Irgendwie stehen wir den Alltag immer wieder durch. Irgendwie geht uns immer wieder durch den Kopf: „Und wieder ist ein Tag vollbracht/ Und wieder ist nur Mist gemacht…“ Aber es geht uns gut – viel besser als in der doofen DDR, das wurde uns vorgestern grad nachdrücklich wieder in Erinnerung gerufen.

Manchmal, selten genug, öffnet sich aber ein kleiner Riss zwischen dem Leben, das wir freiwillig zu leben gezwungen sind, und dem, von dem wir gar nicht zu träumen wagen.

5_berlin

Slavoj Zizek erzählt in seinem Buch „Die bösen Geister des himmlischen Bereichs“ eine Geschichte über das Überleben traumatischer Erfahrungen: Ein Ehemann, der seine junge, schöne Frau an den Krebs verloren hatte, erstaunte alle damit, dass er kaum zu trauern schien. Locker und cool redete er über sie und ihren Tod. Wie war ihm das möglich? Schließlich fiel jemandem auf, dass er dabei jedes Mal den Hamster streichelte, der noch ihr gehört hatte. Durch die Berührung des warmen Fells des Hamsters konnte er zwar rational wissen, dass seine Frau tot war, aber kam nicht wirklich bei ihm an. Erst als nach einem Jahr der Hamster starb, brach er zusammen.

Was war der Hamster für diesen Mann? Es gibt dafür das Wort „Fetisch“. Die Beziehung zu seiner Frau war im Hamster verkörpert. Wie die Geldstücke, die statt wirklicher Beziehungen die soziale Vermittlung darstellen, so vertrat auch hier etwas Anderes die lebendige Beziehung. Erst der Verlust des Hamsters stieß diesen Witwer dann in die absolute Einsamkeit.

Zizek sieht den Fetischismus ebenso am Werk, wenn Menschen die Welt, so wie sie ist, einfach so akzeptieren.

„Fetischisten sind keine Träumer, die nur in ihrer eigenen Welt leben, es sind durchaus „Realisten“, die akzeptieren können, wie die Dinge wirklich sind – weil sie ihren Fetisch haben, an den sie sich klammern können, um die volle Wucht der Realität zu bremsen.“

Und wenn der Hamster tot, das Geld weg ist, ist die erste Reaktion erst einmal nur der Schrei nach einem „Zurück!“. Als böse und störend wird jener zurückgestoßen, der einem sagt, dass die Frau tot ist und dass Geld nicht wirklich glücklich macht.

Wie halten wir es nur immer wieder aus, das schlechte Spiel mitzuspielen? An der Zerstörung der Welt und der Befriedigung von schalen Bedürfnissen mitzuarbeiten? Unseren Kindern einzureden, sie dürften machen, was sie wollten – wobei wir doch genau wissen, dass sie dabei profitabel ausbeutbar werden, sein und bleiben müssen. Wie halten wir das aus? Wo ist mein Hamster? Was ist deiner?

  • Literatur: Slavoj Zizek (2011): Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.
Advertisements