I 5. „S ist noch nicht P“

Schon zu Anfang hatte ich darauf verweisen, dass die Entwicklung der Begriffs- und insbesondere der Urteilslogik darauf abzielt, Subjekt und Prädikat immer mehr in Übereinstimmung zu bringen. Die Entwicklung des Begriffs besteht darin, „dass er zu dem wird, was er eigentlich ist“ (Erdmann 1864: 114, § 143).

Der Gegenstand, der begriffen werden soll, wird hier als der Möglichkeit nach vernunftförmiger Gegenstand vorausgesetzt. Das bedeutet: er ist eine sich in der Bewegung der eigenen Widersprüche reproduzierende Einheit, die logisch als Identität von Identität und Unterschied/Gegensatz zu begreifen ist. Für die sich reproduzierende Einheit (das konkret-Allgemeine) gilt:

„Das Allgemeine […], wenn es sich auch in eine Bestimmung setzt, bleibt es darin, was es ist. Es ist die Seele des Konkreten, dem es inwohnt, ungehindert und sich selbst gleich in dessen Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit. Es wird nicht mit in das Werden gerissen, sondern kontinuiert sich ungetrübt durch dasselbe und hat die Kraft unveränderlicher unsterblicher Selbsterhaltung.“ (HW 6: 276)

Es ist nicht trivial, überhaupt zu ermitteln, was angesichts einer Fülle konkreter Erscheinungen das Wesen und damit auch der Begriff, die die Erscheinungen/Besonderungen erzeugende innere Bewegungsdynamik ist. Marxens Kritik der politischen Ökonomie unterscheidet sich von allen anderen Ökonomietheorien gerade durch die Aufdeckung des konkret-Allgemeinen „Kapital“, dessen Selbstbewegung alle Erscheinungen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsformation setzt.

Schauen wir nun zu einem kritischen Fortführer der dialektischen Philosophie. Von Ernst Bloch ist die Formel „S ist noch nicht P“ bekannt. (Das Noch-Nicht erweist sich übrigens als zentrale Kategorie von Ernst Bloch) Schon am Beginn seiner Thematisierung der Urteilslogik (EM: 39) setzt er einen markanten Unterschied zu Hegel: Er beginnt nicht mit dem Begriff, sondern verdeutlicht, dass der Anfang mit etwas vollständig Unbestimmten zu machen sei, das sich sprachlich als unbestimmtes „Es“ ausdrücken lässt (wie in „Es regnet“). Der Anfang sei deshalb nicht mit dem Begriff zu machen, sondern mit einem Ergriff. Ergriffe sind „Keime des Begriffs“ und der Begriff wird schließlich „aus einem vagen X formal herausgebracht, logisch prädiziert“ (ebd.: 40). Beim Gegenstand „kapitalistische Verhältnisse“ hilft uns diese Sichtweise allerdings nicht so sehr weiter. So vage ist der Gegenstand gar nicht, als dass der Keim des Ganzen nicht selbst schon – wie in der Hegelschen Urteilslogik – ein „abstrakter Begriff“ wäre. Marx widmet diesem Anfang die ersten Kapitel des ersten Bandes des „Kapitals“ (Dadurch erklärt es sich auch, warum schon die Analyse der Warenform den Keim dieser gesellschaftlichen Verhältnisse in sehr abstrakter Weise freilegen kann – leider gibt sich die „Wertformkritik“ -Interpretation des „Kapitals“ weitgehend mit dieser abstrakten Sicht zufrieden).

An der Urteilsform „S ist P“ kritisiert Bloch, dass dabei das „Ist“ „als statisches Sein mißverstanden wird, entsprechend dem zufrieden haltenden Schein einer beruhigten, sklavenhalterischen, feudalen oder kapitalistischen Gesellschaft“ (ebd.: 41). Er kritisiert, dass darin „das Subjekt nur auswickelnd, nicht aber überschreitend“ erfasst wird und macht demgegenüber auf das „prädikativ noch Unausgemachte“ aufmerksam. „Statt daß das Urteil nur als Annahme auftritt, also gezielt fragend den Versuch einer Kopula-Vermittlung des Subjekts mit einer Prädikataussage darstellt.“ (ebd.: 42) Es scheint so, als würde er damit der Bewegung der Hegelschen Urteilslogik Tribut zollen. Aber er wirft Hegel vor, dass dieser „überall die Möglichkeit unter die Vorhandenheit beugt“.

Trotzdem bedeutet auch bei Ernst Bloch Prozesshaftigkeit kein Verfließen ins Schlecht-Unendliche, sondern die Bewegung ist „auf ihre finale Identität hin bezogen.“ (Siebers 2012a: 243, vgl. MP: 477). Der Fluss der Bewegung strebt auf eine Mündung zu, auf ein „noch nirgends gegebene[s] Totum perfectum“ (EM: 143, vgl. Schlemm 2012: 445). Bloch betont zwar immer das Offene, aber letztlich wird der verzweigte Weg umwölbt von einem „zusammenhaltende[n] Ziel der dialektischen Bewegung“ (SO: 144), das sich als Tendenz mitteilt (ebd.: 469f.) und das auch Ernst Bloch als Totalität (bzw. Totum) bezeichnet. Hans Heinz Holz resümiert, dass der bei Bloch existierende Widerspruch zwischen Novum und Abgeschlossenheit, zwischen Werdensversuchen und Gelungenheit (vgl. PH 116) im blochschen Denken nicht aufgehoben wird (Holz 2012: 507). Letztlich anerkennt Bloch das Totum nur für den universalen Weltprozess, nicht für eventuell darin eingelagerte Entitäten, die selbst einen Totalitätscharakter tragen (so wie es Marx zumindest für die Gesellschaftsformation des Kapitalismus annimmt).

Bei Hegel wird dagegen klarer unterschieden zwischen dem Logischen und dem Historischen. In der Logik und bei allen philosophischen Betrachtungen kommt es auf den „inneren Inhalt“ an, nicht die historische Geschichte (vgl. HW 18: 26). In der Philosophie des Rechts etwa darf das „äußerliche Entstehen“ nicht mit dem „Entstehen aus dem Begriff“ verwechselt werden (HW 7: 37). Das philosophische Erkennen setzt den zu begreifenden Gegenstand voraus. Das Kapital entsteht nicht mehr erst (im Übergang von Möglichkeit zu Wirklichkeit), sondern es ist als sich selbst reproduzierende konkret-allgemeine Einheit vorhanden.

In der Geschichte der Philosophie gibt es bei Hegel auch einen gewissen Gleichlauf zwischen logischer und historischer Entwicklung: Hier gilt: „daß die Aufeinanderfolge der Systeme der Philosophie in der Geschichte dieselbe ist als die Aufeinanderfolge in der logischen Ableitung der Begriffsbestimmungen der Idee“ (HW 18: 48).

Blochs berühmte Gegenformel „S ist noch nicht P“ will darauf hinaus, dass die sich verwirklichende Möglichkeit zu Beginn noch nicht festgelegt ist. Es könnte diese oder eine andere Möglichkeit sich verwirklichen. Wenn das Entstehende vorher schon feststeht, gibt es nur einen Weg von der einen Möglichkeit zu der einen Wirklichkeit. Blochs Philosophie besteht dagegen im Kern darin, andere Möglichkeiten denkbar zu machen. Auch für Bloch gilt, dass etwas notwendig existiert, wenn seine Bedingungen vollständig vorhanden sind. Aber für vieles (gar alles?) sind die Bedingungen nur partiell gegeben -daraus begründet sich die reale Möglichkeit. Für Bloch gilt, „dass noch keine Gegenständlichkeit der Sache in ihr so auf den Grund gegangen [ist], daß die Gegenständlichkeit selber mit ihrer totalen Begründung zusammenfiele; wodurch sie eben strukturell notwendig wäre“ (PH 270). Damit ist die oben erwähnte Logik des Kapitals in Frage gestellt. Bloch folgend käme es nun darauf an, das Subjekt, also das Kapital, als überschreitend, nicht mehr nur als auswickelnd zu begreifen. Die Jahre nach Marx haben uns davon überzeugt, dass im gesellschaftlichen Kapitalverhältnis tatsächlich noch wesentlich mehr Prädizierungen schlummerten, als Marx angenommen hatte. Hat es sich damit auch überschritten – oder waren das nur weitere Auswicklungen? Ich denke, letzteres. Die Akteure des Kapitals haben gerade in den letzten Jahrzehnten alles getan, um weitere Bedingungen des Kapitals in die Kapitallogik einzubinden: Landgrabbing, Ökonomisierung aller Lebensbereiche, etc., etc…. die Logik des Kapitals bestand geradezu in der systematischen Hereinziehung jeweils vorher noch äußerlicher Voraussetzungen – also genau jene Bewegung, die Hegel in seiner Logik zugrundelegt. Das Kapital ist auf jeden Fall eine Entität, die dem Hegelschen Begriff sehr nahe kommt, näher als vieles andere, das als „dialektisches Verhältnis“ angesehen wird.

Ich denke, der geistige Ausbruch aus den kapitalistischen Verhältnissen gelingt nicht durch die Ersetzung der Hegelschen Entfaltung der Urteilsformen durch Blochs Formel, sondern durch einen Wechsel des Gegenstands: Während das Kapital, d.h. die kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse durchaus dem entsprechen, was Hegel als „Begriff“ bezeichnet, und das durch eine immer größere Übereinstimmung von S und P bestimmt ist, muss die Menschheitsgeschichte jener Gegenstand werden, aus dessen Begreifen heraus deutlich wird, dass der Kapitalismus nicht das „Ende der Geschichte“ ist.


Bis jetzt wurde schon viel zu Allgemeinem, Besonderen und Einzelnem ausgearbeitet, was über den normalen Verstand hinaus geht. Aber Hegel ist damit noch nicht am Ende, noch nicht bei seiner ganzen Wahrheit angekommen. Dazu muss man unbedingt noch die Schlusslogik durcharbeiten. Ich weiß nicht, wann ich dazu komme…

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