Normalerweise vertiefe ich mich nicht so sehr in die Auswertungen der kommunistischen Vergangenheit in Ost oder West. Zu viel gilt es in der Gegenwart zu regeln und erst aus begründeten neuen konkreten Utopien heraus wird einerseits das Unzureichende der Befreiungsversuche des 20. Jahrhunderts klarer zu bewerten sein und andererseits die damaligen historischen Bedingungen auch umfassend gewürdigt werden. Trotzdem gehörte das Buch „Offene Fragen in der geschlossenen Abteilung“ von Harald Werner zu meinen Bestellungen beim Weihnachtsmann und… ich habs noch am Weihnachtsabend gelesen!Harald Werner

Es war wie bei Charles Dickens: Zuerst kommt der „Geist der vergangenen Weihnachten“. Lange vergangen sind die Zeiten, von denen Harald Werner berichtet. Der Bericht über einen Lehrgang in der Franz-Mehring-Schule in Biesdorf aus dem Jahr 1987 bietet eine eigene turbulente Geschichte, aber er ist auch Anlass, in die noch tiefere Vergangenheit zurück zu schauen, wie die gerade scheiternde Karriere eines Kommunisten begann und sich entwickelte.

Ich fühle beim Lesen, wie verdammt weit weg diese Zeiten sind und diese Haltungen von Menschen. Wie sehr es uns in den letzten 20 Jahren abgewöhnt wurde, in der Aufopferung von „Berufsrevolutionären“ noch irgendetwas Gutes sehen zu können. Aber umso wichtiger ist dieser Bericht zum Festhalten der Erinnerung an ganze Generationen von mutigen und kämpferischen Menschen, die sich für den Fortschritt der Menschheit einsetzten. Dieser Bericht zeigt sie weder als fleckenlose Helden noch als wankelmütige Ehrgeizlinge, er beschreibt Auseinandersetzungen in herausfordernden Situationen, in denen verschiedene Menschen auf unterschiedlicher Weise agierten.

Ich selbst habe einen Berührungspunkt mit diesem autobiographischen Bericht, nämlich die Erfahrung von einem Jahr Frauen-Sonderklasse einer Bezirksparteischule (wenn ich nicht grad ein Baby bekommen hätte, hätte ich auch ins Internat gemusst). Mein kleiner Konflikt dort führte damals nicht zum Scheitern meiner „Karriere“, weil meine Parteigruppe mich herausschlug. Es war ein Jahr später (1988) als Werners Lehr-Jahr, der Realsozialismus wurde zwar noch nicht deutlich in Frage gestellt, aber auch bei uns gärten die nicht zugelassenen Fragen und bohrten die Zweifel. Auch die ersten Verzweiflungen über den Verlust der Handlungsfähigkeit brachen durch, Gefühle der Vergeblichkeit entstanden. Denn die DDR war mal ein gutes Pflaster gewesen für viele, denen es nicht nur um ihr privates Wohlergehen ging, sondern die den Sinn ihres Lebens in etwas Umfassendes einbetteten, das die Menschen und die Welt voranbringen sollte. Die Einbettung in das Umfassende ist es wohl auch, das sich für Harald Werner zeigte als quasi-religiöses Element. Zur Verwandtschaft von Kirche und Partei schreibt er:

„Jede soziale Bindung oder Organisation hat ihre typischen Konflikte. In einer Kirche wird jeder Konflikt zu einer religiösen, in der Partei zu einer politischen Angelegenheit. Kommunistische Parteien haben es da besonders schwer, weil sie mehr oder weniger beides sind.“

Bis zu dieser Erkenntnis bzw. dem Zulassen des Begreifens führt aber erst ein jahrzehntelanges Durchleben und auch Auskämpfen der Widersprüche der kommunistischen Bewegung in der BRD. Der Ausgangspunkt für viele spätere Kommunisten war u.a. das unübersehbare Überleben von faschistischen „Resten“ in Politik und Kultur der frühen BRD. Für Harald Werner war es vor allem die ständige Erfahrung von erniedrigenden Hierarchien in Schule und Fabriken, die ihn zum politischen Engagement in der Gewerkschaft, für eine antiautoritäre Erziehung führte und angesichts des Vietnamkriegs war die Herstellung des Grundstoffs für Agent Orange in Ingelheim ein wichtiges Angriffsziel. Parallel zu den Aktionen gab es damals auch inhaltliche und theoretisch fundierte Debatten, bei denen sich Harald Werner besonders entfalten konnte, so dass er später auch Sozialwissenschaftler wurde.

Den politischen und kulturell stockkonservativen Realitäten in der Bundesrepublik gegenüber erschien die DDR im Licht eines Versprechens, das die Tristheit im Land des Sozialismus überstrahlte. Das Versprechen war – abgesehen von vielen sozialen Verbesserungen – nicht ganz eingelöst, trotzdem konnte man hoffen.

„Ich hatte viele Zweifel, ob die DDR wirklich das bessere Deutschland war, aber die BRD erschien mir als das noch schlechtere.“

Gegenüber der realexistierenden DDR entwickelte sich auch später nicht viel mehr Sympathie. Harald Werner kennzeichnet sie als „Erziehungsdiktatur“ und schreibt:

„Bei meinen ersten Kontakten mit SED-Funktionären fand ich es sympathisch, wenn sie die DDR-Bürger „unsere Menschen“ nannten. Bis ich begriff, dass sie es auch so meinten.“

Für Harald Werner wurde die Fragestellung nach der Rolle des Individuums und der Subjektivität zentral. Schon allein mit dieser Themenstellung fand er sich in Distanz und Kontrast gegenüber zentralen Lehrsätzen dogmatischer Kommunisten. Ich selbst habe in den 80ern auch entsprechende Bücher gesammelt (die es z.T. gab, wie von Lucien Séve; Cagin, den auch Harald Werner erwähnt…), aber diese Inhalte kamen im ML-Unterricht nicht vor und ein ML-Seminarleiter bekam eine Parteirüge, weil er eine Belegarbeit zum Thema „Entfremdung in der DDR-Produktion“ zugelassen hatte.

Harald Werner schildert ein Gespräch mit einem Kontrahenten, das wirklich typisch ist für die gegensätzlichen Standpunkte: Sein Opponent ging davon aus, dass die Menschen im Kapitalismus sowieso nur ein kapitalistisches Bewusstsein hätten, weswegen es die Aufgabe der Partei sei, „die Überwindung dieses Bewusstseins zu fördern, auch wenn es die Leute gar nicht wollen“. Harald Werner warf ihm daraufhin ein „vormundschaftliches Verhältnis“ gegenüber der Arbeiterklasse und den eigenen Genossinnen und Genossen vor.

Wieso begibt sich nun aber einer, der aus der Schule abgehauen ist und auch in den Fabriken alle Hierarchien floh, freiwillig unter die Fuchtel der Parteidisziplin? Hier lockten ja keine Privilegien, wie man es den DDR-Funktionären zuschreibt. Wieso unterwarfen sich die Genoss_innen den Restriktionen? Zu dieser Frage finde ich bei Harald Werner zwei Antworten. Die eine bewegt sich auf der Linie der von mir genannten Erzählung mit dem Reisigbündel (ein Bund Reisig ist widerstandsfähiger als einzelne Reisigzweige).

„Nichts fürchteten wir mehr als den Fraktionsvorwurf. Waren wir doch meistens nur deshalb zur DKP gekommen, weil sie sich als Alternativen zur hoffnungslosen Zersplitterung der Linken anbot. Außerdem existierte sie wie andere Gruppierungen nicht nur in der Papierform, sondern auf der Straße, in den Universitäten und nicht zuletzt in den Betrieben. Und natürlich setzte das ein hohes Maß an Verlässlichkeit, funktionierende Strukturen und gegenseitiges Vertrauen voraus, also Einheit und Geschlossenheit. Aber andererseits verdankten wir dieses Bedürfnis nach Einheit und Geschlossenheit vor allem der intensiven Beschäftigung mit der Geschichte der Arbeiterbewegung, der europäischen Revolutionen, des Faschismus und natürlich der Befreiungsbewegungen. Überall Niederlagen, die offensichtlich durch Uneinheitlichkeit, Sektierertum und mangelnde Geschlossenheit verursacht waren, bis hin zu der schrecklichsten Niederlage, nämlich dem Scheitern vor dem Faschismus. Diese Geschichte, oder zumindest ihre Überlieferung, lastete auf uns wie eine große Mahnung zu Einheit und Geschlossenheit, so dass es keiner großen Anstrengung bedurfte, uns der Disziplin der Partei zu unterwerfen.“

Ich kenne natürlich inzwischen andere Erzählungen der Geschichte, z.B. anarchistische, bei der es eher die kommunistischen Parteien waren, die wirkungskräftige Alternativen verhinderten. Trotzdem finde ich es nur angemessen, die Selbstbegründungsargumente auch ernst zu nehmen und nicht nur zu diffamieren, wie es heute meist geschieht.

Die zweite Begründung hängt durchaus mit der ersten zusammen, hat aber einen allgemeineren Anspruch:

„Wahrscheinlich lassen sich Menschen immer auf solche Gemeinschaften ein, wenn sie die Welt ändern oder retten wollen, und riskieren dabei den Einzug in ein Gebäude der Hörigkeit, aus dem nur schwer auszubrechen ist. […]

Doch was wäre die Alternative gewesen, jenseits der resignativen Flucht ins Private?“

Es stimmt schon, nach Austritten aus kommunistischen Parteien oder auch der PDS/LINKE verschwinden die meisten entkräftet. Aber grundsätzlich lassen sich längst nicht alle Menschen und gleich gar nicht immer auf solche unterdrückenden Gemeinschaften ein, „wenn sie die Welt ändern oder retten“ wollen.

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Quelle: HierarchNIE-Reader

Trotz dem Gegensatz der Sichtweisen finde ich es wichtig, die Argumente zu kennen, die Menschen dazu brachten, sich so oder so zu verhalten. Schon früher übrigens ließen sich deutliche Unterschiede ausmachen zwischen jenen Menschen, die wirklich über diese Fragen nachdachten und dann eben zu diesen (von uns heute im allgemeinen kritisierten) Ergebnissen kamen und denen, die nur stur-dogmatisch in diesem Sinne agierten. Gerade auf der Parteischule sollte doch die Gelegenheit sein, darüber nachzudenken, Argumente abzuwägen, um die späteren Kader auf ihre widersprüchliche Praxis vorzubereiten, oder?

Harald Werner bezeichnet seine Erfahrungen als „Laborexperiment, … Versuchsanordnung zur Reproduktion eines fast stalinistischen Systems“. Für mich selbst zeigte das Jahr in der Frauensonderklasse der Bezirksparteischule dasselbe Bild. Zwar versuchten die Lehrenden einigermaßen geschmeidig auf die neuen Fragestellungen zu reagieren. Aber ich kann es Harald Werner gut nachfühlen, wie es ihm erging -denn ich erlebte Ähnliches: Wir, die wir uns sorgfältige Gedanken über die Inhalte und Strategien machten, wurden den gedankenlosen Selbstgefälligen gefährlich. Harald Werner wurde vorgeworfen: „Die Zeit hat sich wirklich verändert, aber du hast den Genossen keine neue Richtung vorgegeben, sondern sie mit neuen Fragen konfrontiert.“ Harald Werner konterte mit dem Vorwurf, dass ihre Bildungsarbeit kein Wissen vermittle, sondern Standpunkte. Das kenne ich nur zu gut. Wer mehr machte, störte eher nur. Mich hat die Abwehr der Anstrengungen in dieser Richtung irritiert. In der FDJ vorher hatte ich das nicht so erlebt, im Bereich der Sektion Physik bzw. der Universität Jena hatten wir Mitte der 80er Jahre FDJ- und SED-Leitungen, mit denen vieles möglich war, z.B. FDJ-Studienjahre zum Thema „Globale Probleme der Menschheit“, d.h. auch zu Umweltschutzproblemen in der DDR. Aber auf der Parteischule wurde mir klar, dass das eine Ausnahmesituation war, dass „normalerweise“ tumbes Lehrsatzwissen ausreicht und mehr nicht erwünscht ist. Mich wollten sie aus der Klasse expedieren (in einen anderen externen Kurs), indem sie die ständigen Erkrankungen meiner kleinen Tochter ausnutzten. Sie wollten mir „helfen“, damit ich nicht zu viel vom Unterricht verpasse und zu viel selbst nacharbeiten muss. Dabei war immer noch ich es, die anderen vieles erklärte, was sie es sonst kaum lernen konnten. Die Dozenten, die mir bei der Philosophieprüfung eine Eins gaben, obwohl ich den gesamten Unterricht versäumt hatte, wurden hinterher gerügt, weil es doch nicht sein könne, dass jemand das alles auch ohne den Parteischulunterricht wissen könne! (Warum schmiss ich das Ganze nicht einfach? Weil ich mich fachlich in Richtung „Philosophische Probleme der Naturwissenschaften“ entwickeln wollte und man im Philosophiebereich mit entsprechend negativen Einträgen in der Kaderakte nicht erwünscht war).

Als ein Jahr später das ganze sozialistische System zusammenbrach, konnte ich besser verstehen, warum. So konnte es nicht weiter gehen. Sogar noch im Sommer 1989 gab es schöne Gespräche, in denen die Menschen nicht etwa den Sozialismus aufgeben wollten, sondern nächtelang diskutierten, was sich verändern muss, verändern kann, um ihn wirklich so gestalten, dass er lebens- und verteidigenswert würde. Im Herbst wurde der Umschlag der Rufe „Wir sind DAS Volk“ in „Wir sind EIN Volk“ zur großen Enttäuschung. Viele Genoss_innen zerbrachen daran, andere konnten ihre Qualifikation als Ränkeschmiede bruchlos weiter nutzen. Ich lese bei Harald Werner heraus, dass er das auch alles kennt.

Die Reste der kommunistischen Vision, also jener, bei der sich die Menschen von aller Ausbeutung und Entwürdigung befreien, versickerten ziemlich kläglich. Nicht weil diese Vision erledigt wäre, macht es keinen Sinn mehr, von Kommunismus zu sprechen, sondern wegen diesem würdelosen Aufgeben der eigenen Ziele. Ein Redner auf einem DKP-Parteitag „verglich die Partei mit einem Leuchtturm, der völlig sinnlos seine Signale aussendet, während die Schiffe draußen auf dem Meer nach Radar fahren.“

Harald Werner beschreibt Debatten über die neuen Herausforderungen: die Globalen Probleme der Menschheit, die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Hegemonie, die Flexibilisierung der industriellen Strukturen, neue soziale, feministische und ökologische Bewegungen usw. usf. – die bei uns fast genau so verliefen. In meinem persönlichen Umfeld wurden die schon lange schwelenden Fragen nun ausgiebig diskutiert, nach 1990 besuchten wir westliche linke und ökologisch orientierte Gruppen, deckten uns mit Literatur aus dem links-alternativen Bereich ein und hatten ansonsten die Einstellung: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.“ Mit Wendehälsen hatten wir aber nichts zu tun.

Eine wichtige Inspiration waren für mich die Schriften der sogenannten „Erneuerungsströmung“ aus der DKP. Sie ermöglichten es uns, tatsächlich Neues zu erkennen und zu denken, ohne wichtige Grundlagen aufgeben zu müssen. Leider brach der Zustrom neuer Ideen ab, als die Strömung verebbte. Genau die Geschichte dieser Bewegung habe ich nun bei Harald Werner nachlesen können.

In Jena traf sich eine kleine Gruppe von Menschen einfach regelmäßig weiter – daraus wurde später die Zukunftswerkstatt Jena. Wir beschäftigten uns mit den jeweils interessierenden Themen, und engagierten uns in verschiedener Weise, insb. in der Anti-Kernkraftbewegung. Die dabei gewonnene Autonomie, die manche von uns erst kurz vor der Wende aktivierten, wollten und konnten wir dann auch unter einem PDS-Dach nicht wieder aufgeben. Natürlich war die PDS und ist die LINKE in vielerlei Hinsicht offener als es die SED und sicher auch die DKP je war. Wir aber stellten gleich in den ersten Jahren fest, dass unsere spezifische Leistung, unsere selbsterarbeiten Inhalte genau so wenig gefragt waren wie früher. Ich will darüber jetzt nicht lamentieren – eine kleine Erfahrung jedoch hat mit meiner einzigen direkten Begegnung mit Harald Werner zu tun: Wir waren ziemlich begeistert von dem Büchlein „Mythos und Realität der Erwerbsarbeit“ von Harald Werner (1992), weil es vieles enthielt, was wir auch dachten (meine Notizen von damals dazu). Ich hatte Harald Werner dazu geschrieben, irgend etwas auch in Bezug auf die Bitte um weitere Zusammenarbeit. Die AG Junge GenossInnen hatte mich auch in die damalige Grundsatzkommission delegiert. Als ich dann zu meiner ersten (und letzten) Sitzung dieser Kommission in Berlin war, traf ich Harald Werner auf dem Gang. Ich sprach ihn an wegen dem Brief… und es stellte sich heraus, dass der Brief, vielleicht auch gar nicht ganz unbeabsichtigt, in der Bürokratie im Parteihaus hängen geblieben war.

So geht man also mit Briefen aus der Basis um. Die Sitzung selbst verstärkte meine Vermutung, dass hier schon wieder ziemlich erfolgreich Strategie und Politik im Hinterzimmer vorangetrieben wurden und wir das nur scheindemokratisch legitimieren sollten. Müßte ich schon wieder um Macht kämpfen, d.h. mich in die allgemeine Intrigiererei einmischen, um mich inhaltlich einbringen zu können? Ich dankte, und ging…

Harald Werner ging nicht, er fand wohl andere Wege, sich sinnvoll einzubringen. So also leben wir mit unseren Erfahrungen über die „Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten“ (Marx) der ersten Versuche, eine nichtkapitalistische Gesellschaftsordnung zu errichten. Schön, dass Harald Werner die Zeit und Kraft gefunden hat, dieses Buch zu schreiben. Es beinhaltet nicht nur eine Fußnote der Geschichte, sondern ermöglicht einen Blick in das widersprüchlich-zerrissene Herz einer bestimmten Form von Befreiungsversuchen.


P.S. Gerade fand ich noch eine Gemeinsamkeit: bei einigen Berlinmarathons waren wir wohl beide dabei: ich mit Inlineskates, er beim Laufen… 😉

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