Ich habe gestern schon über die Demo am 3.10. berichtet.

Kirsten hat mir ihren Redebeitrag für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Sie berichtet hier über die vielfältigen konkreten Anlässe für Ärger und Empörung…

Ich danke Kirsten für den Text:


Hallo Leute,

Ich bin ja gefragt worden als Ortsteilrätin von Jenas Stadtzentrum zur Stadtentwicklung hier zu sprechen. Keine Sorge, ich gehöre keiner Partei an, außer meiner eigenen, den Guten, und zu denen gehört ihr aus meiner Sicht auch. Ich identifiziere mich jedoch mehr mit der Szene, die sich hier versammelt hat und mit den Häusern, die mich über die zehn Jahre hier in Jena begleitet haben und die zum Teil uns schon verloren gegangen sind.

Und ich sollte zur Stadtentwicklung etwas sagen. Und da ist einiges im Argen. Nach 1990 erhielt die Stadt viel Geld und Unterstützung, um sich zu sanieren. Die Johannisstraße wurde bunt, der Markt wurde bunt und leere Flächen wurden zugebaut mit so „schönen“ Gebäuden wie in der Löbderstraße gegenüber dem Holzmarkt. Die Stadt wuchs – und Raum wurde knapp und teuer. Wer billig wohnen will, weil er wenig Geld hat, und wer Kulturraum genießen will, für den wurde es eng und wird es immer enger.

Ein Beispiel ist der Eichplatz, der viele beschäftigt hat, auch mich. Dort werden auf zwei Riesen-Baufeldern Gebäude entstehen, deren Mieten schlicht zu hoch sein werden, dass dort kein Kulturraum entstehen wird. Und die Investoren scheren sich einen Dreck darum. Das wird vor allem teure Wohnungen und Gewerbeflächen beherbergen. Kulturraum und öffentliche Raum wird dort nicht sein.

Ein anderes Beispiel ist Göschwitz, wo Jena21, der Technologiepark ausgebaut wird. Und wo zur Zeit über 20 Bands ihre Proberäume haben. Das war zwar von vornherein als Zwischennutzung angelegt und damit klar, dass sie nur begrenzt zeitlich zur Verfügung stehen. Für die Gewerbesteuerzahlenden wird von Seiten der Stadt vieles getan. Bislang gibt es für die Proberäume kein Ersatz.

Und das Beispiel Inselplatz, auf dem ihr hier steht, und an deren Ecke dieses wunderschöne Haus mit dem Garten und den Fensterläden steht, was einige von euch gut kennen dürften. Seit 20 Jahren streitet die Stadt, was sie mit dem Platz machen soll und einigt sich darauf ein modernes Mischgebiet zu machen, mit einem Hotel, einem Parkhaus, Wohnraum und Gewerbe. Und mit Gebäuden, die genau so „schön“ aussehen, wie dieses neue viereckige Haus hier hinter uns. Lange konnte sich der Stadtrat nicht durchringen einen Bebauungsplan zu verabschieden. Dann redeten vor zwei Jahren die Obersten der Stadtverwaltung, der Oberbürgermeister, Spitzen der Landespolitik und der Rektor der Uni in Hinterzimmern darüber, alles an die Uni zu geben. Die Idee präsentierten sie dann den Stadträten und die riefen wie Lämmer „Hurra“ gerufen, „alles für die Uni“. Trotz noch unsicherer Finanzierung will die Uni das gesamte Gelände, um sich zu zentralisieren. Mit Rechenzentrum, Bibliothek und Instituten. Und weil sie die Finanzierung nicht klar haben, soll es als PPP-Projekt verwirklicht werden. Public Private Partnership: Die Wirtschaft finanziert mit. Und im schlimmsten Fall ist dann im Erdgeschoss überall Gewerbe und oben Uni, das wird auf jeden Fall kein belebtes Stadtviertel. Ein ganzer Platz ohne Kulturraum. Und auf der Ecke mit dem Haus soll ein fünf- bis siebengeschossiger Bau hin mit Verwaltung, Dienstleistung, Gewerbe oder eben Uni. Und dann wird wieder ein Raum verloren sein.

Wie war das noch mit den anderen Häusern? Wie war das in der Wiesenstraße? Da haben ungefähr 20 Leute lebten, wo Kino war, Konzerte im Keller, wo sich politische Gruppen trafen, wo die Vokü einmal wöchentlich war. Die beiden Häuser wurden abgerissen, damit dort Autos auf einer breiteren Straße rollen können.

Wie war das in der Hügelstraße? Da war es etwas anderes. Das Haus gehörte Menschen, die – wer auch immer sie waren – während des 2. Weltkrieg nach Südamerika flohen. Deren Enkel wussten nichts von dem Haus. Der Verwalter machte sie ausfindig und behauptete das Haus sei unbewohnt und runtergekommen. Er verkaufte es für ein Appel und ein Ei und sanierte. Und die Initiative, die so schöne Abende gestaltete musste wieder weg.

Dann die Neugasse 8, wo die Vokü, die uns heute abend so schön bekocht hat, drei Jahre lang untergebracht war; wo Theater, Lesungen, Konzerte, Parties stattfanden; wo sich aktive Gruppen trafen, um irgendwas zu organisieren und von wo aus das Neugassenstraßenfest zwei Mal geplant wurde. Der private Besitzer dachte sich, bei diesen hohen Immobilienpreisen reiße er das Haus ab und baue ein Neues. Und so kam es und die Vokü zog hier an den Inselplatz.

Und das Caleidospheres, was vielen schmerzlich in Erinnerung ist. Das hatte letztlich den Grund, dass der große Schott-Konzern nicht ertragen konnte, dass Alternative auf ihrem Gelände rumhingen. Und es lag auch an den amerikanischen Zollgesetzen. Schott exportiert ja in die USA und das Zollgesetz erlaubt nicht, dass dort auf dem Gelände, wo die Waren produziert und geladen werden, etwas und jemand anderes sein dürfe. Und schon war wieder ein Haus weg. Ich erwähn die anderen Häuser jetzt nicht, es sind noch mehr gewesen.

Ja und was wurde da gelacht, geliebt, geweint, gedacht und gelebt. Es war nicht immer die Stadtentwicklungspolitik, aber ihr merkt wie alles zusammenhängt. Das Geld, die Wirtschaft. Ich muss jetzt nicht erst ne große Kapitalismuskritik aufmachen. Nehmen wir das aus einer rein menschlichen Perspektive. Die Regeln und die Werte, denen diese Gesellschaft folgt, gehen an der gesunden Lebensrealität des Menschen, als lebende Wesen, vollkommen vorbei. Zu einem Teil dieser gesunden Lebensrealität gehört die Kultur, die nicht konsumiert sondern gelebt werden kann, wo ein Miteinander stattfindet und die Kooperation, das gemeinsame Erleben und die individuelle Gestaltung des Miteinander Platz hat. Und klar da wird auch viel gefeiert und getrunken und das ist nicht immer gesund. Doch aus meiner Sicht ist das als Ausgleich zu einer psychisch, sozial und auch leiblich ungesunden Welt, in der wir da draußen leben müssen, wichtig. Und deswegen sind solche Räume wichtig. Sie sind wichtig als Ausgleich und als Zwischenstation zu einer anderen Welt. Und die Keime sind da, sie wollen wachsen. Doch wenn uns die Räume weggenommen werden, wir verdrängt werden, und wir uns auch verdrängen lassen, dann kann nichts wachsen.

Ich will ein Bild aufgreifen, dass dieses Jahr beim Break Isolation Camp geprägt worden ist. Auf dem Camp können Flüchtlinge, die sonst rechtlos leben, für eine Woche sich als Menschen fühlen. Und dort wurde ein Film produziert, in dem das Camp Embryo der Freiheit genannt wurde. Und für mich sind unsere Kulturräume auch Embryonen der Freiheit. Ob in Kellern, auf Wiesen, in Gärten oder in alten Hallen, sie wollen wachsen und tragen in sich das Potential dazu. Doch sie sind ebenso zerbrechlich. Es liegt an uns, dass sie so gestärkt werden, dass manche Kräfte nicht mehr eingerissen und wir nicht mehr gebrochen werden können. Was mir wichtig ist: Ich will nicht mehr, dass unsere Orte und wir gebrochen werden. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mich nervt es echt an. Und ich will dafür sorgen, dass unsere Orte und wir nicht mehr gebrochen werden. Und ich will das mit euch zusammen tun. Danke.


Diese Rede kann auch bei Youtube gesehen und gehört werden.

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