Romane zu lesen wurde in meiner Kindheit und Jugend häufig als „Flucht vor der Wirklichkeit“ interpretiert, und ein wenig hatte ich diese Interpretation fast übernommen. Lesende verschließen sich gegenüber ihrer Umwelt, sind mit dem Buch allein… auch ich fand in den Büchern eine reichere Wirklichkeit als mir die Realität zu bieten schien.

Ich hatte vor kurzem berichtet, dass ich seit langer Zeit nicht mehr so intensiv in den Bücher-Welten versunken bin wie damals und dass ich das durchaus vermisse.


Letztlich zeigt es sich sogar, dass das (Nichtfach-)Bücherlesen nicht etwa die soziale Kompetenz einschränkt, sondern erweitern kann. Lesende haben häufig ein größeres Emphatievermögen als andere. Diese Korrelation muss nicht unbedingt bedeuten, dass das Lesen zur Empathie führt, sondern kann auch heißen, dass sich empathiefähigere Menschen eher auch zu Büchern hingezogen fühlen.

Letztlich aber können Bücher dazu anregen, anhand der Figuren im Buch „über die Motive und das Handeln unserer Mitmenschen nachzudenken“. Dies wurde in einigen Untersuchungen gezeigt, über die im Artikel „Lesen macht… emphatisch“ in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ berichtet wird.

In einer Studie wird auch darauf hingewiesen, dass viele Lesende „die Erfahrungen von Romanfiguren verinnerlichen“. Das bedeutet also, dass es berechtigt ist zu sagen:

„Sage mir, was du liest, und ich weiß etwas über dich…“

Nun ja, so ganz einfach ist das sicher nicht. Aber es ich spüre schon, dass es mich von Zeit zu Zeit in ganz bestimmter Weise zu dieser oder jener Lektüre hinzieht. Manches mag ich grad nicht, anderes zieht mich magisch an. Und ich erkenne immer wieder, dass bestimmte Positionen, die ich im wirklichen Leben einnehme, durch das in den Büchern Erlebte zumindest stark beeinflusst wurden.

Die Grundlage für einen gewissen historischen Optimismus wurde z.B. durch die DDR-Literatur gelegt. An Bernhard Seeger und Horst Bastian erinnere ich mich da grad besonders. Na klar kann ich manches dazu auch kritisch reflektieren. Aber diese Literatur eröffnete Horizonte, die man im „wirklichen Leben“ erst suchen musste.

Ich wurde politisch aktiv, als ich im wirklichen Leben solche Menschen kennen lernen durfte, wie ich sie schon aus den Büchern kannte. Ich hatte sie erwartet, ich hatte sie gesucht – sonst wäre mein Leben sicher anders verlaufen.

Im Alltag komme ich jetzt kaum noch zum Schmökern…, vielleicht sollte ich das ändern. Spätestens wenn meine alten Bücher aus den Kisten heraus mal in richtige Bücherregale kommen, wirds Zeit, das eine oder andere Buch noch mal zu lesen. Ich werde dann in unserem neuen Haus eine offene Bibliothek führen, mit Ausleihe an Freunde und Bekannte, vielleicht können wir uns dann auch öfter mal über das Gelesene austauschen. Ich freue mich schon darauf!

Advertisements