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„… und was macht mein Gehirn solange?“ – so geht die Frage weiter. Nein, das Buch mit diesem Titel ist nicht von Precht, sondern von Nicholas Carr.

Er berichtet darin über die Veränderungen, die durch die häufige Verwendung des Internets in unserem Gehirn ablaufen und damit unser Innerstes umformen, ohne dass wir damit rechnen.

Wir rechnen und schreiben mit unseren Computern und wir haben mittlerweile schon mehrere andere kleinere Gerätchen, mit denen die meisten von uns fast ständig mit dem Internet verbunden sind.

Ich gehöre mit meiner Homepage von 1995 zu den Internetpionieren, aber nachdem ich mich eingerichtet hatte mit HTML und FTP und einem guten Mailprogramm hätte mir das eigentlich gereicht. Bei den neueren Sachen bin ich lediglich ins Bloggen eingestiegen, aber ich nutze es eigentlich nicht vollständig aus, denn meine Freizeit ist nicht umfangreicher geworden, so dass ich auch nicht mehr Zeit als früher habe, um anderen Blogs zu „folgen“ oder mich in digital-sozialen Netzwerken zu tummeln. Ich merke nur, dass insbesondere junge Leute mit Mails kaum noch zu erreichen sind und wenn man in ihren Onlinenetzwerken nicht auftaucht, verschwindet man auch aus ihrem Leben.

Da ich mich auch grundsätzlich für die Entwicklung der menschlichen Kultur interessiere, ist das für mich ein Indiz für spannende Wandlungen im menschlichen Verhalten. Ich möchte das Geschehen nicht von vornherein negativ bewerten, obwohl mir manches zu denken gibt.

Nicholas Carr beschreibt, wie er während des Schreibens des Buches sein Online-Leben eingeschränkt hat und wie schwer ihm das fiel. Gleichzeitig hatte er schon länger bemerkt, dass das häufige Checken der Mails, das ständige In-Kontakt-Sein und die auf ihn einflutende Informationsmenge dazu führten, dass das „konzentrierte Lesen, das einmal etwas ganz Natürliches war, […] zu einem Kampf mit mir selbst geworden“ war (Carr 2010: 22).

„Einst war ich ein Sporttaucher im Meer der Worte. Heute rase ich über die Oberfläche wie ein Typ auf einem Jet-Ski.“ (Carr 2010: 23)

Wenn nicht mal mehr Literaturstudierende zum Lesen von vollständigen Büchern zu bewegen sind (vgl. ebd.: 27), dann hat sich viel verändert in recht kurzer Zeit.

Die „Unnatürlichkeit“ des Lesens

Schon immer wurden grundlegende Wandlungen im Umgang mit Informationen und Wissen von Bedenkenträgern in Frage gestellt. Der Wechsel von der mündlichen zur schriftlichen Kultur wurde auch schon angefeindet. Das Gedächtnis verlor seine überragende Bedeutung, weil das Wissen nun in Schriftform gespeichert werden konnte. Eine „hoch spezialisierte Klasse von Dichtern und Gelehrten“ (Carr 2010: 98) verlor ihre Sonderstellung. Platon legt im Dialog „Phaidros“ dem Philosophen Sokrates folgende Worte in den Mund (mit denen Gott Ammon den Erfinder der Schrift, Theuth bedacht haben soll):

Nicht also für das Gedächtnis, sondern nur für die Erinnerung hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. Denn indem sie nun vieles gehört haben ohne Unterricht, werden sie sich auch vielwissend zu sein dünken, da sie doch unwissend größtenteils sind, und schwer zu behandeln, nachdem sie dünkelweise geworden statt weise.

Aus der Geschichte des Lesens erfuhr ich durch Nicholas Carr, dass viele Jahrhunderte lang keine Leerzeichen bekannt waren, so dass das Lesen sehr mühsam und beschwerlich war. Meist ließ man sich vorlesen oder las zumindestens laut. Diese schwer zu entziffernde Schreibweise war eine „kognitive Extralast“ und erst die Einführung des Leerzeichens und auch von grammatikalischen Regeln setzten „die geistigen Fähigkeiten des Lesers frei“ (ebd.: 107). Man konnte den Inhalt und seine Bedeutung viel leichter aufnehmen, da die Konzentration nicht mehr auf das Erkennen der Worte gerichtet sein musste (vgl. auch Duguid 2010:25).

Und dies wiederum beförderte historisch wichtige Trends: Das leise Lesen ohne Gesellschaft wurde üblich; dadurch entwickelten sich individuell unterschiedliche Lektüren und Interpretationen.

„Die Entwicklung des Wissens wurde zunehmend zu einem privaten Akt, bei dem jeder Leser in seinem eigenen Geist eine persönliche Synthese der Gedanken und Informationen schuf, die ihn durch die Schriften andere Denker erreichten. Der Gedanke des Individualismus wurde dadurch immer stärker.“ (Carr 2010: 113)

Der Buchdruck Mitte des 15. Jahrhunderts revolutionierte das Lesen nochmals: In den 50 Jahren nach der Erfindung des Buchdrucks wurden so viele Bücher produziert, wie in den 1000 Jahren zuvor (ebd.: 117). Und schon 1612 wurde bedauert:

„So viele Bücher – so viel Verwirrung!

Um uns ein gedruckter Ozean

Der zum größten Teil mit Schaum bedeckt ist.“ (zit. ebd., S. 119)

Die Kultur des Lesens und Schreibens konnte nun von vielen praktiziert werden, die Autoren wetteiferten um die Gunst der Leser und dabei experimentieren sie mit der Syntax und Diktion und eröffneten neue Wege des Denkens und der Phantasie (vgl. ebd.: 124).

„Ohne Übertreibung kann man sagen, dass das Lesen und Schreiben von Büchern die menschliche Wahrnehmung des Lebens und der Natur geschärft und verfeinert hat.“ (Carr 2010: 125)

Dabei ist aus der Sicht der Funktionsweise unseres Gehirns das konzentrierte Lesen ein „unnatürliche“ Geschehen.

„Es entspricht unserer Veranlagung, den Blick und somit auch unsere Aufmerksamkeit von einem Objekt zum anderen wandern zu lassen, um so viel wie möglich von dem mitzubekommen, was um uns herum geschieht. […]. Was unsere Aufmerksamkeit dabei am meisten erregt, sind Anzeichen für eine Veränderung in unserer Umgebung. […] Ein Buch zu lesen, stellte einen unnatürlichen Denkvorgang dar, der anhaltende, ungebrochene Aufmerksamkeit für ein einziges, statisches Objekt erforderte.“ (Carr 2010: 108f.)

Selbstverständlich sind Menschen „natürlich gesellschaftliche“ Wesen – es gibt keine außergesellschaftliche Natur. Es war einst sozial-„natürlich“, Erfahrungen und Wissen im gesprochenen Wort zu tradieren, es wurde für viele Menschen später „natürlich“, konzentriert zu lesen (vgl. das erste Carr-Zitat oben). Was geschieht jetzt gerade? Carr spricht vom Übergang in ein „post-literarisches Denken“ (ebd.: 179).

Pixel statt Papier

„Post-literarisch“ steht für eine Praxis, bei der „der Computermonitor und nicht die Buchseite Hauptinformationsquelle ist“ (ebd.: 179). Statt in Papier stecken die Informationen in Pixeln. Ist diese Veränderung überhaupt so dramatisch? Wie war es denn beim Taschenrechner: Da hatten auch viele gewarnt und vermutet, Menschen würden mathematische Fähigkeiten verlieren. Stattdessen hat der Taschenrechner das Arbeitsgedächtnis von ablenkenden Rechenaufgaben entlastet und freigemacht für das tiefere Verständnis von Zusammenhängen, die bis ins Langzeitgedächtnis gelangen.
Die Pixel-Umwelt, aus der  jetzt die Informationen geholt werden, ist aber extrem herausfordernd  für das Arbeitsgedächtnis. Ständig muss entschieden werden, welchem Link gefolgt wird, um den eigentlichen Text flattern Werbeeinblendungen, Frames in verschiedenster Form fordern zur Orientierung heraus.

(Dies war ein Test: Wissen Sie jetzt noch, was in dem Bild als Textaussage stand?)

Das bedeutet, dass im Unterschied zum Taschenrechner das Arbeitsgedächtnis gerade nicht entlastet wird, sondern mehrbelastet. Dadurch gelingt es so gut wie gar nicht mehr, dass Informationen oder Zusammenhänge vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis gelangen und vom flüchtigen Eindruck zu vertieftem Zusammenhangswissen gerinnen können.

Wir gewinnen durch die Online-Informationen enorm an Quantität und Zugriffsgeschwindigkeit – aber wir verlieren mehr und mehr die Gelegenheit und damit die Fähigkeit, die notwendige geistige Konzentration aufzubringen, die notwendig ist, um Verbindungen zwischen Informationen herzustellen und komplexe Wissensinhalten im Langzeitgedächtnis zu verankern.

„Das größte Opfer, das wir erbringen, wenn wir das Internet zu unserem universellen Medium machen, ist höchstwahrscheinlich der Reichtum an Verbindungen in unserem eigenen Geist.“ (Carr 2010: 305)

Was macht mein Gehirn im Internet?
gehirn und hand
Es ist seit längerem bekannt, dass sich bei unterschiedlicher Beanspruchung des Gehirns auch die anatomischen Strukturen unterschiedlich entwickeln. So spezialisieren sich bei Geigenspielern mehr Neuronen auf die Ansteuerung der Finger der linken Hand als bei anderen Menschen (Lüdeke 2011, vgl. Carr 2010: 61).

Wenn wir uns unsere Informationen jetzt häufiger aus dem Internet holen als aus dem Buch, hat das auch Folgen für das Gehirn. Manfred Spitzer (2012) meint: „Das Gehirn lernt langsam und das ist gut so.“ Nicht alle Informationen gelangen ins Langzeitgedächtnis, nur jene, die mehrfach und intensiv auftreten und mit Bedeutung geladen sind. Dann bildet das Gehirn von selbst Muster, „Trampelpfade“ mit bestimmten Verzweigungen. Die entstehenden Assoziationsmuster erleichtern dann wiederum das Einbauen weiterer Wissensinhalte. Je nach Gebrauch unseres Gehirns unterscheiden sich unsere Gehirne von denen anderer Menschen und auch von denen unserer Vorfahren. Nicht nur Informationskanäle verändern sich, sondern die physiologische Struktur des Gehirns wächst und schrumpft entsprechend Gebrauch. Die betriebsamsten Neuronen überleben, es gilt „Survival of the busiest“ (zitiert in Carr 2010: 67).

Die Veränderungsfähigkeit des Gehirns wird Plastizität genannt. Dabei ist es nicht völlig elastisch: eine Veränderung setzt sich durchaus ziemlich fest, schnurrt nicht gleich wieder zurück, wenn der Reiz der Veränderung abgeschaltet wird. Und das Gehirn lernt immer, das kann man nicht verhindern. Im Fall der Online-Informationsrecherche lernt das Gehirn Multitaskingfähigkeit, was aber gleichbedeutend ist mit einer Blockade des konzentrierten Wissensverarbeitungsmodus.

„Neurologisch betrachtet werden wir zu dem, was wir denken. […] Schlechte Angewohnheiten können sich in unseren Neuronen ebenso festsetzen wie gute.“ (Carr 2010: 64-65)

Übermorgen folgt der zweite Teil

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