In den folgenden beiden Blog-Beiträgen gehe ich direkt auf Fragestellungen aus den Kommentaren zum letzten Beitrag „Das Einüben der Ent-Unterwerfung“ ein.

Die Kommentatorin „ich“ meinte z.B.:

„Diese Problematik stellt sich meiner Meinung nach immer, wenn eine Gruppe eine Aktion für viele Teilnehmer_innen als “Konsumangebot” organisiert, also prinzipiell immer bei Demonstrationen.
Für mich offen bleibt die Frage, wie man das verhindern kann, wie man einen wirklich gleichberechtigten Vorbereitungsprozess mit mehreren hundert bis tausend Teilnehmer_innen gestalten kann.“

Diese konkrete politische Problemstellung zeigt, dass man nicht alles, was mit emanzipativer Politik zu tun hat, direkt mit Kritischer Psychologie „erschlagen“ kann. In der Politik, die auf gesamtgesellschaftliche Wirkungsfähigkeit geht, gibt es schon „emergente Effekte“. Trotzdem ist es meine (gesellschaftspolitische) Überzeugung, dass Mittel, die den Zielen im Grundprinzip widersprechen, kontraproduktiv wirken. Damit bin ich dann auch bei entsprechenden gesellschaftstheoretischen und -politischen Konzepten. Ich befinde mich hier in großer Nähe zu anarchistischen Konzepten (eine von deren Grundprinzipien ist ja, dass die Mittel dem Ziel nicht widersprechen dürfen) und häufig kooperiere ich explizit mit antihierarchisch-autonom orientierten Praktiken, die z.B. von der Projektwerkstatt Saasen ausgehen (z.B. Veröffentlichung „HierachNIE“).

Im Rahmen von solchen Konzepten wurde in den letzten Jahrzehnten auch eine Fülle an Erfahrungen gesammelt und Konzepte entwickelt, wie eine emanzipative politische Praxis möglichst hierarchiearm bis -frei organisiert werden kann. Mir ist bekannt, dass in vielen sozial/ökologisch orientierten Bewegungen davon wenig bekannt ist. In den frühen 90er Jahren schien es mir so, dass auch aufgrund der enttäuschenden Erfahrungen mit bevormundenden und instrumentalisierenden Politikformen in der Arbeiterbewegung und im Realsozialismus die jüngeren Akteure ziemlich engagiert auf solche antihierarchischen Praktiken zurückgreifen und sie weiter entwickeln. Das waren aber Zeiten, in denen nur eine sehr kleine Minderheit überhaupt politisch alternativ engagiert war. Als seit 1999 die Kämpfe sich verbreiterten („Antiglobalisierung“), wurde das zwiespältiger: Einerseits kann wohl zusammenfassend konstatiert werden, dass (wohl beinah) alle Bewegungen zumindest offiziell antihierarchische Organisationsstrukturen anstreben (meist unter Berufung auf die Tradition der Zapatisten). Andererseits kamen nun teilweise wirklich auch wieder „Massen“, von denen viele selbst auch eher die Erwartungshaltung des „Mitmachens“ statt Selber-Machens mitbrachten (dass bei einer „Vokü“ alle selber ihr Geschirr aufwaschen war mal selbstverständlich. Heute muss man das, z.B. bei attac-Veranstaltungen, immer wieder erst aktiv kommunizieren, weil es nicht mehr selbstverständlich ist).

Bei Deinem Problem, wie man dann „eine Aktion für viele Teilnehmer_innen als “Konsumangebot” organisiert“, wäre für mich die erste Frage: Muss ich das das überhaupt?

Wenn ich das denn doch machen will (oder andere es partout wollen und ich nicht wieder nur theoretisch kritisieren, sondern mich aktiv beteiligen will), stellt sich die nächste Frage: Worauf gründet sich die erhoffte Beteiligung der Menschen? Jetzt habe ich zwei Möglichkeiten: Ich kann auf (kausale) Bedingungsbeziehungen spekulieren: „Da ja viele Menschen negativ von Hartz IV betroffen sind, werden sie doch wohl ein gemeinsames Interesse haben, dagegen zu demonstrieren!“ Dann ergibt es sich meistens, dass doch nicht so viele Leute kommen und was machen dann die Organisatoren? Sie schimpfen über die nicht Anwesenden! (Muss ich das auch noch belegen, oder machen nicht die meisten immer wieder diese Erfahrung, dass die Engagierten sich über die Nicht-Engagiertheit der anderen zuerst aufregen, statt sich zu fragen, warum das so ist und ob das an ihrem Politikstil liegt?).

Die zweite Alternative wäre: Ich gehe mit meiner Hypothese direkt unter Menschen, wo ich mit ihnen öfter mal auch auf Du und Du reden kann, und bringe in Erfahrung, welche Gründe sie mir für ihr Verhalten in verschiedenen Situationen, angesichts verschiedener Problemlagen nennen. Wenn sie damit gut zurechtkommen, steht mir auch kein naseweises Besserwissen zu. Wenn sie aber damit an Grenzen der Problembewältigung kommen, dann können wir hoffen, dass andere Beteiligte andere Horizonte einbeziehen und ihre Gründe anders entwickeln (das steht mir dann auch zu und ich kann meine Sichtweise und Erfahrung einbringen). Daraus können wir dann gemeinsam lernen (so was stelle ich mir unter einem politischen Begründungsdiskurs vor).

Wenn wir diese Kultur des Kennenlernens unserer Gründe, der gegenseitigen Bereicherung des Wissens über mögliche Handlungen entwickeln, werden wir aus einer solchen Kultur heraus auch zu Absprachen kommen, dies oder jenes gezielt gemeinsam zu tun. Ich kann dann vielleicht auch gute Gründe entwickeln, mich zu „uniformieren“ – aber gut ist der Grund dafür nur, wenn nicht automatisch angenommen wird, dass ich mich einer von anderen definierten höheren Sache unterzuordnen habe.

Zur nächsten Frage, „wie man einen wirklich gleichberechtigten Vorbereitungsprozess mit mehreren hundert bis tausend Teilnehmer_innen gestalten kann“, gibt es ebenfalls schon gute Beispiele. Grad aus dem Anti-Atom-Widerstand im Wendland. Das Wichtigste ist: Es macht nicht viel Sinn, alle unter einen Hut, eine Organisationsform, eine Aktionsform bringen zu wollen. Auch da gibt es aus Südamerika eine wichtige Erfahrung: sie wollen „eine Welt für viele Welten“, keine Vereinheitlichung. Wichtiger ist die Abstimmung zwischen unterschiedlichen Gruppen, so wie das im Wendland auch oft gelang. Ausgerechnet die letzten Jahre gaben dafür schon nicht mehr die besten Beispiele, sondern es häufen sich Klagen über Instrumentalisierungen durch bestimmte Gruppen, die die Meinungsführerschaft durchsetzen wollten. Gerade die „Vertretung“ in der Öffentlichkeit ist so ein Streitpunkt. Wer darf mit der Presse reden, wer drängelt sich immer wieder vor, wer beißt die anderen weg? Gibt es offene Presseverteiler, wird verzichtet auf das Erfüllen der Medienerwartungshaltung nach „Meinungsführern“?

Symbole können sich ergeben. Sie können im Prozess entstehen – ich glaube, die gelben X-e im Wendland sind im Prozess geboren worden und haben ihre Dominanz wirklich durch freiwillige Übernahme gewonnen. Die gelbe Atomsonne sicher auch. Die dominiert im Wendland schon. Trotzdem sind auch die großen Demos mit Tausenden Teilnehmer_innen im Wendland viel, viel bunter als es das „Warmlaufen“ in Berlin mit den aufgenötigten Leibchen war.

Ich denke, wir müssen an vielen Stellen überlegen, ob wir bestimmte politische Logiken, die halt „üblich“ sind, überhaupt brauchen („Sprecher“, „Vertretungen“, „Symbole“…). Das ist wie mit den Argumenten, die mich selbst einst doch dazu gebracht hatten, die „Einheit der Arbeiterklasse“ (und damit auch die Organe, die diese Einheit zu sichern hatten) anzuerkennen. Es gab so eine Geschichte von den einzelnen Ästchen, die als Einzelne leicht nacheinander zu brechen waren, während ein ganzes Bündel dieser Äste unzerbrechbar waren. Unter dieser Voraussetzung konnte dann schließlich auch der Stalinismus gedeihen (auch wenn wir uns verzweifelt dagegen stemmten). Es war einfach eine unhinterfragte Voraussetzung („Einheit braucht einheitliche Führung“), die unser gutes Bemühen, nicht zu bevormunden und nicht zu gängeln, sondern nur „im Interesse der Bevölkerung“ zu handeln, systematisch hintertrieben haben. (Das Thema einer lebendigen Einheit ohne Herrschaft bearbeitete ich seitdem unter dem Stichwort „Selbstorganisierung“ – allerdings war das zuerst nur eine sehr abstrakte Systemtheorie. Heute entwickeln wir dafür das Konzept der Selbst-Entfaltung – aber das ist schon wieder ein anderes Thema.)

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