Dass Kritische Psychologie nicht lediglich die gesellschaftlichen Verhältnisse und in Bezug auf individuelle psychische Zustände nicht nur psychisches Leiden behandelt, lernte ich auf der diesjährigen Ferienuni Kritische Psychologie. Klaus Holzkamp hatte die Beschäftigung mit den Problemen der alltäglichen Lebensführung in den 90er Jahren, kurz vor seinem Tod, im Anschluss an entsprechende soziologische Arbeiten (SFB „Alltägliche Lebensführung“ in München) in die Kritische Psychologie eingeführt.


Abendliche Gesprächsrunde während der Ferienuni

Vor allem in diesem Zusammenhang wurde nun auf den Begründungsdiskurs eingegangen. Letztlich ist dies ja die Praxis, die sich aus der Einführung der begrifflichen Grundlegungen ergibt. In der „Grundlegung“ von Holzkamp gibt es die ersten Ansätze dazu in Kapitel 9. Die Fülle der neu eingeführten Begriffe soll „als Mittel der Selbsterklärung der Befindlichkeit“ dienen – aber wie mache ich das denn nun? Manche scheinbar nahe liegenden Deutungsformen erweisen sich als unangemessen. Die „Entwicklungsfigur“ darf nicht als „Fahrplan für die Praxis“ missverstanden werden, sondern sie ist lediglich ein „Analyseinstrument, um Erkenntnisse/die Entwicklung der Theorie zu operationalisieren“. Auch würde es z.B. dem Subjektstandpunkt widersprechen, wenn die Kategorien „restriktive und verallgemeinerte Handlungsfähigkeit“ zur Benennung von konkreten Handlungsweisen von (anderen) Menschen verwendet würden. Es geht lediglich um die „Verdeutlichung je meiner Lebensinteressen und –perspektiven“ (Holzkamp), aber wie konkret mache ich denn das nun?

Ich denke, die an der Kritischen Psychologie interessierten Studiengruppen sollten über die „Grundlegung“ hinaus auch die weiterführenden Erfahrungen und Arbeiten zu dieser Frage stärker zur Kenntnis nehmen. Soweit ich mitbekommen habe, gibt es hier Erfahrungen vor allem in der AG Praxis und auch in einer Gruppe zur „Allgemeinen Lebensführung“ (ALF). Hier muss es weiter gehen, wenn die Kritische Psychologie nicht nur eine interessante Theorie sein soll und nicht nur Absichtserklärung, sondern lebendige Praxis möglichst vieler Menschen werden soll. Stichworte hierfür sind neben „Lebensführung“, „Begründungsdiskurs“ und „Entwicklungsfigur“ auch „Soziale Verständigung“. Es geht hier, wie in einem Workshop gesagt wurde, um die „Anwendung der Begriffe in eigener Sache“. Speziell im Kontext der Lebensführung geht es um solche Fragen wie:

  • Wie lasst sich das Leben so organisieren, dass die eigenen Lebensansprüche aufrechterhalten werden können?
  • Wie gehen wir Alltagsleben miteinander um und wie kriegen wir es hin, uns mehr zu fördern als zu behindern?

Die Selbstverständigung in kritisch-psychologischer Weise ist dabei nicht nur ein „Mal-darüber-reden“, sondern enthält eine Schwierigkeit: Letztlich sollen Begründungsmuster (zum Beispiel solche, die Möglichkeiten ausblenden zugunsten der Vorstellung einer Determination durch Bedingungen) auch kritisiert werden und durch neue Begründungen, die eine bessere Verfügung über die Bedingungen ermöglichen, ersetzt werden. Es stellt sich dabei z.B. die Frage:

  • Durch welche Begründungsfigur tragen wir selbst dazu bei, eine adäquate Problemlösung zu behindern?

Allerdings, und dies wurde auch angesprochen, finden diese Praxen dort ein Ende, wo innerhalb der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse individuelle oder auch nur gemeinschaftliche Handlungen zur Verbesserung der Lage nicht ausrechen, sondern gesamtgesellschaftliche Strukturänderungen erfordern (z.B. bezüglich schulischer Probleme, Fragen der sozialen Absicherung…). Die frühe Kritische Psychologie hatte es da noch einfacher: da wurde direkt dazu aufgerufen, sich politisch in dieser Hinsicht zu engagieren. Heute ist man da vorsichtiger.

Etwas entmutigend wirkten auf mich einige Erfahrungen, die ich in Veranstaltungen der Ferienuni erfuhr. So ergab die Arbeit im Bereich Drogenkonsum, dass die Methode der Entwicklungsfigur letztlich nicht anwendbar war (und die vorgestellte Ersatzlösung überzeugt mich überhaupt nicht).

Neue Hinweise darauf, WIE so eine soziale Selbstverständigung im Modus des Begründungsdiskurses nun durchgeführt werden könnte, habe ich leider nicht viele mitnehmen können von der Ferienuni außer enttäuschten Erwartungen und Warnhinweisen. Da schließt sich auch der Kreis zu der schon zu Beginn erwähnten Bemerkung von Christina Kaindl, dass eine der Theorie entsprechende Forschungsmethode mangels Kapazitäten leider noch nicht entwickelt werden konnte.

Ich selbst will mich nicht in die direkte kritisch-psychologische Forschungsarbeit einmischen, aber mir liegt viel daran, die Kritische Psychologie fruchtbar zu machen für den Alltag, nicht nur der allgemeinen Lebensführung, sondern auch der emanzipativen politischen Arbeit.

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