Wir haben unser erstes diesjähriges Treffen in der „Zukunftswerkstatt Jena“ dazu genutzt, den Film „Pfade durch Utopia“ zu schauen. Dieser Film und das dazugehörende Buch gehörten zu meinen erfüllten Weihnachtswünschen:Pfade durch Utopia 1

Der Film enttäuschte mich ein wenig. Schließlich beschäftigen wir uns seit mehr als 20 Jahren mit alternativen Lebens- und Wirtschaftsformen, wir hatten auch einige Projekte (in der BRD) besucht und überlegt, welche Ideen und Erfahrungen für unser eigenes Leben spannend sein könnte. Leider erinnerte mich der Film erst einmal vorwiegend an das, was uns gestört hatte an dieser Art Zukunftsprojekte: Sie wursteln in kleinen Gruppen auf vorwiegend landwirtschaftlicher Basis vor sich hin. Wer auf eine solche Art Arbeit und Gruppenbindung aber keine Lust hat, der bleibt außen vor. Die tragende Idee des Filmes, so zu tun, als berichte er von der existierenden neuen Welt nach dem Untergang des Kapitalismus, ließ mich ständig danach fragen, wo denn die vielen Millionen anderer Menschen geblieben sind, die nach einer dörflichen Neubesiedlung des vorhandenen Landes noch übrig bleiben. Außerdem erinnerte mich das neue Leben stark an vergangene Zeiten, als die die Menschen ihre Bedürfnisse vorwiegend über landwirtschaftliche und einfache handwerkliche Tätigkeit befriedigten. In den gegenwärtigen Ökokommunen scheint diese Produktionsweise auch mit befriedigenden menschlichen Beziehungen verbunden. Denken und praktizieren wir uns die gegenwärtigen Zwänge, die strukturelle Konkurrenz, die Bezogenheit auf Geld, die kapitalistischen Enteignungsmechanismen weg – so scheinen wir als Menschen übrig zu bleiben, die von sich aus ausgleichend, kooperativ und gütig miteinander umgehen. Ich frage mich allerdings: Warum war das in jenen Perioden der Menschheitsgeschichte, in der auf ähnliche Art produziert wurde, gerade nicht so, sondern warum herrschten da – ab einem bestimmten Entwicklungsstand- in fast allen Regionen der Erde feudal-partriarchale Herrschaftsformen? Ich habe eben noch den Einschub „ab einem bestimmten Entwicklungsstand“ eingefügt. Tatsächlich gab es Jahrzehntausende menschlichen Lebens ohne solche Herrschaftsformen, das sind jene, die von Subsistenzproduktion gekennzeichnet waren. Nicht umsonst gibt es ja auch ganz ernsthaft Vorschläge, wieder zur Subsistenzwirtschaft zurückzukehren. Die Beschreibung der Permakultur im Buch zeigt, dass diese Rückkehr nicht unbedingt eine Rückkehr in tatsächlich veraltete Produktionsformen sein muss, sondern quasi in eine „höhere“ Form der Landwirtschaft einmünden kann.

Viele der real existierenden alternativen Kommuneprojekte waren in den 90er Jahren wesentlich zurückhaltender damit, ihre Lebensform als verallgemeinerbare Vision zu propagieren als etwa in den 70ern. Allerdings befinden wir uns nach dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts historisch schon in einer völlig anderen Lage als vor 20 Jahren, als der Sieg des Kapitalismus über den einige Jahrzehnte lang real existiert habenden Sozialismusversuch zu einem scheinbaren „Ende der Geschichte“ mit der Losung „There is no alternative“ geführt hatte. Die Film- und Buchautor_innen Isabelle Fremeaux und John Jordan berichten im Nachwort, wie seit 2008 ihre mehrmonatige Reise zu europäischen „Jetztzeit-Utopien“ begleitet wurde von den Hiobsbotschaften der allgemeinen Krise des gegenwärtigen Kapitalismus.

Einheit von Widerstand und Jetztzeit-Utopie

Der Ausgangspunkt für die neue Welt, ob im Großen oder bei den kleineren Projekten, ist zumeist ein Kampf gegen die alten Mächte. Die Ressourcen, vor allem Land und Gebäude, werden zumeist besetzt und müssen dann gegen Versuche der Vertreibung verteidigt werden. Angesichts der neoliberalen Raubzüge des Kapitals auf der Suche nach Profit aus Landnutzung, städtischer Gentrifizierung und der Vernutzung menschlicher Lebenskraft gilt häufig schon die Verteidigung des eigenen Überlebens als Widerstand:

„Unsere materiellen und persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen, ist an sich schon ein Akt des Widerstands.“

Der Ausgangspunkt für den Weg in Richtung lebenswerter Zukunftsoptionen bildet im Film wie auch dem Buch die Beteiligung am Klimacamp 2007, bei dem das Gelände der geplanten dritten Startbahn in London Heathrow besetzt wurde (2010 wurde der Verzicht auf diese dritte Startbahn beschlossen). Es wird immer deutlicher, dass sich in der Klimaproblematik viele Desaster der kapitalistischen Zivilisation bündeln. Sie offenbart die zentrale Rolle der fossilen Energieversorgungsstruktur; ihre zu befürchtenden Folgen zerstören nicht nur alle Siedlungen an den Küsten der Erde, sondern auch die globalen Nahrungsversorgungssysteme werden in Frage gestellt. Eine andere Welt, eine andere Produktions- und Lebensweise ist dringend notwendig. Das erfordert insbesondere soziale und kulturelle Innovationen.

„Das Camp ist eine Vorwegnahme einer Welt, die wir selber schaffen, und die wir nicht mehr Experten oder Autoritäten oder Behörden auffordern, die Dinge „für“ uns zu tun.“

Während bei den Klimacamps diese „Träume…, die vor aller Augen geträumt werden“ (S. Duncombe) von der uninteressierten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde, wurden die Occupy-Camps mitten in den Städten dann doch zu einer öffentlichen Angelegenheit. Sie bauten nicht zuletzt auf den vorherigen Erfahrungen vieler Beteiligter in ähnlichen Camps auf.

Camps und Aktionen, die nicht dem üblichen Ritual der Anmeldung und Genehmigung folgen, beruhen auf den Prinzipien der direkten Aktion. Direct Action vertraut nicht auf vorhandene politische Vermittlungsstrukturen, sondern löst Probleme durch eigenes, unmittelbares Handeln – Do it yourself!.

„Wenn man hungernde Menschen auf der Straße sieht, tätigt man keine Überweisung an eine NGO, die sich um Obdachlose kümmert, man organisiert eine Volxküche. Wenn ein Krieg erklärt wird, geht man nicht auf die Straße und fordert von der Regierung, dass sie mit dem Kriegführen aufhört, sondern macht die Kampfjets kampfunfähig.“ (siehe dazu auch hier)

Im günstigsten Fall bildet sich im Widerstand selbst eine neue Kultur des Lebens. Bei 8 von den 11 vorgestellten Projekten haben sich die Aktivisten die benötigten Ressourcen nicht einfach nur gekauft, sondern in verschiedensten Formen erkämpft. Beim Klima-Camp 2007 wurde das Gelände, auf dem die dritte Flugbahn für Heathrow gebaut werden sollte, für eine Woche besetzt (Indymedia-Bericht). Die Landmatters kauften das Land bei einer Versteigerung, mussten sich aber aufgrund spezieller Gesetzgebungen in Großbritannien das Recht, auf diesem Gelände auch zu wohnen, hart erkämpfen. In der italienischen Stadt Merida mit 55 000 Einwohnern widersteht die anarchistische Schule Paideia der Stadtentwicklungsplanung, die an ihrer Stelle einen Kreisverkehr vorsah. Im Dorf Marinaleda in Andalusien erleben die beiden Reisenden gerade einen Prozess gegen den Bürgermeister, der für den örtlichen Fernsehsender eintritt, der „illegal“ sendet. In diesem Ort gibt es Arbeit und einen schuldenfreien Wohnungsbau für alle – und dies auf der Grundlage eines jahrelangen Kampfes um Land mit vielen Besetzungen, die schließlich legalisiert wurden. Auch die Gebäude der ehemaligen Leprakolonie mit Terrassengärten bei Barcelona musste besetzt und gegen Räumungsversuche verteidigt werden, um es zu nutzen. Und auch von hier gingen viele politische Aktionen aus, so z.B. eine spektakuläre Abseilaktion an einer Brücke bei den Demonstrationen gegen den G8-Gipfel in Evian im Jahr 2003, bei dem zwei Aktivisten verletzt wurden (siehe dazu mehr hier). Als besetzt gilt auch La Vieilla Valette, die Punk-Kommune.

Es ist sicher kein Zufall, dass ausgerechnet in den Projekten wie Cravirola, die ihr Objekt gekauft haben, und deswegen Schulden abtragen müssen, durch einen hohen Arbeitsdruck belastet sind. Hier zeigt sich das Grundproblem, dass es Menschen durch Arbeit kaum möglich ist, sich neben den Lebensmitteln auch noch die Produktionsressourcen und -mittel legal kaufen zu können.

Industrielle Selbstverwaltung und Permakultur

In der Freihandelszone Zrenjanin in Serbien fanden die beiden Reisenden auf utopischen Pfaden ebenfalls noch Orte, die wie der Heimatort von Asterix und Obelix „sich noch mit Erfolg widersetzen“. So widersetzten sich die Arbeiter_innen der pharmazeutischen Fabrik Jugoromedija der Privatisierung (siehe auch hier) und mit ihren Erfahrungen halfen sie auch der Belegschaft eines anderen Betriebes, sich dagegen zu wehren. Hier gibt’s doch so etwas wie sozialistisches Eigentümerbewusstsein:

„Wir haben diese Fabrik aufgebaut, sie gehört uns, nicht, weil wir irgendwann ein paar Aktien gekauft hätten, nein, weil wir hier jeden Tag gearbeitet haben. Dieses Werk ist das Ergebnis unserer harten Arbeit in den sozialistischen Jahren.“

In ihrem Nachwort erwähnen die Autor_innen noch viele weitere Projekte, von denen sie hätten berichten können, so auch von „Cyber-Allmenden und Linux Programmierer[n]“ – egal was sie wie produzieren, es geht bei allen darum „anstelle des Prinzips des privaten Vorteils das des Allgemeinwohls [zu] setzen, anstelle der individuellen Konkurrenz das der gegenseitigen Hilfe.“

Diese Haltung schließt letztlich auch die Natur ein. Als ich die Beschreibung der vor allem bei den Landmatters gepflegten Permakultur lese, erinnere ich mich an die Vorstellung von Ernst Bloch zu einer „Allianz“, die wir Menschen mit der Natur eingehen sollten. Das heißt, wir beherrschen oder überlisten die Natur dann nicht mehr, sondern es wird die “Wurzel der Dinge mitwirkend verwendet“ (Bloch).

Bei der Permakultur geht es darum, alle Verschwendung von Energie zu vermeiden, diejenige der natürlichen Ressourcen, aber auch des Arbeitsaufwandes. Großbritannien war vor vielen Jahrhunderten von Wäldern beherrscht und die Natur strebt von selbst immer wieder dahin, während die traditionelle Landwirtschaft dagegen ankämpft. Permakultur dagegen gestaltet „Waldgärten“ bzw. „eßbare Landschaften“:

„Die Erde will zurück in ihren Wald-Zustand: Lassen wir das also geschehen, aber auf eine Art, die für uns Menschen hoch produktiv ist.“

Das Ziel besteht darin, die „Produktivität für die Menschen [zu] erhöhen und zugleich die Ökosysteme möglichst wenig [zu] belasten und so wenig Land wie möglich [zu] nutzen“. Permakultur ist deshalb ein wichtiger Faktor, wenn es darum geht, auch menschliche Arbeitszeit freizusetzen für andere Interessen ohne dass deswegen die natürlichen Ressourcen überlastet werden (indem wie jetzt „Energiesklaven“ anstelle der Menschen eingesetzt werden, d.h. immer mehr Energieverbrauch die Produktivitätssteigerungen ermöglicht).
myzel

Ziel und Weg

Viele der Projekte sind gar nicht dadurch entstanden, dass jemand sich etwas überlegt hätte, was er dann – gemeinsam mit anderen – realisiert hätte. Die meisten Orte entstanden durch die dringende Notwendigkeit, für den Lebensunterhalt Ressourcen zu erschließen und dies auf eine selbstbestimmt-kooperative Weise und möglichst nicht auf Kosten der Natur. Auf diesem Weg entstehen „Nowtopias“ (nach Chris Carlson) und diese dienen nicht als Blaupausen für eine bessere Welt, der alle zu folgen hätten, sondern sie sollen eher als als Akupunkturpunkte für eine Veränderung der Welt wirken, die schließlich tendenziell die Form einer „dezentralisierten Kommune aus Kommunen“ annimmt. Brüche mit dem Gegebenen, Flexibilität, die Erprobung vieler Wege sind damit verbunden, jedoch keine Sicherheit. „Hoffnung ist nicht Zuversicht. Wenn sie nicht enttäuschbar wäre, wäre sie keine Hoffnung.“(Bloch)

Die Projekte haben nicht zuletzt deswegen auch eine Bedeutung, dass sie zeigen, wie Menschen selbstbestimmt Lösungen aus den Problemen finden können. Damit stellen sie wichtige Erfahrungen gegen die Gefahr von autoritären Reaktionen auf die Krisen und Katastrophen bereit. Sie bieten den Nachweis, „dass das Abgleiten in autoritäre Gesellschaftsformen nicht vorprogrammiert ist, und dass der Aufbau von Alternativen nicht nur möglich, sondern auch erstrebenswert ist.“

Gustav Landauer schrieb für den Staat, aber das gilt auch für die ökonomischen Verhältnisse:

„Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält.“

So sehr diese Berichte auch besten anarchistischen Geist widerspiegeln, so beinhalten sie auch die Erfahrung der Notwendigkeit der Aneignung der wesentlichen Ressourcen und Produktionsmittel, die letztlich für marxistisches Denken prägend ist. Die wichtigsten Entwicklungsmittel werden vielleicht auch gar nicht enteignet werden (weil die Kapitalisten sie sowieso nicht besitzen: was sie besitzen, erweist sich mehr und mehr als Destruktionsmittel) – sondern sie werden neugeschaffen werden (müssen).

Als Bilanz kann ich für mich feststellen, dass ich aus dem Buch doch viele neue Informationen über die einzelnen Projekte gewonnen habe, außerdem bewerten die Autor_innen ihre Erfahrungen durchaus nicht unkritisch. Der Bericht zeigt, wie viele Fragen noch offen sind. Was mir aber weiterhin fehlt, sind konkret-utopische Ansätze, die für die Mehrheit der jetzt lebenden Menschen eine für sie spannende Perspektive bieten, ohne dass sie sich erst im öko-retro-Stil umschulen müssen. Pfade durch Utopia 2

Quelle:

  • Isabelle Fremeaux und John Jordan: Pfade durch Utopia (Buch, Film); Edition Nautilus. 2012.

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