Ein Text aus dem Projekt „Online sein oder Nichtsein…“


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Wessen Ausspähaktionen und Datensammlungen sind schlimmer – die der Geheimdienste oder der Datenkrakenunternehmen wie Google und Facebook?

Ganze Fernsehabende bringen erstaunliche Erkenntnisse unters Volk und verdecken damit umso erfolgreicher nicht talkshowtaugliche tiefverwurzelte Verkettungen und Zusammenhänge. Das allgemeine, bisher unterschwellige Unwohlsein findet einen Kristallisationspunkt, an dem die Empörung hochkocht. Noch ist die allgemeine Technikeuphorie, die Begeisterung über das neue iPhone und allerlei Apps davon anscheinend noch nicht berührt. Und überhaupt: Was geht’s mich an, solange ich keine Terroristin und kein Betrüger bin?
Auf Schritt und Tritt erfahre ich, wie sich in wenigen Jahren viele alltägliche Praxen meiner Mitmenschen verändern. Terminkalender sind längst ausgestorben und auch Mails taugen nicht mehr zur Organisation von Treffen, sobald junge Leute dabei sein sollen. Auf dem Arbeitsamt wird einem nahegelegt sich in digital-soziale Karrierenetzwerke einzutragen. Was geschieht da eigentlich mit uns?
Sind das alles Praxen, welche die Form unseres sozialen Miteinanders nur unwesentlich verändern? Kann es in unseren Aktivitäten, ob in Alltag, Beruf oder (anti-)politischer Tat einfach so weitergehen wir vorher, nur eben unter Nutzung der neuartigen Informations- und Kommunikationsmittel?

Oder verändert sich da doch was Grundlegenderes: Die Art und Weise, wie wir uns informieren, verändert auch die Inhalte des Erfahrenen. Wenn wir „Wissen“ in Datenbanken auslagern, bestimmen die Suchalgorithmen beim Wiederauffinden auch, welche Struktur das Gewusste bekommt. Wir beziehen mehr und mehr unserer täglichen Dosis an Anerkennung aus den „sozialen Netzwerken“ – und dadurch dringen sie tief in unsere Identitätsstruktur ein, statt nur zu vermitteln. Wir gewöhnen uns, Aktivitäten durch Mausklicks zu vollziehen – früher vorherrschende Politikformen werden uns immer fremder. Gleichzeitig sind ja doch die meisten Menschen begierig drauf, das neueste Gadget zu haben, immer „im Stream“ mit allen wichtigen Leuten verbunden zu sein – die neuen Mittelchen erleichtern Absprachen, beschleunigen Planungen und ermöglichen dadurch auch eine früher nie gekannte Vielfalt an Erfahrungen auch im real life.

Obwohl ich selbst mich den meisten dieser Spielchen verweigere und in diesem Sinne „altmodisch“ bleibe, will ich verstehen, was da vorgeht mit uns. Wie verändern sich grundlegende Handlungsbedingungen, was macht das mit uns und was machen wir daraus? Und obwohl ich viele Phänomene durchaus parteiisch bewerten werde, ist mein Hauptanliegen nicht die Kritik oder Entlarvung, sondern Interesse an dem Neuen. Dabei interessiert mich die neuartige Funktionalität unserer Informations- und Kommunikationsmitteln nur als Hintergrund für ein besseres Verständnis des Wandels in unseren Kulturtechniken. Und diese wiederum haben eine große Bedeutung für die Mechanismen, in denen sich die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse realisieren und für die Möglichkeit, diese zu überwinden. Ob uns das gelingt, hängt auch davon ab, wie sich das Welt- und Selbstverständnis von uns Menschen weiter verändern wird.

Unter Technik verstehe ich dabei nicht nur die Artefakte, also die Hard- und Software, die wir als Werkzeuge benutzen, sondern nach Krohn (1976: 43) jene regelmäßig realisierten Handlungsformen, mit der die Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu anderen und zur Umwelt reguliert werden. Diese Sicht beinhaltet die enge Wechselbeziehung zwischen der Art und Weise, Beziehungen zu regulieren und den gesellschaftlichen Verhältnissen (vgl. auch Schlemm 2010, Schlemm 2011).

Ein Messer hat seine technische Funktionalität unabhängig von der Gesellschaftsform, in der der Mensch, der es produziert oder verwendet, lebt. Aber als Technik umfasst es auch die regelmäßig und üblicherweise mit ihm ausgeführten Handlungen. Ob die Lebensbedingungen in der Gesellschaft es schon Kindern nahelegen, sicherheitshalber immer ein Messer dabei zu haben zu wollen, um sich schützen zu können, gehört zur jeweils aktuellen Messer-Technik. Eine Reduktion der Definition von technischen Artefakten auf die sachliche Funktionalität abstrahiert von den tatsächlich mit ihnen ausgeführten Handlungen. Die konkrete Wirklichkeit braucht aber Konkretisierung, d.h. das Einbeziehen des kulturell-gesellschaftlichen Handlungskontextes. Wenn mit Technik Beziehungen reguliert werden, so stehen dahinter immer ganz konkrete Beziehungen, ganz konkrete Zwecke innerhalb einer ganz bestimmten Gesellschaftsform.

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Dabei bietet die technische Funktionalität ein größeres Möglichkeitsfeld als unter bestimmten sozialen Bedingungen regelmäßig abgerufen wird. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen bestimmen, welche Handlungen gesellschaftlich bedeutsam sind und schränken damit die Vielfalt der abstrakt gegebenen Möglichkeiten ein. Gleichzeitig basieren die gesellschaftlich bedeutsamen Handlungen aber gerade auf jenen Regulierungsstrukturen, die durch die Technik ermöglicht werden. Die Beziehung zwischen Technik und Kultur/Gesellschaft ist keine Einbahnstraße, sondern ein Wechselverhältnis, bei dem die wechselwirkenden Elemente gar nicht isoliert voneinander wirklich sind. Analytisch finden wir für beide Einwirkungsformen Bestätigungen. Die Technik beeinflusst die gesellschaftlichen Verhältnisse – so sind diese z.B. abhängig davon, welche Kommunikationsmedien dominieren:

„Die Struktur unserer Medien beeinflusst den Charakter unserer Gesellschaft.“ (Pariser 2011: 24)

Medien und die Bereiche Information und Kommunikation gerieten in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Fokus der Produktionstätigkeit der Menschen. Deshalb berühren Neuerungen in diesem Bereich die zentrale Sphäre des gesellschaftlichen Seins der Menschen. Diese Veränderungen sind nicht nur unwesentliche Formveränderungen, sondern berühren Kernzustände der jeweiligen Gesellschaftsform.

„Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen. Die Arbeitsmittel sind nicht nur Gradmesser der Entwicklung der menschlichen Arbeitskraft, sondern auch Anzeiger der gesellschaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird.“ (Marx MEW 23: 195)

Die als Technik gekennzeichneten Regulationsstrukturen erwachsen aber auch nicht unabhängig von den gesellschaftlichen Bestimmungen des Handelns, sondern für Computer gilt z.B.:

„Zu verstehen, was Computer tatsächlich tun, heißt […], die soziale und politische Situation zu begreifen, in der sie entworfen, gebaut, angeschafft, installiert und eingesetzt werden.“ (Winograd, Flores 1992: 142)

Gehen wir die einzelnen Vermittlungsschritte anhand von zwei Basistechniken einmal durch: Die Dampflok ermöglichte erstmalig Eisenbahnfahrten für viele Menschen. Dadurch konnte der der Pauschaltourismus entstehen und damit eine neue Reisekultur (vgl. Bunz 2012: 73). Gleichzeitig entstand eine neue Grundlage für die Entwicklung der auf Großindustrie beruhenden Wirtschaft. Die Uhren in den verschiedenen Territorien mussten angeglichen werden und die zentralistische Logik der Organisierung der Eisenbahn wurde – neben dem bzw. ergänzend zum Paradigma der „unsichtbaren Hand“ – zum Paradigma für viele Fragen der gesellschaftlichen Koordinierung.

Was passiert nun, wenn wir über die Suchmaschine Google zu unseren Informationen kommen? Der Algorithmus, mit dem uns die Informationen in ihrer Reihenfolge zugeteilt werden, ist ein anderer, als der früher z.B. bei der Recherche in Bibliotheken verwendete. Die Kulturtechnik des Suchens und auch das, was Experten ausmacht verändert sich. Experten sind nicht mehr jene, die Fakten zusammentragen, sondern jene, die „die Beschaffenheit des Wissensfeldes und seine kontinuierliche Verschiebung beurteilen […] können“ (Bunz 2012: 73). In der Gesellschaft entstehen neue soziale Beziehungsformen, unabhängig von Territorien, und nur noch lose geknüpft. Statt starr-organisierter Systemformen gewinnt das Denken in Netzwerkstrukturen Überhand.

Schon die inzwischen historische Studie zum Eingebettetsein der Computerentwicklung in bestimmte Denkweisen von Winograd und Flores (1992, engl. Erstausgabe von 1986) zeigt, dass ein weiterer Aspekt zu betrachten ist: Die jeweils vorherrschenden Selbst- und Weltbilder und Denkweisen bestimmen den Verlauf der Technikentwicklung entscheidend, während dieser auch darauf zurückwirkt. Als aktueller Literaturverweis mag hier auf Frank Schirrmachers „Ego. Das Spiel des Lebens“ (2013) verwiesen sein. Beide Texte zeigen auf, dass die Herstellung und Verwendung bestimmter technischer Hilfsmittel jeweils auf ganz bestimmten Denk- und Handlungsmustern basieren und (zumindest zuerst) auch eine beschränkte Auswahl von Denk- und Handlungsmustern bestärken.

Die geistigen Prozesse stellen ebenfalls Techniken dar und sind Bestandteil von Kultur und gesellschaftlichen Praxen – in der folgenden Abbildung sind die Momente (Technik, Kultur/ Gesellschaft und Selbst- und Weltbilder) nur zum Zweck der gedanklichen Unterscheidung nebeneinander dargestellt (was wieder relativiert wird durch die rückgekoppelten Pfeile). Das übergreifende Moment besteht in den gesellschaftlichen Verhältnissen, der Gesellschaft als dem „Beziehungsganze[n]“, als „System von Verhältnissen…, die an praktisch und geistig an tätige Individuen geknüpft sind und diese zum Handeln veranlassen und organisieren“ (Stiehler 2002: 213). Dieses Ganze wird durch die Handlungen der Menschen konstituiert, gibt aber gleichzeitig einen vom Individuum nicht beliebig veränderbaren Handlungsrahmen. Seine konkret-historische Form prägt sich in alle seine Momente, wie die Technik und die Welt- und Selbstbilder ein – während es ständig reproduziert wird durch die bestimmten Handlungsregulationen unter Maßgabe bestimmter Selbst- und Weltbilder.

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In jeder konkreten Handlung wählen die Handelnden unter einem – abstrakt gesehen – viel größeren Möglichkeitsfeld aus. Dies ist ein ganz allgemeines Merkmal unserer conditio humana. Angesichts von restriktiven echten oder scheinbaren Sachzwängen und unter der Maßgabe deterministischer Weltbilder wird diese Möglichkeitsvielfalt jedoch verdeckt und geleugnet. „There is no alternative“ wurde zum Motto der Neoliberalisierung in den letzten Jahrzehnten, erstaunlicherweise gleichzeitig mit dem geistig-kulturellen Aufschwung einer „Anything goes“ -Postmoderne.

In den folgenden Untersuchungen der neuesten Trends im Bereich der Informations-, Kommunikations- und sozialen Vernetzungshandlungsregulierungen wird sich häufig zeigen, dass jedes Öffnen neuer Möglichkeiten gleichzeitig andere verschließt (vgl. (Winograd, Flores 1992: 173). Hier soll weder das Neue unkritisch bejubelt, noch das Verschließen früherer Handlungsräume nostalgisch betrauert werden. Gefragt wird eher: in wessen Interesse geschieht welche Selektion unter den Möglichkeiten? Und wohin könnten wir das jeweils bewegen?

… demnächst gehts weiter…
Zuerst aber werde ich morgen und Übermorgen Euch eine Frage stellen, die mir weiterhelfen kann.

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