Der konservative Philosoph Odo Marquard sieht es als Vorzug des Alters an, endgültig resistent gegenüber Illusionen zu werden und er begrüßt den Verlust der Fähigkeit, „Zukunftsillusionen zu entwickeln und aufrecht zu erhalten“. Im Alter trete zu Tage, was immer gelte, aber durch Illusionen verdeckt werde. Das „So-ist-es“ siege endlich über das „So-hat-es-zu-sein“.

Nein, so ist es nicht. Schon empirisch kann das kaum gelten. Eher tragen die meisten alten Menschen, die ich kenne, ihre Lebenseinstellung mit in ihre hohen Tage. Weltverächter haben es schon immer gewusst, dass alles umsonst ist – auch als sie noch mitten im aktiven Leben standen und die Lebensfrohen, Optimistischen können mit Vorfreude darauf hoffen, dass einst ihre Enkel das Neue, das zu Erwartende gestalten und erleben dürften.

Meine nun gerade wieder wachsenden Erfahrungen mit dem Tod, dem Sterben und der Zeit davor zeigen mir aber eins überdeutlich: Gerade wegen dem Alter brauchen wir eine anderes Leben als das Heutige, die Verwirklichung von Neuem, die konkrete Utopie.

Die Realität des Alter(n)s

Ich hatte im vorigen Beitrag schon erwähnt, die derzeit vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse das Leben der Menschen noch hauptsächlich nach ihrer Nützlichkeit und Leistungsfähigkeit bewerten. Während es aus dieser Sicht sinnvoll ist, sich den Kindern zu widmen, weil sie noch auf die Zeit ihrer Leistungserbringung vorbereitet werden – so stellt sich unter solchen Bedingungen die Frage nach der Rechtfertigung des Lebens im Alter und insbesondere, wenn erschwerende Situationen wie Demenz und Pflegebedürftigkeit hinzukommen. Derzeit spielen die Alten dann, wenn schon nicht mehr die Rolle von Produzenten, dann doch die von Konsumenten von bezahlten Pflegedienstleistungen. Und wer das mangels Geld nicht kann, muss mit dem vorlieb nehmen, was die Gesellschaft als das Allernötigste für alle bereit hält.

Brigitte K. beschreibt in beeindruckender Weise die Umgestaltung der selbstorganisierten mobilen Pflege in ihrer Region in Richtung eines profitablen Geschäftsbereichs…

Aber schauen wir nicht nur auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern auch auf uns (in diesen Verhältnissen): Mal ehrlich, wer von den jüngeren, dynamischen und flexiblen Zeitgenoss_innen hält es längere Zeit aus, beim Besuch der alten Eltern aus dem eigenen Zeitstrom gerissen und abrupt abgebremst zu werden? Alte Menschen halten uns auf, zerren uns immer wieder in die graue Vergangenheit, erzählen Altbekanntes, zelebrieren ihren langweiligen Alltag quälend langsam. Während sie noch meinen, ihre alten Geschichten seien wertvolle Lehren für die Nachkommen, haben sie noch nicht mal mitbekommen, wie kompliziert und stressig unser Leben geworden ist. So etwas wie die Altersweisheit anzuerkennen und zu würdigen ist kaum noch drin.

Dabei beißt sich diese Realität mit den Bedürfnissen der alten Menschen, insbesondere wenn ihre kognitiven Fähigkeiten nachlassen. Sie wollen nicht nur „warm, satt und sauber“ sein, sondern sie brauchen besonders viel emotionale und kommunikative soziale Zuwendung. Gerade wenn die Rationalität, im aktiven Leben häufig eine Fähigkeit, mit der mangelnde Emotionalität kompensiert werden kann, verschwindet, wird meist auch an der emotionalen Zuwendung gespart, „weil es sich nicht mehr lohnt“. Gerade jetzt reißt der Umzug ins Seniorenheim den unsicheren und ängstlichen Menschen aus seiner sicheren Umgebung und verwirrt ihn zusätzlich. Wodurch geht der Wert des Lebens verloren? Durch den Zustand des alten Menschen oder eher durch unser Verhalten ihm gegenüber?

„Das Leben behält einen Wert, solange man durch Liebe, Freundschaft, Empörung oder Mitgefühl am Leben der anderen teilnimmt.“ (S. de Beauvoir, S. 169)

Noch lange nachdem die Mitwelt den Kommunikationsbereich auf das Heim begrenzt, teilen die meisten alten Menschen ihren Anteil an „Liebe, Freundschaft, Empörung oder Mitgefühl“ noch mit – aber sie werden nicht mehr gehört von den Angehörigen, die im Alltagstress dahindüsen und den Pflegekräften wird dann abverlangt, dies zu ersetzen.

Besonders bitter wird die Situation natürlich, wenn die alten Menschen häufig wahrscheinlich durch durchaus physiologische Veränderungen im Gehirn auch noch ihre Persönlichkeit zum Negativen hin verändern. Aber nicht alle Verbitterungen sind durch die Physiologie verursacht und es wäre zu einfach, die Ursache nur darin zu sehen. Dabei würden wir andere Gründe übersehen, die wir als wichtiges Signal aufnehmen sollten.

Simone de Beauvoir hat einen wichtigen Grund für solch eine Verdüsterung des Gemüts bei einem alten Menschen erkannt:

„Wenn er nun den Zwängen seines Berufes entrinnt, sieht er um sich her nur Wüste; es war ihm nicht vergönnt, sich Entwürfen zu widmen, die die Welt mit Zielen, Werten, Seinsgründen bereichert hätten. …

Wenn der Rentner an der Sinnlosigkeit seines gegenwärtigen Lebens verzweifelt, so deshalb, weil ihm die ganze Zeit hindurch der Sinn seiner Existenz gestohlen worden ist.“ (S. de Beauvoir, S. 170)

Ein wenig bestätigt sich das auch bei „meinen“ Alten. Wer von ihnen wohlgemut ins hohe Alter ging und wer das Ende herbeisehnte… das ging weitgehend parallel mit den Lebenserfahrungen und den eröffneten bzw. verstellten Entfaltungsmöglichkeiten.

Vom Alter her leben lernen

Natürlich hängt es zumindest in den privilegierten Ländern dieser Welt zu einem recht großen Teil von den Menschen selbst ab, welche Möglichkeiten sie nutzen und entwickeln. Die erhoffte oder gefürchtete Bilanz im hohen Alter bzw. am Lebensende ist uns häufig bereits vorher eine Orientierungshilfe. Was würden wir am Ende bedauern, nicht mehr erlebt oder geschafft zu haben?

„Wenn ein Mensch ertrinkt, heißt es, passieren in den Sekunden vor seinem Tod alle Personen und Dinge noch einmal Revue, die ihn, ob im negativen oder im positiven Sinne, im Laufe seines Lebens am Tiefsten beeindruckt haben. Wäre es nicht möglich und wünschenswert, unsere Aufmerksamkeit schon lange vor dem letzten Augenblick auf diese eindrucksvollen Menschen und Dinge zu richten?“ (J. C. Powys, S. 129)

Gerade in unserer durchs Hamsterrad der Kapitalverwertung gehetzten Lebenswirklichkeit sollten wir nicht übereiltes Treiben gegenüber der Gelassenheit des Alters bevorzugen. Nicht nur, weil sich viele von uns längst eine „Rente in jungen Jahren“ für die Verwirklichung der vielen außerberuflichen Pläne wünschen; nein, auch weil es angenehmer ist, „ohne gemeine Hast zu sein“, können wir uns am Alter sogar ein Beispiel nehmen:

„Wunsch und Vermögen, ohne gemeine Hast zu sein, das Wichtigste zu sehen, das Unwichtige vergessen: dergleichen ist eigentliches Leben im Alter.“ (Bloch, S. 140)

Wenn uns als noch jüngeren Menschen das Thema Alter(n) etwas nützen soll, so müssen wir uns gar nicht ständig darauf konzentrieren. Es würde reichen, einmal herauszufinden, wie wir jetzt leben sollten, um ein gutes Alter genießen zu können. Ein gutes Alter, obgleich es mit physischem und sicher auch psychischem Abbau geschlagen sein mag, braucht, wie Simone de Beauvoir feststellte, ein schon in jungen Jahren „möglichst engagiertes und möglichst gerechtfertigtes Menschenleben“:

„Besser ist es, nicht zu viel ans Alter zu denken, sondern ein möglichst engagiertes und möglichst gerechtfertigtes Menschenleben zu leben, an dem man auch dann noch hängt, wenn jede Illusion verloren und die Lebenskraft geschwächt ist.“ (S. de Beauvoir, S. 169)

Arthur Schopenhauer machte darauf aufmerksam, dass der Zustand im Alter sehr von der Lebenseinstellung im früheren Leben abhängt:

„Ein Glück […] ist es, wenn dem Greise noch die Liebe zu seinem Studium, auch der Musik, zum Schauspiele und überhaupt eine gewisse Empfänglichkeit für das Äußere geblieben ist […]

Die meisten freilich, als welche stets stumpf waren, werden im höhern Alter mehr und mehr zu Automaten, sie denken, sagen und tun immer dasselbe, und kein äußerer Eindruck vermag mehr etwas daran zu ändern, oder etwas Neues aus ihnen hervorzurufen. Zu solchen Greisen zu reden, ist wie in den Sand zu schreiben: der Eindruck verlischt fast unmittelbar darauf.“ (Schopenhauer)

Angesichts der Probleme, die vielen von uns aber wegen der instabilen wirtschaftlichen Lage immer näher rücken, wird solch eine bedachte Lebensführung aber immer unmöglicher gemacht. Auch jene, die sich individuell diesen Fragen stellen, landen bei ihren lebenskünstlerischen Versuchen immer wieder auf dem Boden der Tatsachen der durch die Gesellschaftsstruktur gegebenen Bedingungen.

Die Teilhabe der Alten als Maßstab für die Kultur

Noch Simone de Beauvoir verbindet ein lebenswertes Alter mit der Fähigkeit, „ein aktives, nützliches Mitglied der Gesellschaft“ zu sein (S. de Beauvoir, S. 170). Damit erreicht sie den Horizont des Möglichen und dem Menschen Angemessenen noch lange nicht. Wie Klaus Holzkamp herausarbeitete, begründet sich die menschliche Existenz in der Teilhabe an der „bewussten, vorsorgenden Verfügung über gemeinsame Lebensbedingungen durch kollektive Arbeit“ (Holzkamp 1983: 184).

Das bedeutet:

„Das System, die Gesellschaft, bedarf zwar durchschnittlich in ausreichendem Maße aktiver Handlungen durch Menschen. Aber dieses durchschnittlich ausreichende Maß wird nicht direkt auf den einzelnen Menschen „heruntergerechnet“. Es bleibt für den Einzelnen offen, ob, wie und in welchem Maße er sich konkret an der Reproduktion der Gesellschaft beteiligt. Das menschliche Individuum ist nicht ein „funktionierendes Element zum Selbsterhalt des Systems“, sondern das System kann auch ohne seinen Beitrag funktionieren. Es kann nicht unabhängig vom Beitrag von genügend Menschen existieren, aber vom Beitrag jedes speziellen Einzelnen schon.“ (Schlemm 2001)

Und damit:

„Was für das System als Ganzes notwendig ist, ist für den Einzelnen lediglich eine Handlungsmöglichkeit.“ (ebd.)

Obwohl dieses Konzept das Vorhandensein gesellschaftlicher Bedingungen nicht leugnet, weist es die Vorstellungen, diese Bedingungen würden das menschliche Handeln unmittelbar bestimmen, zurück. Es gilt also für alle Menschen, dass ihr Leben nicht daran gemessen werden kann, was sie direkt für die Gesellschaft leisten. Auch wenn in vielen historischen Formen gesellschaftlicher Ordnungen anders agiert wurde und wird, unterläuft dies die Möglichkeiten des Menschseins aus prinzipiellen Gründen.

Gerade wegen der Durchbrechung der Unmittelbarkeit der Verbindung von menschlichem Handeln und gesellschaftlichem Prozess hat jedes menschliche Wesen in vermittelter Weise Teil am gesellschaftlichen Prozess. Ein Mensch zu sein, muss mensch sich nicht verdienen, dazu muss mensch auch keinen Merkmalskatalog (selbstreflexiv, selbstbewusst…) erfüllen.

Eine Gesellschaft, in der diese Grundbestimmung des Menschlichen, frei gegenüber unmittelbaren Handlungserfordernissen zu sein, sondern sich dazu verhalten zu können und begründet in je individueller Weise zu handeln, auch durch die Strukturen der gesellschaftlichen Ordnung verwirklicht wäre, wäre eine Gesellschaft, in der die Jungen wie auch die Alten nicht mehr an ihren Leistungen und ihrem Nutzen gemessen würden, in der die individuellen Bedürfnisse strukturell im Mittelpunkt stehen und nicht nur Mittel zum Zweck beispielsweise der Kapitalverwertung sind. So müsste die Gesellschaft sein, nach der Simone de Beauvoir fragt:

„Wie müsste eine Gesellschaft beschaffen sein, damit ein Mensch auch im Alter ein Mensch bleiben kann?“ (S. de Beauvoir, S. 171)

Letztlich würden auch wir Jüngeren uns dann wahrhaft menschlich zu unseren älteren Mitmenschen verhalten können, d.h. nicht den Jobs und dem Lebensunterhalt hinterherjagen müssen und die Alten in Heimen abgeben, sondern die letzte gemeinsame Zeit mit ihnen bewusst gestalten. Dies würden wir letztlich nicht nur aus altruistischen Gründen machen, sondern ganz einfach deshalb, weil auch wir nur verlieren beim Abschieben der Alten.

Individuell, kooperativ und sogar institutionell kann bereits in der herrschenden kapitaldominierten Gesellschaft noch viel verbessert werden. Aber das wird das Grundproblem nicht lösen. Die grundlegend den menschlichen Möglichkeiten angemessene Gesellschaftsform ist noch nicht verwirklicht, sie bleibt als konkrete Utopie unsere Aufgabe, für deren Erfüllung hoffentlich genug Menschen genügend Gründe finden.

Um auf Odo Marquard zurückzukommen: Illusionen über die Reformierbarkeit der derzeit vorherrschenden Gesellschaftsform im Interesse der Alten sollten wir tatsächlich aufgeben, auch wenn jeder Schritt zur Verbesserung der Lage dankenswert ist. Aber die eben geäußerten Gedanken geben hoffentlich auch genug Anlass, am „So soll es werden!“ festzuhalten.


Zur Literatur

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