Hypertext – superanstrengend

Hypertexte entsprechen in stärkerem Maße der assoziativen Struktur des neuronalen Netzwerks als lineare Texte. Deshalb war ich vor fast 20 Jahren sofort begeistert als die Möglichkeit aufkam, die eigenen Gedanken in dieser Struktur „abzulegen“. Ich denke gern an meine ersten zwei Netscape-Disketten zurück, die mir dies mit einfachsten Mitteln (+ Texteditor und geringe HTML-Kenntnisse) ermöglichten (siehe auch Schlemm 1996). Nicholas Carr erinnert daran, dass schon in den 80er Jahren mit den Hyperlinks in Lernprogrammen die Hoffnung verbunden war, sie würden das kritische Denken schulen (Carr 2010: 199). Die Hypertextstruktur wurde als „besseres Modell für die Fähigkeit des Geistes, die für Assoziation und Determination verantwortlichen Bindeglieder zwischen einzelnen Erfahrungselementen zu verändern und diese dadurch neu zu ordnen“ (G. Landow, P. Delany, zit in Carr 2010: 200) betrachtet. Gleichzeitig schien diese Struktur Demokratisierungspotenzen zu verwirklichen:

„Die Begeisterung der akademischen Welt für den Hypertext wurde durch den Glauben weiter geschürt, dass er die patriarchale Autorität des Autors überwinden und alle Macht auf den Leser übertragen würde.“ (Carr 2010: 200)

Heute ist jedoch aus Erfahrung bekannt, dass Lesetexte mit Hyperlinks schwerer zu verstehen sind, weil die Mühe, die Links zu bewerten und zu verfolgen, die Konzentration auf den Inhalt schwächt. Auch Experimente mit Gruppen, von denen eine denselben Inhalt in Hypertextform präsentiert bekam, die andere als linearen Text, zeigten, „dass Menschen, die einen linearen Text lesen, mehr begreifen, sich an mehr erinnern und mehr lernen als jene, die einen mit Links gespickten Text lesen.“ (Carr 2010: 201)

Auch als Autorin neige ich mit steigender Komplexität der Inhalte wieder dazu, in durchgängigen Argumentationsketten zu schreiben, statt die Gedanken in vielen verstreut-verlinkten Seiten zerfasern zu lassen. Ich überlege nun auch ernsthaft, ob ich das Einstellen der Texte in den Blog künftig einspare und nur noch pdf-Dokumente online stelle und im Blog nur noch die Veröffentlichung bekanntgebe. (Die frühere parallele Veröffentlichung als HTML-Seite in meiner Website hab ich aus Zeitgründen längst aufgegeben).

Zur Verbesserung der Textverständlichkeit von Hypertexten gibt es hier übrigens einige Hinweise.

Surfen statt Denken

Wenn wir das Internet nur als Bibliotheksersatz nutzen würden, dem wir Abhandlungen über komplexe Zusammenhänge entnehmen, die wir dann in üblicher Weise studieren (was ich häufig mache), würde sich nicht viel verändern. Tatsächlich jedoch verdeutlicht das oben verwendete Testbild eher die Realität des Internet. Nicholas Carr schreibt dazu: „Das Internet ist von seinem Wesen her ein Unterbrechungssystem, eine Maschine zur Ablenkung und Minderung der Aufmerksamkeit.“ (Carr 2010: 208) Wenn ich einen Sinn in dem zur Verfügung stehenden Informationshaufen finden will, muss ich häufig innehalten. Papier ausdrucken, in Ruhe lesen, exzerpieren, Bücher bestellen und lesen.thinking...please wait

Allein für das Thema, zu dem dieser Text gehört, habe ich nicht nur „schnell mal recherchiert“ und dutzende Links überflogen, sondern ca. 10 Bücher bestellt und gelesen sowie hunderte Artikel ausgedruckt und mit Stift und Lineal bearbeitet. Ich leiste mir mehrere Verarbeitungsschritte, so das Mit-Stift-durchlesen und dann das kommentierend-bedenkende Exzerpieren:
Exzerpt

Und dann das Besorgen/Nachlesen in zitierter Literatur, das Aufschreiben von kleineren Texten zum Knüpfen gedanklicher Zusammenhänge. Denn ich möchte nicht nur Erscheinungen beobachten und Meinungen sammeln sowie austauschen, sondern in mir steckt noch das inzwischen altmodisch werdende Bedürfnis, hinter den Erscheinungen tiefere Wesenszüge des Zeitgeschehens und struktureller Verankerungen und Veränderungen begreifen zu wollen.

Damit verkörpere ich jedoch anscheinend eine aussterbende Gattung. Nicht umsonst hat sich in den letzten Jahrzehnten in der Erkenntnistheorie ein positivistisch-postmoderner Mix durchgesetzt, bei dem es abgelehnt wird, hinter Erscheinungen noch so etwas wie ein Wesen oder zwischen den Ereignissen noch durchgängig wirkende Strukturen anzunehmen. Wenn wir sowieso – in unserem alltäglichen Tun und dem Begreifen der Welt – letztlich nur ein Patchwork von Flicken zu erkennen vermögen (vgl. Cartwright 1999:1), so entspricht das Netz-Flickwerk der Informationen dem bestens.

Man fragt sich unwillkürlich, warum sich die Menschheit ein paar Jahrhunderte lang ein ständig wachsendes Komplexitätsniveau zugemutet hat. Jetzt jedenfalls entspricht das Informationsangebot im Internet eher wieder einem „natürlichen“ Bedürfnis nach Ablenkung:

“Wir wollen unterbrochen werden, denn jede Unterbrechung beschert uns wertvolle Informationen […] Der fast unaufhörliche Strom neuer Informationen, den das Internet ausstößt, spricht zudem unsere natürliche Veranlagung an, „all das stark überzubewerten, was im Augenblick geschieht […].

Also bitten wir das Internet, uns weiterhin auf unterschiedlichste Art und Weise und immer öfter zu unterbrechen. Billigend nehmen wir dabei den Verlust unserer Konzentration in Kauf.“ (Carr 2010: 212)

Denn wozu sollten wir auch Konzentration brauchen? In der Freizeit möchten wir die Konsumhäppchen aller Art sowieso mundgerecht und unanstrengend genießen und auf Arbeit stört ein zu tiefes Hineindenken in Fragen beim flexiblen Multitasking. Es genügt doch eigentlich vollkommen, „auf einem oberflächlichen Niveau geschickt zu sein“, wie es Carr formuliert (ebd.: 223).

Sogar für Hegels Philosophie gibt es ein interessant gestaltetes Hypertext-Angebot. (http://www.hegel-system.de/). Aber mal ehrlich: Wer könnte behaupten, durch diese systematisch vernetzten Fragmente die Hegelschen Gedankenstränge wirklich nachvollziehen zu können? Irgendwann einmal gibt es vielleicht tatsächlich niemanden mehr, der wüsste, was man im Kopf haben kann, wenn man wirklich GELESEN und GEDACHT hat, statt nur „Informationen aggregiert“. Vielleicht geschieht das irgendwann, wenn das Leben so unkompliziert und widerspruchsfrei eworden ist, dass mehr nicht vonnöten ist.

Bis dahin jedoch genieße ich die „Arbeit des Begriffs“ – und dass das nicht nur mühselig ist, sieht man uns auf dem folgenden Bildchen sicher an 😉
lesen

Literatur

Albrecht, Jörg; Schottmüller, Jens: Textverständlichkeit von Hypertexten. http://www.text-verstaendlichkeit.de/1/info.htm (abgerufen 2013-08-16)

Carr, Nicolas (2010): Wer bin ich, wenn ich online bin… und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert. München: Karl Blessing Verlag.

Cartwright, Nancy (1999): The Dappled World. A Study of the Boundaries of Science. Cambridge: Cambridge University Press.

Duguid, Paul (2010): Die Suche vor grep. Eine Entwicklung von Geschlossenheit zu Offenheit? In: Konrad Becker, Felix Stalder (Hrsg.): Deep Search. Politik des Suchens jenseits von Google. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2010. S. 15-35.

Lüdeke, Christina (2011): Hintergrund: Hirnstrukturen im Wandel. http://www.planet-schule.de/wissenspool/dein-gehirn/inhalt/hintergrund.html (abgerufen 2013-08-14)

Schlemm, Annette (1996): „Hyper-Dialektik“ – Hyperstruktur der Dialektik und Dialektik des Hypertextes. http://www.thur.de/philo/as14.htm (abgerufen 2013-08-16)

Spitzer, Manfred (2012): Wie lernt das Gehirn? Die neuesten Erkenntnisse der Psychologie und Gehirnforschung. http://www.lichter-lsb.de/media/e085999f82f51a2effff807cffffffef.pdf (abgerufen 2013-08-14)

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