum des Verzichts auf Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr viel früher angenommen werden als nötig.

Ich habe die starke Vermutung, dass meine Mutti, die ihr Leben lang eigentlich nicht so richtig froh wurde und nicht am Leben hing, in ihren letzten Tagen (auf der Intensivstation, nach einer Operation) doch nicht gehen wollte. Es war da noch mal ein Ringen, kein einfaches erlöstes Loslassen.

Es gibt wohl keine andere Alternative, als tatsächlich noch im Zustand der Entscheidungsfähigkeit Vorsorge zu treffen für die Situation, in der man nicht mehr selbst entscheiden kann. Aber ist man z.B. nach dem Verlust der rationalen Entscheidungsfähigkeit tatsächlich noch derselbe Mensch, der einst über das nun anstehende Schicksal entschieden hat? Was weiß ich denn, wie mein Körper jeden Herzschlag, jeden Atemzug, die Wahrnehmung jedes Geräuschs noch genießt – und vor allem das Streicheln, das Umarmen? Vielleicht ist auch das immer noch besser als der Tod? Und auch wenn ich das jetzt nur erahne, vielleicht führt gerade diese Grenzsituation für mich dazu, dass ich diese Lebensqualitäten neu schätzen lerne? Wieso sollte ich mir diese Entfaltungsfähigkeit abschreiben, nur weil die Kognition vielleicht nicht mehr so funktioniert?

Jedes Individuum soll natürlich so lange und so eigenständig wie möglich über das eigene Leben und auch das eigene Sterben selbst bestimmen können. Aber so ganz vertrauen kann ich dieser Selbstbestimmung eigentlich erst in einer Gesellschaft, in der jedes Leben willkommen ist und teilhat an allen gesellschaftlichen Errungenschaften; wo niemals, weder im gesunden, noch im kranken und sterbenden Zustand, nach Leistung oder Nutzen bewertet oder zugeteilt wird.

Erst wenn mindestens eine Generation Menschen in dieser Gewissheit ihr Leben führen durfte, einfach als Mensch in allen Lebenssituationen jede notwendige und erwünschte Zuwendung zu erhalten, können Menschen wahrhaft frei von gesellschaftlich erzeugten Erpressungsmechanismen über eventuell lebensverkürzende Maßnahmen entscheiden.

Deshalb ist es gerade die uns allen bevorstehende Aussicht des Sterbens, die wohl existentiellste Problematik jedes Lebens, die auf eine konkrete Utopie einer wahrhaft menschlichen Gesellschaftsordnung drängt, auf eine Utopie des Alter(n)s.


Nachtrag: Links zum Umgang mit altersdementen Menschen

Advertisements