Wer sagt uns eigentlich, daß die scheinbare Welt weniger wert sein muß als die wahre? Widerspricht nicht unser Instinkt diesem Urteile? Schafft sich nicht ewig der Mensch eine fingierte Welt, weil er eine bessere Welt haben will als die Realität? (Nietzsche)

Nach anstrengenden Arbeitstagen in der real existierenden kapitalistischen Wirtschaftswelt konnte ich mich in der vorigen Woche mehrere Abende lang auf eine spannende Reise begeben. Ich las eine Anthologie, bei der nicht nur fertige Erzählungen verschiedener Autor_innen zusammengestellt wurden, sondern bei der die Autor_innen die Welt, in der ihre Geschichten spielen, gemeinsam entwickelt haben. Schon dieses Prinzip „Gemeinsame Weltenschöpfung und individuelles Schreiben“ ist recht innovativ.

Das gemeinsame explizite Thema ist das städtische Leben der Zukunft. Implizit wird der Inhalt jedoch vom Übergang zu einer neuen Produktions- und Lebensweise nach dem Zusammenbruch der jetzigen kapitalistischen Zivilisation bestimmt.

Als ich vor kurzem „Pfade durch Utopia“ getestet hatte, fand ich dort zwar auch Selbstverwaltung in der Industrie beschrieben, aber das atmete noch nicht den Geist des wirklich Neuen – außerdem dominierte die Vorstellung von rein landwirtschaftlichen Projekten. Hier jedoch, in der SF-Anthologie „Metatropolis“ geht es nicht um den Abbruch der Städte und das Zurückziehen in Ökodörfer, sondern ausgerechnet in den Städten entwickeln sich mehr oder weniger autarke Keimformen von neuen Produktions- und Lebensweisen.

Dabei reichen die Vorstellungen von einem Verbund global verstreuter großer Städte (wie Detroit) bis hin zu regionalen Ketten von Städten und Gemeinden (Cascadia). Die gemeinsam ausgedachte „Welt“ ist letztlich durchaus eine „Welt, in der viele Welten Platz haben“ (Zapatistas).

Realisierte Zeitkritik

Wir sind in dieser Utopie noch sehr nah an den gegenwärtigen Verstrickungen. Das Hauptproblem der gerade untergehenden Welt besteht in der Vormacht des Kapitals:

„Das Kapital kennt keine Grenzen, es ist die Bestie, die im Herzen der Welt „Profit“ brüllt.“ (Lake)

Aber das geht nicht ewig so, inzwischen muss oder kann vom „Kollaps des amerikanischen Projekts“ (Lake) berichtet werden. Nicht nur die industriellen globalen Produktionsketten scheinen ausgefallen zu sein, sondern Überschwemmungen, Stürme und Bodenzerstörung verhindern eine ausreichende Versorgung der Menschen außerhalb der Enklaven, in denen etwas völlig Neues probiert wird. Es zeigt sich:

„Die Welt muss etwas Neues erfinden. Neue Lebensweisen. Wir haben bewiesen, dass Wachstum und Globalisierung in Wirklichkeit nicht so gut funktionieren, wie wir gehofft hatten. Die Massenproduktion macht die Waren billiger, aber sie erfordert auch, dass wir Dinge von einem Ort an den anderen transportieren und Nachfrage nach Dingen schaffen, die eigentlich gar nicht gebraucht werden. Also könnte ein schnelles Wachstum zu einem schnellen Kollaps führen.“ (Bear)

Revolution reloaded

Revolutionäre Umbrüche brauchen das Zusammenfallen von der Not, den Zustand zu wenden (also die Notwendigkeit) und die Möglichkeit dazu. Der eben zitierte Absatz geht weiter:

„Mit den Möglichkeiten der modernen Kommunikation muss man gar nicht mehr groß sein, um ein breites Angebot abdecken zu können.“

Die Alternative zur konzentrierten großindustriellen kapitalistischen Produktionsweise muss nicht mehr selber zentralistisch-großindustriell sein. Auch die kapitalistische Produktion durchlief technische Dezentralisierungsprozesse – jedoch basiert sie auf Kapitalkonzentrations- und Akkumulationszwängen. Bis an die Grenzen des ökologisch Aushaltbaren konnte diese Produktions- und Lebensweise bisher alle Widerstände erfolgreich bekämpfen oder integrieren, aber nur bis dahin. Nun, im 21. Jahrhundert wird das Ende der Möglichkeiten dieser Gesellschaftsform für eine vertretbare Bedürfnisbefriedigung offensichtlich, der „nackte Kaiser-Effekt“ tritt ein und das Neue quillt aus allen Rissen:

„Plötzlich schienen solarbetriebene Wasserkocher und Treibhäuser im Blumenkastenformat gar nicht mehr so lächerlich zu sein, selbst für unverbesserliche Konservative, die überzeugt waren, dass die sechs Meter hohen Wellen, die gegen die Golfküste anrannten, auf irgendeine Weise mit einer linken politischen Verschwörung zusammenhängen mussten.“ (Lake)

In der Entwicklungstheorie kennt man den Unterschied von „Funktionswechsel“ und „Dominanzwechsel“. Beim Funktionswechsel entstehen neue Erscheinungen, neue Funktionen, „Vorformen“ des Späteren noch unter der Dominanz des Alten, aber sie können nur in Nischen zeitweise überdauern. Sie entstehen auf Basis der durch das Dominierende entstandenen Möglichkeiten und testen aus, wie weit sie sich ausbreiten können – werden jedoch normalerweise durch das „normale Funktionieren“ und Gegenwehr des Alten noch lange klein gehalten. Irgendwann aber kann sich das Alte nicht mehr halten, wird nicht mehr gehalten und macht den Raum frei für das Durchbrechen der Keimformen des Neuen bis hin zu dessen vollständiger Entfaltung und Dominanz („Dominanzwechsel“).

„ Cascadiopolis wurde von den gleichen Quellen inspiriert wie die urbanen Pioniere in Detroit, genau wie ihre Tochterkolonien in Buffalo, Windsor und anderswo. Die Quellen waren die Hippies der 1960er und 1970er, die Grüne Bewegung der 1990er und 2000er, die apokalyptischen Untergrundszenen der ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts. Die individuellen Denker und Bastler, die die weichen Wege entwickelten, waren weit über die Geschichte verstreut, doch erst in den einleitenden Jahrzehnten des neuen Jahrtausends war genügend sozialer Wille vorhanden, diese Ideen in einem größeren Rahmen umzusetzen und nicht nur auf Familienfarmen oder in Mikrogemeinschaften mit einem gemeinsamen Interesse.“ (Lake)

Dabei geschieht vor allem ein Kulturwandel, der qualitative Sprung ist nicht allein durch technische Innovationen oder auch politische Neuerungen bedingt. Aber es gibt es auch in diesen Bereichen Innovationen. Da geht es vor allem auch um die Frage, wie der Umschwung gestaltet wird und in welcher Art die neue Lebensweise funktionieren wird. Das Hauptstichwort hierfür ist wohl „Vielfalt“. Es wird davon gesprochen, dass der Übergang durch einen „weiche[n] Schritt nach dem anderen“ (Lake) erfolgt, gleichzeitig wird auch sehr deutlich gezeigt, dass die längst verlassenen Hochhäuser der Innenstädte nicht etwa zur Neubesiedlung freigegeben sind, sondern durch paramilitärische Truppen vor den Besetzern „beschützt“ werden. Das erfordert ein trickreiches Vorgehen. Buckell schildert genüsslich den Erfolg einer Aktion, die mit Fahrradblockaden beginnt, die heutzutage schon öfter unter der Bezeichnung „Critical Mass“ organisiert werden. Das hat schon nichts mehr mit Utopie oder ferner Zukunft zu tun:

„Während die Gesetze das Demonstrationsrecht immer mehr einschränkten, entwickelten sich kreative Formen des Protests, die Guerillataktiken der Dritten Welt imitierten.“ (Buckell)

Neu hingegen ist die Praxis, dass die Beteiligten sich durch einen RFID-Chip ausweisen und so das Einschmuggeln von Provokateuren verhindert wird.

Dabei wird auch auf die sog. „Schwarmintelligenz“ gesetzt. Nicht jedes beteiligte Aktionsmitglied kennt den ganzen Plan, aber aus dem Zusammenwirken der Aktionen der Einzelnen entsteht ein übergreifendes Ganzes (dieser Effekt ist auch als „Emergenz“ bekannt). In Metatropolis heißt das Anheuern der Beteiligten „insten“. Sie werden für Teilaufträge „geinstet“:

„Auf individueller Ebene passierte nicht viel. Aber insgesamt war es ein großer und komplexer dezentralisierte Angriff. Mit solchen Aktionen ließen sich Armeen in die Knie zwingen, bevor irgendjemand mitbekam, was eigentlich geschah.“ (Buckell)


Brutstätten des Neuen

Wir befinden uns also noch längst nicht in der endgültig befreiten, umgestalteten neuen Welt. Im Widerstand wird das Neue gelebt:

„Wir verwandeln diesen Bereich von Detroit in eine autofreie Zone. Wir sind der erste Säuberungstrupp, und wir versuchen, sämtliche Autos im von uns besetzten Territorium zu nützlichen Maschinen und Produkten zu recyclen.“ (Buckell)

In den entstehenden Zonen des Neuen wird nach bestimmten Grundsätzen gehandelt. Diese sind: Selbstverwaltung, Spezialisierung auf Bedürfnisse, Informationsdichte und sparsame Machtstrukturen (Lake). An anderer Stelle wird noch die „Footprint-Neutralität“ genannt, also die Notwendigkeit den Eingriff in ökologische Zusammenhänge soweit zu beschränken, dass die ökologischen Kapazitäten nicht überstrapaziert werden. Faulpelze verträgt die neue Welt auch nicht, eine Erzählung (Scalzi) illustriert den „sanften Zwang“ zur fähigkeitsangemessenen Arbeit sehr deutlich.

In diesen selbständigen Zonen des Neuen quellen auch andere Neuerungen. „Innovationen in den Bereichen Produktionstechnik, Datenverwaltung, Distributionssysteme und geschlossene Rohstoffkreisläufe“ werden als Open Source veröffentlicht und verbreitet (Lake). Technisch beruhen neue Produktionsformen u.a. auf der Mikrostrukturtechnik, womit insbesondere Großprojekte als Ergebnis des Zusammenwirkens kleiner, flexibler Elemente verwirklicht werden können. Was früher als Staudamm gebaut werden musste, kann nun durch Walflossen-Mikroturbinen realisiert werden (Lake). Man nennt das „Mobtech“. Für die Herstellung der „Dinge“, von denen viel weniger gebraucht werden, wenn sie gemeinsam genutzt werden, wird auch auf 3D-Drucker gesetzt (Schroeder), die schon existierenden RepRaps werden namentlich genannt.

Die neue Ökonomie „ist eine Reputationsökonomie, unterstützt durch den Tausch von Arbeit gegen Sachwerte, ohne die Vermittlung durch staatliche Institutionen oder Kapitalmärkte.“ (Lake) Die Koordination der Menschen basiert auf anarchischen Prinzipien, welche durch die Dezentralisierung ermöglicht werden, ohne dass dabei Produktivität verloren gehen muss.

„Wir fühlen uns keinem Land, keiner Stadt und keinem Unternehmen verpflichtet. Wir sind bestenfalls Neotribalisten, aber auch als Stammesverband lehnen wir eine gemeinsame Verfassung oder hierarchische Strukturen ab. Wir tun uns jeweils für ein Projekt zusammen, wobei die Reputationsökonomie unsere Verbindung ist. Manche von uns arbeiten bei mehreren Projekten zusammen, andere widmen sich mehr dem größeren Plan, eine substanzielle memetische Veränderung unserer urbanen Lebensumwelt zu schaffen.“ (Buckell)

Geburtsmale des Alten

Die sozial-utopische Fiktion ist hier an vielen Stellen realistischer als manche Konzeption, die heute gerne ausgebrütet wird. Das Neue kommt nicht strahlend-unschuldig und perfekt zur Welt, es trägt die Geburtsmale des alten bzw. es beruht auf Aufwänden, für die zuerst nur freiwillige Arbeitsbeiträge vielleicht nicht ausreichen. In der einen schon genannten Erzählung führt das bis ins Extrem des Arbeitszwangs. Ein anderes Geburtsmal des Alten ist die Notwendigkeit des Schutzes der selbständigen neuen Zonen gegenüber Übergriffen aus der „Wildnis“. Es gibt Mauern und Komitees zur Grenzsicherung, die nicht zimperlich sind (Lake). In Bezug auf die Bürgerexekutive wird im „Ratgeber für Neuankömmlinge in Cascadiopolis“ geschrieben:

„Diese Praxis ist ein Kompromiss zwischen unseren anarchistischen Prinzipien und der bedauernswerten Realität, die durch eine Welt gegeben ist, die von Regierungen, Konzernen und kapitalintensiver Infrastruktur dominiert wird. Das Streben jedes Bürgers sollte sich darauf richten, dass die Bürgerexekutive eines Tages überflüssig wird und wir die Selbstverwirklichung ohne Einschränkungen durch unsere Mitbürger oder die Stadt als Ganzes erreicht haben.“ (Lake)

Social Utopical Fiction

Soweit ich gesehen habe, bekam dieses Buch keine besonders guten Rezensionen. Mich haben die Stories durchaus gefesselt, der Stil war interessant und auch durchschaubar genug, um mir vergnügliche Leseabende zu ermöglichen. Mein „Reisebericht“ hier bezieht sich nicht auf Personen und Geschehen, er saugt die für mich besonders spannenden Aussagen heraus, die meine Suchbewegung nach Auswegen aus den dramatischen Trends der kulminierenden Krisen beflügeln. Natürlich würde ich auf die „Geburtsmale des Alten“ gerne verzichten. Wenn wir das wollen, so müssen wir halt für die Probleme, auf die sie reagieren, andere Lösungen finden.

„Es geht um die Hoffnung. Selbst wenn es scheitert. Wir brauchen Hoffnung. Wir müssen wieder lernen, den Menschen zu vertrauen, denen wir vertrauen sollten.“ (Buckell)


Die Zitate stammen von den mit Namen genannten Autoren aus der Anthologie: John Scalzi J (Hrsg.): Metatropolis. München: Heyne 2010. Das Bild ist einem englischsprachigen Buchcover entnommen.

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