Ich hab das Auswechseln der Kalender noch nie gebraucht, um mir etwas vorzunehmen. Pläne und Vorhaben hatte ich immer, leider hab ich sie fast nie alle umsetzen können. Es wäre eine Lüge, zu behaupten, dass ich mich in jeder Situation bis zur äußersten Anstrengung treiben würde; es wäre Selbstbetrug anzunehmen, ich würde nie Zeit verlieren, nie prokrastinieren, nie zu lange „Informationen aufnehmen“ vor der Glotze.

Manchmal hab ich mir auch „einen Ruck gegeben“ und mir bestimmte Verhaltensweisen fest vorgenommen, wie das regelmäßige Sporttreiben. Dazu brauche ich dann aber keinen Jahreswechsel. Als Jugendliche schrieb ich mir einen Spruch in den Kalender „Nulla dies sine linea“ (Kein Tag ohne Linie, d.h. nützliches Tun), was sich nicht auf den Schul- oder Studienalltag bezog, sondern auf meine „zweite Schicht“, Astronomie oder Philosophie betreffend. Leider konnte ich diese „zweite Schicht“ nie zu meinem Beruf machen, sondern die Situation blieb so, dass ständig (mindestens) zwei aktive Lebensinhalte vorantreibe. Das kann schon auch ganz schön ermüden. Und weil ich nie alles schaffe, komme ich vor allem im Bereich der „zweiten Schicht“ immer wieder in die Situation von Buridans Esel:

buridans esel„Ein Esel steht zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen.
Er verhungert schließlich, weil er sich nicht entscheiden kann,
welchen er zuerst fressen soll.“ (Bild nach W.A. Rogers, 1923)

Ich halte also nicht viel von guten Vorsätzen im neuen Jahr. (Andere auch nicht, oder nur so: „Ich werd nicht mehr trinken im neuen Jahr…. Aber auch nicht weniger!“ 😉 )

Beim Lesen meiner diesjährigen Jahresendlektüre stolperte ich aber über einen ziemlich interessanten Gedanken. Während Menschen zwar Wünsche haben können, ohne unbedingt etwas dafür zu tun) ist das Wollen mit Aktivitäten verbunden, das Ziel auch zu erreichen. Bei jeder Aktivität muss man sich aber zwischen vielen anderen vorhandenen Handlungsmöglichkeiten entscheiden. Wenn ich etwas tue, bleibt etwas anderes ungetan. Ich wünsche mir diesen oder jenen Heuhaufen, aber welchen will ich wirklich (ich bin ja schließlich kein Esel 😉 )?

Buridans Esel versinnbildlicht, was auch Jörg Friedrich (in seinem Buch „Kritik der vernetzten Vernunft“) schreibt:

„Sich alle Möglichkeiten offenzuhalten, bedeutet zumeist, alle Kraft für entschlossenes Handeln zu verlieren, so wie das Wasser in der Ebene in tausend Rinnsale versickert, aber in einem Kanal zu einer Kraft wird, die alles mitreißt.“

Das gilt nicht nur für die Gestaltung des einzelnen Tages („Was mach ich nur in den wenigen freien Stunden zuerst, wenn ich eh nicht alles schaffen kann?“), sondern ich denke dabei auch an die Situation vieler Menschen, denen heutzutage so viele Lebenswege offen stehen, dass sie sich kaum dazu entscheiden können, einen davon mit allen Konsequenzen einzuschlagen (und dafür auf andere Wünsche zu verzichten).

Statt vieler guter Vorsätze, die dann auch noch miteinander um die Gunst unsrer Anstrengung streiten, wäre also eine andere Strategie hilfreicher. Jörg Friedrich erwähnt die Möglichkeit eines Konzert-Abos, das dabei helfen kann, sich am Abend auch wirklich aufzuraffen und die Mitgliedschaft im Sportverein, um tatsächlich Sport zu treiben.

„Der Wille wird umso stärker, desto weniger Möglichkeiten zur Entscheidung ihm bleiben.“ (J. Friedrich)

So kann man sich also auch austricksen. Zur Zeit steht mein Schreibtisch im Wohnzimmer – in meinem neuen Arbeitszimmer im neuen Haus wird schon mal kein Fernseher stehen.

P.S. Wer sich nun also doch für 2013 was vornehmen will und dafür einen offiziellen „Schein“ braucht, kann sich einen Vordruck dafür runterladen:
gute Vorsätze

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