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Ich will doch nur lernen und verstehen… aber unversehens befinde ich mich damit an einer zermürbenden „Front“. Von einer „philosophischen Front“ schrieb Peter Ruben anlässlich des Erscheinens der Autobiographie des bekannten DDR-Philosophen Herbert Hörz. Die Verbitterung ist groß von Seiten der Ruben-Anhängerschaft; seit 1990 kann die Empörung schließlich auch in die Öffentlichkeit quellen. Mit den Anklagen an die nunmehr besiegten Gegner kommen auch sachliche Argumente und Konzepte der einst Unterdrückten an die Öffentlichkeit und ich selbst habe sie ausführlich studiert, denn schließlich will ich lernen und verstehen.

In meiner Bibliothek werden die Bücher der „offiziellen“ DDR-Naturphilosophie neben denen ihrer Widersacher stehen, denn ich brauche mich nicht einseitig auf eine Seite zu stellen. Schließlich habe ich das Selber-Denken gelernt, nicht zuletzt auch schon in der DDR.

Damals war das Vorhaben, in der Hörz-Gruppe arbeiten zu wollen, auch der Tatsache geschuldet, dass ich mich im entsprechenden Jenaer Umfeld aus gewissen Gründen nicht wohlfühlen konnte. Beim (letzten) DDR-Philosophenkongress hatte ich deswegen mit H. Hörz gesprochen und er versprach mir seine Unterstützung auch gegen die zu erwartenden Widerstände. Auch zu Menschen aus dem Umfeld jener, die u.a. auch von den Hörzleuten ausgegrenzt wurden, hatte ich gehabt – aber ich bekam hier nach einem erfreulichen Beginn später eine enttäuschende Abfuhr (das war nach bzw. in der Rubens-Affäre, das machte es für mich später verständlicher…).

Ich gehörte also die ganze Zeit nirgendwo richtig dazu, saß zwischen allen Stühlen und vermied es, in der von Peter Ruben ausgerufenen „Front“ Stellung zu beziehen. Wann ich mich wie und wo auf sachliche Inhalte der entsprechenden Gruppierungen beziehe, kann man nachlesen, es hat jeweils inhaltliche Gründe, keine gruppenparteilichen.

Nun wurde ich gebeten, für eine Veröffentlichung eine Rezension zu schreiben. Diese Veröffentlichung erfolgt digital und beruht auf Druckfahnen, die fast ein Vierteljahrhundert alt sind. Die Gruppe um Herbert Hörz und Ulrich Röseberg hatte am Ende der DDR gerade ein über 400 Seiten starkes Gemeinschaftswerk fertig gestellt, das seitdem „zwar nicht verboten und verbrannt, aber doch vergessen und verbannt“ wurde, wie der jetzige Herausgeber John Erpenbeck schrieb. Der Titel ist vielversprechend: „Dialektik der Natur und der Naturerkenntnis“. Ich vertiefte mich in das Werk und fühlte mich gleich zu Hause. Ja, das war die Welt, in die ich damals hineinwachsen wollte. An solchen Texten wollte ich mitarbeiten. Nach 1990 war dieser Traum vorbei.

Trotzdem hatte ich ja an diesen Themen selbständig gearbeitet, daraus entstanden mein erstes Buch und auch Webseiten.

Das Buch „Dialektik der Natur und der Naturerkenntnis“ wollte laut Vorwort die Engelssche „Dialektik der Natur“ für unsere Zeit fortschreiben. Genau das war auch mein Anliegen. Ich selbst stellte das neue Konzept der Selbstorganisation stärker in den Fokus, aber ich fühle mich durchaus zugehörig zum Inhalt und Geist des Werks. Damals lagen wir „gleichauf“, aber die Wende brach diese Entwicklungen ab. Die Arbeitsgruppe wurde zerstreut und ich kann nur in der Freizeit und auf mich allein gestellt dazu arbeiten. Keine gute Basis für gründliche, systematische und umfassende Arbeit. In den späteren Jahren, als ich dann schließlich doch noch an einer philosophischen Dissertation arbeitete, verwendete ich – vor allem auch dem speziellen Teilthema geschuldet – als Grundlagenliteratur eher die Schriften von Renate Wahsner. Zum umfassenderen Projekt, das sich mit den Themen Gesetzmäßigkeit und Determinismus beschäftigen sollte, bin ich dann nie gekommen (d.h. zum Thema „Gesetz“ entstand doch einiges).

Ich habe mich in der Zwischenzeit auch mit den Geschehnissen um die sog. Rubens-Affäre beschäftigt. Bücher und Schriften dazu gelesen. Ich kann nun im Nachhinein die Nervosität der frühen 80er Jahre verstehen. Ich hab kapiert, dass es kaum je um inhaltliche Auseinandersetzungen ging, sondern Politik und Moralisieren eine größere Rolle hatten und haben, als ich der Sache zugestehen will.

Ich kann auch mit diesem Wissen das verspätete Buch nur grundsätzlich positiv bewerten. Es gibt sachliche Differenzen gegenüber der Widersachergruppe, die ausführlicher zu diskutieren sind, als ich es gerade kann. Ich fürchte, für beide (und alle anderen) Gruppierungen aus dieser Zeit, die auch heute noch um die nachträgliche Anerkennung ihrer Leistung ringen, gilt leider der Spruch von B. Brecht:

„Aber Argumente, die in Form von Waffen gebraucht und erstmalig gezeigt werden, sind dann oft für den eigentlichen Gebrauch recht verbeult und verdorben.“

Vielleicht braucht es aber gerade deshalb erst einige Zeit, bis wieder inhaltsbezogen-sachlich damit umgegangen werden kann. Ich weiß nicht, ob in einer Welt, in der Downloaden das Studieren mehr und mehr ersetzt und statt „Lesern“ die „User“ (Sloterdijk) auch das geistig-kulturelle Leben zu dominieren beginnen, so eine Art Theorie und Philosophie überhaupt noch eine Zukunft hat. Aber wenn sich Menschen auf die Suche nach Denkformen begeben, die es ihnen ermöglichen, die widersprüchliche Welt so zu erkennen, dass ihre wechselseitigen Beziehungen bis in tiefliegende Begründungsschichten hinein wichtig werden, dann können sie sich viele Umwege und ein umständliches Neuerarbeiten sparen, wenn sie auf diese Ressource zurück greifen. Deshalb ist es gut, dass das Buch, wie auch andere, nun gleich online zur Verfügung steht.

Ich habe das zum Anlass genommen, um ein Wiki zu beginnen, in dem die Inhalte dieser Philosophierichtung zusammen getragen und auch diskutiert werden können.

Die Rezension für die junge welt habe ich nun auch fertig, mal sehen, wann sie erscheint.


P.S. Sie ist nie erschienen, aber im Max-Stirner-Archiv veröffentlicht worden.

Weitere Texte dazu:

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