Anhänge zum Text „Menschliche Verhältnisse begreifen“


Anhang 1: Zur Bedeutung der Vollständigkeit der Momente einer Totalität

Das ist auch ein Grund für die Bevorzugung des Goetheschen Konzepts von Farbe gegenüber der Newtonschen Farbenlehre durch Hegel: Die Newtonschen Farben violett, indigoblau, hellblau, grün, gelb, orange oder rot folgen eine empirischen Aufzählung, die nicht vollständig genannt werden kann – die Goethesche Bildung der Farben aus den beiden grundlegenden Momenten Hell und Dunkel entspricht den Erfordernissen der Vollständigkeit der Besonderung. (HW 6: 343) Wir sehen auch, dass wir nicht eine Menge von Menschen, als Besondere im Zusammenhang zu einem konkret-Allgemeinen betrachten können, sondern es bedarf auch hier Begriffsmomenten, die die Totalität eines Gegenstands vollständig aufgliedern können. Es bedarf hier solcher Unterscheidungen wie die schon genannte Besonderung des Kapitals in seine Formen produktives, Handels- und als zinstragendes Kapital.


Anhang 2: Zum Universalienstreit

Aristoteles hatte einen allgemeinen Gattungsbegriffen entwickelt und gefragt, „ob die Geschlechter und die Arten in sich selber subsistieren, also reale Substanz haben, oder ob sie bloß in Intellekten gesetzt sind“ (Boethius-Übersetzung von Aristoteles, zit. nach Bloch 1977, S. 68). Solch Allgemeinem wie Gott wurde in der Folgezeit selbstverständlich Existenz zugesprochen („Universalienrealismus“). Demgegenüber behauptete Roscellin (1050-1125), daß die Allgemeinbegriffe nur flatus vocis (Blähungen der Stimme) seien. Alles Gemeinsame und Zusammenhängende sei nur Schein („Nominalismus“). Anselm von Canterbury (1033 – 1109) setzte wiederum dagegen, daß die Allgemeinbegriffe das einzig Reale seien. Alle Vielheiten sind bloß Teilnehmungen an ihnen. Noch heute werden in der Wissenschaftstheorie Zuordnungen zu Nominalismus oder Universalienrealismus getroffen.

Abälard (1079 – 1142) fand jedoch bereits eine andere Lösung: Wenn man nicht mehr nur – wie Aristoteles – Gattungen als etwas Allgemeines betrachtet, sondern in Zusammenhängen ebenfalls etwas Allgemeines sieht, kann unterschieden werden: Während die Gattung (genus) nicht real ist, sind Zusammenhänge (status) durchaus real. Dementsprechend können wir real existierende Zusammenhänge als reales Allgemeines betrachten. Dieses Allgemeine steht dann nicht über dem Einzelnen, sondern wird in den Dingen und ihrem Verhalten selbst realisiert. Hier wird die abstrakte Entgegensetzung zwischen Universalienrealismus und Nominalismus aufgehoben.

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