Nichts bleibt, wie es ist… alles verändert sich und derzeit geschehen die Veränderungen immer schneller. Die Zeiträume, die fürs Nachdenken, Gespräche und wohlüberlegte Entscheidungen gebraucht werden, verschwinden. Aber Rettung ist in Sicht: Wir brauchen das Nachdenken, die Diskurse und auch bewusste Entscheidungen gar nicht mehr!
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Denn anscheinend befinden wir uns am Ende des Zeitalters des sog. „kommunikativen Handels“ und ersetzen dieses mit der „digitalen Rationalität“ und der „digitalen Demokratie“. Dies meint nun keinesfalls nur das Ersetzen des Wahlzettelfaltens durch einen Mausklick. Abgeschafft wird, oder es schafft sich ab, vieles, um was die Menschheit seit Jahrhunderten rang und woran sie auch ihren Fortschritt maß: an der Fähigkeit, in unseren Lebenszusammenhängen immer bewusster Entscheidungen so zu treffen, dass alle Menschen zufrieden und glücklich leben können.

Der Modephilosoph Byung-Chul Han erläutert in seinem kleinen Büchlein „Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns“ genau diesen Übergang. Er selbst meidet jede Wertung zieht sich auf die Position zurück, es sei heute noch nicht abzusehen, „ob das eine Utopie oder Dystopie ist“.

Das Wesen des beschriebenen Übergangs ist leicht zusammen gefasst:

„Das Internet manifestiert sich heute nicht mehr als öffentlicher Raum, als ein Raum des gemeinsamen, kommunikativen Handelns. Es zerfällt vielmehr zu Privat- und Ausstellungsräumen des Ich.“ (Han)

Die Theorie des kommunikativen Handelns (nach Jürgen Habermas) geht davon aus, dass Menschen sich in Bezug auf ihre Handlungen abstimmen, indem sie sprachlich auf eine bestimmte Weise kommunizieren. Die Beteiligten müssen herrschafts- und täuschungsfrei zusammenkommen und sie müssen die gleichen Chancen haben, sich einzubringen. Das Gesprochene soll verständigungs- und vernunftorientiert sein, die besseren Argumente sollen überzeugen. Han nimmt dieses Konzept als Widerpart für die Beschreibung des Neuen, das aus der digitalen Welt heraus entsteht. Er geht davon aus, dass die von Habermas geforderte Voraussetzung der „gleiche[n] Chancen auf Dialoginitiation und -beteiligung“ sowie der „gleiche[n] Chancen der Deutungs- und Argumentationsqualität“ (Wikipedia)nicht gegeben seien. Allein, dass alle mit einem Geltungsanspruch an die Kommunikation herangehen und ein Konsens erzielt werden soll, bringt nach Han Ausschlüsse hervor. Er verweist dabei auf jene jungen Menschen, die sich z.B. in Japan nicht einmal mehr körperlich in die Öffentlichkeit begeben und im heimischen Zimmer meist von den Eltern versorgt werden (Hikikimori). Auch sonst, das wissen wir alle, sind die Fähigkeiten, sich in Gespräche einzubringen und sich dabei auch noch gegen andere durchzusetzen, durchaus nicht gleich verteilt. Was also tun? Bisher gabs kaum eine Alternative, wenn wir nicht von vornherein wenige für viele entscheiden lassen wollen, was sich ja doch vielerorts als allgemein vertretene Kulturforderung erweist.

Aber nun verändert sich das: Man braucht gar nicht mehr explizit über etwas zu reden; sondern jede Person „spricht“ in die Welt hinaus durch fast jeden Mausklick, den es im Internet tätigt. Meine letzte Googleanfrage verrät, an welchem Thema ich gerade arbeite, meine letzter Onlinekauf verrät meinen Gewichtszuwachs, aber dass ich trotzdem noch Sport treiben will und Amazon weiß schon lange, wie ich im Kopf ticke. Die Menge aller Daten, die zum großen Teil quasi nebenbei erhoben und massenhaft auch gespeichert werden, wird häufig auch als „Big Data“ bezeichnet. Daraus nun erwächst die neue, die sog. „digitale Rationalität“ im Gegensatz zur bisherigen, diskursorientierten: Sie „schließt nichts aus. Sie erfasst nicht nur Argumente und Diskurse. Ihr Gegenstand, die Big Data, enthält alle Reaktions- und Äußerungsformen.“ Wir brauchen keine Versammlung der Menschen mehr, sondern eine Ansammlung von Daten reicht. Für Han konstituiert sich damit auch die Möglichkeit für eine neue Demokratieform, die jeden einbezieht, „der sich im Internet bewegt und digital Spuren hinterlässt. Selbst die Hikikimori, diejenigen, die die Öffentlichkeit meiden und sich gänzlich isolieren, können in die digitale Normalverteilung des Begehrens aufgenommen und im politischen Entscheidungsprozess berücksichtigt werden.“ Wahrlich eine schöne, vor allem auch bequeme neue Rationalität und Demokratie: „Der Mausklick ersetzt den Diskurs…“ und „Womöglich ersetzt der Gefällt-mir-Button den Wahlzettel.“
Digitale Demokratie

Dass Han das Neue gerade im Vergleich zur Kritik an der alten Form so positiv beschreibt, lässt an seiner Unschlüssigkeit bezüglich der Bewertung als U- oder Dystopie zweifeln. Was ich überhaupt nicht begreife, ist, dass ein und derselbe Mann auch ein Buch geschrieben hat, in der er den „Terror der Intimität“ kritisiert. Laut Wikipedia ist er eifrig bedacht, seine eigene Privatsphäre zu schützen – wie also kann er doch so auffällig positiv eine neue Form der Rationalität heraufziehen sehen, aus der gerade aus den Datenschatten jeder Person die gesellschaftlichen Entscheidungen herausgezogen werden?

Wenn er schreibt, dass die digitale Demokratie jeden einbezieht, „der sich im Internet bewegt und digital Spuren hinterlässt“, so wäre doch gerade hier ein massiver Ausschluss derjenigen, die dies nicht tun, kaum zu übersehen. Sind die Hikikimori wichtiger als jene 96% der Afrikaner, die noch gar nicht online sind oder jene, die 70% der Webseiten, die auf Englisch geschrieben sind, gar nicht lesen können? (Auch in Deutschland haben 17 Prozent aller Menschen zwischen 17 und 74 keinerlei Kontakt mit dem Internet).

Völlig offen bleibt auch die Frage, wie aus den „big data“ die Entscheidungen gefällt werden. Welcher Gott-Computer wertet die Daten aus? Wer hat ihn warum wie programmiert? Han schwelgt im Gedanken, dass es einmal möglich sein könnte „das System jenseits der Ideologie [zu] verwalten“. In alle Datenauswertealgorithmen sind jedoch bestimmte „Menschenbilder“, Kulturannahmen und Politiken „eingebaut“; es gibt kooperative oder egoistisch-konkurrenzgetriebene Spieltheorien und die heute maßgeblich auch von den Börsianern verwendeten stammen konzeptionell noch aus der Zeit des kalten Krieges (vgl. Schirrmacher).

Wen das nicht kümmert, kann nach Han in dieser schönen neuen digitalen Welt endlich ganz unangestrengt von Denk- und Überzeugungsarbeit, ganz spielerisch ins Weltgeschehen eingreifen. Sogar sein Unbewusstes wird einbezogen, er braucht seine tiefsten Begehrensteile gar nicht zu kennen, weil sie trotzdem in den Big-Data-Pool eingehen. Ich kann mir nicht helfen – ich sehe bei dieser Vorstellung eine Welt voller Affen vor mir, deren Verhalten observiert und durch unpersönliche Algorithmen ausgewertet wird – mit automatischer Fütterung nach Bedarf und die Spielzeuge, mit denen am meisten gespielt wird, werden automatisch nachgeliefert. Wollen wir wirklich so leben?

Byung-Chul Han jedenfalls kann sich auch nicht dazu entschließen, den von ihm benannten Trend wirklich zu folgen. Im Prinzip könnte er aufhören, Bücher zu schreiben, denn er braucht doch bloß darauf vertrauen, dass seine Datenschatten im Internet „für ihn“ und sogar sein Unbewusstes sprechen. Warum bemüht er sich überhaupt noch, in der von ihm gerade als veraltet dargestellten Form des Argumentierens um Geltungsansprüche für seine Behauptungen zu ringen?

P.S. Ich denke ja eh, er veralbert uns nur ;-D

Literatur:

Han Byung-Chul (2013): Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns. Berlin: Matthes & Seitz.

Frank Schirrmacher (2013): EGO. Das Spiel des Lebens. München: Karl Blessing Verlag.

Abbildungen aus: Kretschmer, Birthe; Werner, Frederic (Hrsg.): Die digitale Öffentlichkeit. Wie das Internet unsere Demokratie verändert. Friedrich-Ebert-Stiftung.

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