Die eben beendete High-Tech-Messe CeBIT stand dieses Jahr unter dem Motto „Shareconomy“ – ein Name, der wieder einmal offenbart, dass sogar die hoffnungsvollsten Trends derzeit noch von real existierenden kapitalistischen Mächten gesetzt und dominiert werden.

Keine alternative Vision von Kooperation und Mitmenschlichkeit hat so viel Durchsetzungskraft wie der durch die Kapitallogik gesetzte Sachzwang. Schon in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es eine Aufbruchstimmung in Fragen der Unternehmensorganisation, ich nannte das damals „Selbstorganisationsmanagement“. Im Mittelpunkt stehen dabei die Menschen, aber nicht als frei über ihr Leben bestimmende Subjekte, sondern als einzige Quellen des Mehrwerts: es ging und geht um die stärkere Ausnutzung des menschlichen Faktors bei der Kapitalakkumulation, marxistisch gesprochen um die Steigerung der Profitrate.

Trotzdem wurden die hochfliegenden Hoffnungen von damals weitgehend enttäuscht. Das kapitalistische Wirtschaftssystem taumelt von Krise zu Krise. Zwar entwickelten sich die Informationstechnologie und auch Gen- und Biotechnik – aber dies konnte noch keine neue nachhaltige sog. „lange Welle“ herbeiführen.

lange Welle

Was es an Wohlstand zu verteilen gibt, konzentriert sich auf eine immer kleiner werdende Gruppe von Menschen – Jeremy Rifkin sprach schon in den 90er Jahren davon, dass letztlich nur noch höchstens 20% aller Menschen als profitable Arbeitskräfte gebraucht würden – vor allem als flexible und kreative sog. „Wissensarbeiter“ – , die restlichen 80% sind angesichts der erreichten hohen Arbeitsproduktivität eigentlich überflüssig als Produzenten. Dementsprechend wurde durch politische Regulierung alles getan, damit die „Überflüssigen“ in die letzten prekären Dreckjobs gezwungen werden (Hartz IV usw.), damit die „kreativ-Wissenden“ sich ungestört dem stressigen Arbeitsleben widmen können, solange sie vom Burnout verschont bleiben.

Für sie verändert sich die Arbeitswelt tatsächlich immer mehr. Kooperation, Verantwortung, Kreativität, intensive Wissenserzeugung, -aneignung und –nutzung stehen im Vordergrund. Dies alles wurde schon in den 90ern beschworen, aber erst seit diese Art der Gestaltungs-, Nutzungs- und Verhaltensweisen durch die Mobile Kommunikation und Social Media im Freizeitverhalten der Menschen fest verankert wurden, schwappen sie nachdrücklich auch in die Arbeitswelt hinein. „Das Teilen und gemeinsame Nutzen von Wissen, Ressource und Erfahrungen“ (CeBIT-Internet) kennen wir aus der Welt des Internets, des Musiktauschs, der Download-Börsen und seit sich hier gegenüber der kostenlosen Nutzung und „Piraterie“ auch funktionierende Bezahlmethoden durchgesetzt haben, scheint der normale Kommerz auf diese Prinzipien nicht nur mehr Vertrauen zu setzen, sondern sie als Innovationsquelle zu entdecken. Die“ Facebookisierung der globalen Wirtschaft“(Pörschmann) wird in Angriff genommen.

Gemeint ist damit wohl erst einmal nicht die Monopoldominanz des Infrastrukturanbieters Facebook, sondern die Kultur des Teilens von Ressourcen aller Art. Es geht nicht mehr nur für Konsumenten darum, dass Güter nicht immer im eigenen Besitz sein müssen, um sie nutzen zu können. Das Prinzip „Nutzen statt Besitzen“ reduziert den Anteil der fixen Kosten für alle Beteiligten. Carsharing findet wohl eher bei Konsumenten statt als bei Unternehmen, aber Büroarbeitsplätze werden in vielen Firmen schon geteilt, viele sog. „Kreative“ teilen sich Coworking Spaces, und durch das Cloud-Computing kann nun auch informationstechnische Infrastruktur und Software stärker verteilt genutzt, statt in jeder Firma getrennt in Besitz genommen werden.

Dabei gibt es auch Skeptiker. Das Handelsblatt etwa verweist auf den Nischencharakter des Teilens

„Laut einer Bitkom-Umfrage haben neun Prozent der Internetnutzer in Deutschland irgendwann in den vergangenen zwei Jahren mal ein Fahrrad per Bikesharing geliehen, nur drei Prozent ein Auto per Carsharing. Die eigene Wohnung vermietet beziehungsweise eine fremde Wohnung gemietet haben nur zwei Prozent.“ (Handelsblatt)

Und auch sonst gilt:

„Auch die großen Unternehmen hängen keinen Sozialutopien nach. BMW will keine Carsharing-Plattform betreiben, sondern teure Premium-Autos verkaufen.“ (ebd.)

Die Neuerungen der Shareconomy können als Versuch der Etablierung einer neuen „langen Welle“ betrachtet werden, Hans-Gert Gräbe etwa erwähnt den „aktuelle[n] Übergang in den kommunikativ-kooperativen Zyklus einer vernetzten Welt der Daten und Worte“. In dieser Beziehung scheint die Unternehmerschaft einiges aus dem zweiten und dritten Band des „Kapital“ von Karl Marx intensiv studiert zu haben, wo dieser beschreibt, welchen Effekt die Senkung der Umschlagszeit und des brachliegenden Kapitals bzw. die Steigerung der (wert- und mehrwertbildenden) Funktionszeit auf die Mehrwertrate hat.

Allerdings ist zu fragen, was den derzeitigen Hype um die Shareconomy von den enttäuschten Hoffnungen der 90er Jahre unterscheidet. Zwar stiegen die Profitraten seit der Einführung neoliberaler Regulationsmechanismen, aber vorwiegend gespeist von stagnierenden Löhnen, also erhöhter Ausbeutung. (Die Frage, wer die Produkte denn kaufen soll angesichts des Anwachsens prekärer Lebensverhältnisse, beantwortet übrigens Michel Husson.) Zigtausende Billig-Apps nähren eben doch keine neue „lange Welle“.
husson

Wie Husson zeigt, stieg mit dem Neoliberalismus zwar die Proftrate (schwarze Punkte), aber die Akkumulationsrate (weiße Punkte) sank! Der Profit kann nicht realwirtschaftlich akkumuliert werden, der sog. „Finanzmarktkapitalismus“ führte dazu, dass die Unternehmer gegenüber den Banken von Kreditnehmern zu Kreditgebern werden(vgl. Dunkhase). Es weist nichts darauf hin, dass Shareconomy hier einen grundlegenden Wandel herbeiführen könnte.

Die bei der Eröffnung der CeBIT geäußerte Sorge unsrer Bundeskanzlerin, dass die „Shareconomy“ niemanden zurücklassen dürfe, mag angesichts der sozialen Spaltung als wohlfeile Beruhigungspille gelten. Was im vorigen Jahrhundert noch als böser Witz kursierte, ist jetzt bereits Realität geworden, nicht zuletzt für App-Programmierer_innen.

Shareconomy verteilt nicht nur das Wissen, sondern auch die unternehmerische Verantwortung und die Folgen des Risikos in einer immer prekärer werdenden Wirtschaftswelt. Sie befördert materiell-technische und infrastrukturelle-organisatorische wie auch sozialpsychologische Voraussetzungen für eine neuartige Produktions- und Lebensweise, die ohne Kapital, Ausbeutung von Mensch und Natur sowie staatliche Mächte auskäme. Diese Voraussetzungen könnten wir als „List der Vernunft“ betrachten, aber der Vernunft auf die Sprünge helfen, das müssen wir schon selber tun!

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