Meine eigene Veranstaltung mit dem langen Titel: „Ums Menschsein geht es… Das Einüben der Ent-Unterwerfung in der Kritischen Psychologie“ fand erst am Freitag, also fast am Ende der Ferienuni Kritische Psychologie statt. Ich finde es immer schade, erst spät im Verlauf einer mehrtägigen Veranstaltung dran zu sein, weil sich danach in den Pausen erfahrungsgemäß noch viele interessante Gespräche anschließen, die vorher nicht laufen, weil mich die Leute nicht kennen.

Der Vorteil war diesmal, dass ich schon einen Eindruck von vielen anderen Veranstaltungen hatte.

Dabei fiel mir auf, dass mein Anliegen eigentlich nirgendwo vorher zur Sprache gekommen war. Bin ich damit so falsch hier bei der Kritischen Psychologie? Das kann ja sein, aber erst mal kann ich die Gelegenheit nutzen, direkt dazu zu sprechen und zu schauen, ob ich nicht doch noch Mitstreiter_innen finde.

Was ist mein Anliegen? Ich hatte kurz vor meinem Workshop meine vorbereitete Powerpoint-Präsentation noch mal stark abgespeckt. Normalerweise mag ich nicht nur Schlagworte vorstellen, sondern die neuen verwendeten Begriffe möglichst gut auch argumentativ begründen. Aber hier entschied ich mich, nachdem alle Teilnehmenden der Ferienuni ja mehrere Einführungsveranstaltungen besuchen konnten und die entscheidenden Begriffe schon mehrmals verwendet und erklärt worden sind, diese Grundlagen nicht mehr im Einzelnen zu beleuchten, sondern stärker auf das einzugehen, worauf ich hinaus will:

In der Kritischen Psychologie werden die Einschränkungen des Denkens und Handelns auf determinierte Bedingungs-Ereignis-Zusammenhänge kritisiert und stattdessen wird eine soziale Selbstverständigung über Prämissen-Begründungs-Zusammenhänge vorgeschlagen.

Ich möchte nun Praxen einer solchen sozialen Selbstverständigung über den psychisch-therapeutischen Rahmen hinaus in Richtung gesellschaftspolitischer Praxen verallgemeinern. Wenn auch Politik nicht nur interpersonale Beziehungen betrifft, sondern letztlich auf strukturelle Veränderungen abzielt, so muss eine emanzipative Politik darauf abzielen, dass alle Menschen umfassend als Subjekte handeln können. Emanzipative Politik würde ihrem Anliegen widersprechen, wenn sie ihre Selbstbehinderung, beispielsweise durch die Instrumentalisierung anderer Menschen, nicht thematisieren würde. Es geht nicht um das Setzen von Normen. Aber es würde dem emanzipativen Ziel der Selbstbestimmung aller Menschen widersprechen, wenn die politisch Aktiven andere Menschen zu Objekten ihrer Politik machen würden. Das geschieht sehr schnell: Beteiligte einer Antiatomdemonstration werden genötigt, sich einheitlich zu kostümieren und dann wirkungsvolle Pressebilder für eine Kampagne zu produzieren. Zu Objekten degradiere ich die anderen auch, wenn ich sie in bevormundender und gängelnder Weise behandle, auch wenn mein Anliegen noch so berechtigt erscheint. Wenn bei Hartz-IV-Demos verächtlich über die Nicht-Teilnehmenden gelästert wird… und was es sonst noch alles gibt, wo sich einige über andere in ihrem politischen Engagement erhaben fühlen.

Angesichts des von vielen beobachteten und auch erfreulichen Trends, dass eigentlich die meisten globalisierungskritischen oder gar antikapitalistischen neuen Bewegungen seit Ende der 90er Jahre explizit antihierarchisch sein wollen, besteht noch eine starke Unklarheit darin, wie Menschen verlässlich kooperieren können, ohne dass neue Herrschaftsstrukturen entstehen. Es werden vielfältige Praxen dazu ausprobiert, Gewaltfreie Kommunikation wird geübt, auch das Handwerkszeug der Psychologie der Gruppendynamik gibt vieles her dazu. Erkenntnisse und Praxen aus der Kritischen Psychologie fehlen hier bisher (außer wenn ich im entsprechenden Kontext dazu Veranstaltungen durchführe). Viele der häufig verwendeten Praxen lassen sich aus ihrer Sicht sicherlich leicht kritisieren (z.B. angesichts der Gefahr, in manipulative Praxen abzugleiten oder wegen unhinterfragter problematischer Voraussetzungen). Aber wie können wir es denn mit diesem Wissen nun besser machen?

Ich erinnere mich leise an die Warnung von Morus Markard gegenüber einer „Instrumentalisierung der Kritischen Psychologie für das eigene politische Programm“. Vom Anliegen her sollte es klar sein, dass eine Politik, die die Menschen in ihrem Subjektstatus stärken will, inhaltlich eng verwandt ist mit einer Subjektwissenschaft wie der Kritischen Psychologie. Da stellt sich die Frage, woher die Befürchtung einer Instrumentalisierung rührt.

Natürlich könnte es immer auch sein, dass wir Fehler machen bei der eigenen sozialen Selbstverständigung und den sich daraus ergebenden Praxen. Angesichts der vielen Fallen, in die man dabei tappen kann und angesichts der Probleme gestandener Kritischer Psycholog_innen damit werden das nicht wenige sein. Deswegen brauchen wir eine gegenseitige solidarische Begleitung statt Misstrauen und Abwehr.

Ein einmal erreichter Stand der Debatte ist immer schwer zu halten, wenn Neue dazu kommen. Gleichzeitig kann er auch nur dann gehalten werden, wenn das schon Erkannte immer wieder erneuert gedacht und gelebt wird durch immer neue Menschen, angesichts immer neuer Problematiken und wenn es sich dabei weiter entwickelt. Die Ferienuni Kritische Psychologie 2012 war meines Erachtens ein guter Schritt in die richtige Richtung.

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