Dieser Urlaub ist schon ziemlich verrückt. Er verdeutlicht mir meine verschiedenen Lebensbereiche, die irgendwie kaum zueinander zu gehören scheinen. Die psychologisch-philosophischen Fachbücher in der dörflichen Idylle; der geruhsame Ferienalltag auf die sportlichen Höhepunkte abgestimmt. Und dann versinke ich zwischendurch mal wieder stundenlang in Büchern über fremde und ferne Lebensgeschichten, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe.Die drei Wochen Urlaub waren sowieso unterbrochen durch die eine Woche Ferienuniversität Kritische Psychologie. Wie üblich verarbeitete ich so ein Erlebnis durch das Schreiben von Blogberichten, ich lese zwischendurch auch dort gekaufte Literatur. Sportlich habe ich nun bereits ca. 260 Skate-Kilometern im Fläming hinter mir. Wenn es mit dem Wetter klappt, mache ich heute noch die 300 km voll. Dann geht es schon wieder nach Hause und ab Montag auf Arbeit.

Was mich aber besonders überrascht, ist die Wirkung der Zwischendurch-Lektüre, die ich aus dem recht schwach bestückten Bücherregal hier bei meinen Verwandten hole. Denn auch ich kann nicht immer nur Fachliteratur lesen 😉

Es sind Lebensberichte von Menschen in fremden Ländern (z.B. die „Weiße Massai“) und Historisches, z.B. eine ungewöhnliche Perspektive auf die Geschichte von Tristan und Isolde. Nichts besonders Weltbewegendes eigentlich, nur als Lückenfüller gedacht, weil ich selbst nichts von dem mitgebracht habe, was ich sonst lesen würde. Aber erstaunlicherweise tauche ich mehrmals stundenweise völlig ab. In dieser alten Feriengegend erwartete ich eine Tuchfühlung mit meiner eigenen Vergangenheit – aber die erreicht mich nicht so sehr in der freien Natur als bei diesem Zeitvertreib. Ich hatte gar nicht mehr gewusst, wie stark der Sog von Büchern mich wegziehen kann vom Gegenwärtigen. Ich kenne das aus meinen Jugendjahren. Als ich dann weniger Bedarf hatte, über das interessante Leben anderer nachzulesen, sondern mir selbst eins aufbaute, verlor sich das.

In mir kommt wieder hoch, dass diese Geschichten über fremde Lebenswege Möglichkeiten aufzeigen, Alternativen zum Selbst-Erlebten. Leider scheint das Eigene aus dieser Sicht eher schal und langweilig. Ich verstehe wieder, woher einst wichtige Impulse für mich gekommen waren, mich aus dieser Schalheit heraus zu arbeiten. Ich war ja nicht unglücklich gewesen als Kind, aber langweilig war es schon, das Leben. Und was da normalerweise zu erwarten war – Arbeit, Familie, kleiner Wohlstand – schien mir nicht besonders spannend. Glücklicherweise las ich weniger historische Romane als utopische, deshalb konnte ich mein eigenes Leben in Richtung einer wünschenswerten Zukunft hin ausrichten. Es kam natürlich immer wieder anders als geplant…, aber ich fühle tief in mir doch so was wie einen „roten Faden“, der mich leitet, und an dem ich selbst immer weiter stricke. Die Sehnsucht nach etwas Anderem, nach einem Tun, das mich dahin bringen kann – die wurde aber durch das Lesen von Büchern in mich gepflanzt.

Und ich ertappe mich dabei, dass ich immer einen kleinen Maßstab mit mir herumtrage: Hab ich mein Leben so hingekriegt, dass es für ein erfülltes „Lebensbuch“ ausreicht? Ich habe Lebenssituationen, die das Weiterschreiben an diesem Buch verhindert hätten, immer gemieden (eine mögliche Ehe in bürgerlicher Routiniertheit; Jobs, die mich an anderen mir wichtigen Aktivitäten gehindert hätten…). Ich will mich nicht abfinden müssen mit Büchern über das Leben anderer als Ersatz für ungelebtes eigenes Leben.

Insofern ist es schon folgerichtig, dass ich in den nächsten Monaten endlich die Gelegenheit bekomme, meine vielen Bücher, auch die Romane, in einer richtigen eigenen Bibliothek aufzustellen. Vieles wird nach vielen Jahren erstmals wieder aus Kisten auftauchen, und ich werde mir die Zeit nehmen, öfter mal wieder richtig zu schmökern.