climate change 2013

Sehr sorgfältig bestimmte Prof. Stocker bei seinem Vortrag das jeweilige Maß an Unsicherheit bei den Aussagen über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels. Er berichtete sehr lebendig über die Arbeit der Expertinnen und Experten an dem vorliegenden Bericht der ersten Arbeitsgruppe zum 5. Klimabericht des IPCC. Allein in dieser Arbeitsgruppe werteten Hunderte von Wissenschafter_innen tausende einzelne Studien zu verschiedenen Themen aus, bearbeiteten über 50 0000 Kommentare dazu und erarbeiteten schließlich einen Bericht sowie Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger und die Allgemeinheit. Der fast fertige Bericht kann online eingesehen werden.

Im Vortrag schilderte T. Stocker vor allem auch, was an neuen Gesichtspunkten und Fragestellungen im Zeitraum seit dem letzten Bericht besonders im Mittelpunkt standen. Das waren vor allem der Anstieg des Meeresspiegels, die Zusammenhänge zwischen Wolken und Aerosolen sowie auch Wechselwirkungen mit dem Stickstoff-Kreislauf auf der Erde. Ab Januar 2014 wird es auch einen Atlas Regionaler Klimaprojektionen geben, in dem sich alle über die Prognosen für ihre Region informieren können.

Jeder inhaltliche Bericht über den Vortrag kann nur eine Zusammenfassung einer Zusammenfassung sein. Ich möchte aber trotzdem über einige Punkte informieren, die bei mir als besonders spannend hängen geblieben sind.

Angesichts der nicht aussterbenden Zweifel der Klimaskeptiker kommt es immer noch darauf an, genau hinzuschauen wenn 1.untersucht wird, was und wie sich Klimafaktoren überhaupt verändern und 2. welche davon durch menschliche Tätigkeit hervorgerufen werden.

Zum Temperaturanstieg (1.) wird im Bericht formuliert:

„Jedes der letzten drei Jahrzehnte war an der Erdoberfläche sukzessive wärmer als alle vorausgegangenen Jahrzehnte seit 1850.“

Dieser Satz aus der „Summary for Policymakers“ (in meiner Übersetzung, die von T. Stocker weicht etwas ab) betrifft direkte Messungen und wird deshalb auch nicht als strittig angesehen (siehe auch die folgende Abbildung von S.27).
g

Weil vor dem 19. Jahrhundert nicht genügend direkte Temperaturmessungen in der Atmosphäre vorliegen, wird die folgende Aussage mit einem Maß der Ungenauigkeit, auf die sich die Expert_innen geeinigt haben, ergänzt:

„In der Nordhemisphäre war 1983-2012 wahrscheinlich die wärmste 30-Jahr-Periode der letzten 1400 Jahre.“

Überhaupt macht es beim Klima wohl nur Sinn, ungefähr 30-jährige Mittel zu betrachten, das zeigte T. Stocker anhand von jeweiligen 15-Jahres-Ausschnitten und ihrem Vergleich mit entsprechenden Simulationen. Für 30-Jahres-Phasen funktionieren viele der besseren Simulationsprogramme gut – in kürzeren Zeiträumen gibt es mehr „Ausreißer“. Wie unterschiedlich der bisherige Temperaturanstieg auf einer Weltkarte aussieht, wird auch gezeigt:
CC 2013_2

Eine weitere Abbildung (siehe unten, aus einer Präsentation) zeigte auch deutlich, warum wir von dem Klimawandel, der längst im Gang ist, noch nicht so viel merken: Letztlich muss durch den Treibhauseffekt der Planet Erde mehr Energie „unterbringen“ innerhalb seiner Atmo-, Geo- und Biosphäre. Bislang kommt der übergroße Anteil an Energie im Ozean unter (93%). Einiges wird auch in die Schmelze von Eis gesteckt, in die Erwärmung der Böden und ein relativ kleiner Teil nur geht bislang direkt in die Atmosphäre.
CC 2013_6

Sehr hohe Wahrscheinlichkeit haben auch die Aussagen, dass während der letzten beiden Jahrzehnte die Eisschilder in Grönland und in der Antarktis an Masse verloren haben, die Gletscher fast überall in der Welt weiter abgeschmolzen sind und die Ausdehnung des arktischen Meereises sowie der Schneebedeckung in der Nordhemisphäre im Frühjahr weiter abgenommen haben. Die Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs war seit Mitte des 19. Jahrhunderts größer als die mittlere Geschwindigkeit in den vorangegangenen zwei Jahrtausenden. Die CO2-Konzentrationen sind seit der vorindustriellen Zeit um 40% angestiegen, der globale Wasserkreislauf verstärkt sich, der Ozean versauert usw. usf.
In einer weiteren Abbildung (S. 31 der „Summary…“) wird gezeigt, welche Faktoren für die Klimaveränderungen (von den Treibhausgasen bis hin zu Veränderungen in der Sonnenstrahlung) in welchem Maße verantwortlich sind. Es zeigt sich, dass Faktoren, die durch die menschliche Tätigkeit auftreten, wie die Treibhausgase, quantitativ überaus mehr zu Buche schlagen als natürliche Prozesse und jene Faktoren, die ein Antrieb für die Veränderung darstellen, auch jene stark überwiegen, die bremsend wirken. Dabei erhöht sich dieser menschlich verursachte („anthropogene“) Anteil im Laufe der Zeit kontinuierlich.
CC 2013_3

In der Diskussion verwies Prof. Stocker deshalb auch darauf, dass natürlich Wasserdampf ein hohes Treibhauspotential hat – dieses brauchen wir sogar zum Leben auf der Erde, ohne diesen natürlichen Treibhauseffekt wäre die Durchschnittstemperatur auf der Erde weniger als -15°C. Worauf es ankommt, sind die Ursachen, die diese natürlichen Effekte zusätzlich beeinflussen.

In der Diskussion wurde die Frage gestellt, wieso CO2 so ein Problem sein soll, wo es doch schwerer als Luft ist und sich eher am Boden sammelt als in den höheren Atmosphärenschichten. Die Antwort begann mit der trockenen Feststellung:

„Wir leben nicht in einer Becherwelt“.

Unter Laborbedingungen, in einem Becher bleibt CO2 tatsächlich unten, die Atmosphäre ist jedoch ein dynamisches, turbulentes Geschehen. Das ist ein spannendes Beispiel für zwei wissenschaftstheoretische Erkenntnisse (Das ist eine Ergänzung von mir und war nicht Thema des Vortrags…):

  1. In der Realität wirkt niemals nur ein Gesetz, isoliert von anderen („Ein schweres Gas wird unter ein leichteres geschichtet“), sondern letztlich wirken „Gesetzmäßigkeiten“, und diese sind bestimmt als „Ablauf von Prozessen bzw. Zuständen gemäß den ihnen immanenten Gesetzen“ (Kröber 1976),wobei sie „stets eine gewisse Gesamtheit von Gesetzen“ umfassen. Welche jeweils in welchem Maße den betrachteten Prozess bestimmen, muss genau herausgearbeitet werden.
  2. Gesetze (und Gesetzmäßigkeiten erst recht) können nur betrachtet werden, wenn gleichzeitig ihre Wirkungs- und BegleitBedingungen untersucht und berücksichtigt werden.
  • Wenn solche „Feinheiten“ nicht beachtet werden, wird entweder Wissenschaft dogmatisch (gemacht oder auch interpretiert). Viele Vorwürfe an „die Wissenschaft“ gelten ihrer zu vereinfachten Darstellung oder Durchführung, die die genannten relativierendenden Momente nicht berücksichtigt.

Die Expert_Innen in den PPCC-Arbeitsgruppen haben, wie Prof. Stocker berichtet, über viele der Aussagen in ihrem Bericht lange debattiert. Letztlich jedoch waren sie sich einig:

Ein ungebremster Ausstoß von Treibhausgasen könnte das Klimasystem derart verändern, wie dies in den vergangenen hunderttausenden Jahren nicht vorgekommen ist. Vielfältige und deutliche Veränderungen wären zu erwarten, wie etwa bei Niederschlägen, Eis und Schnee, einigen Extremwetterereignissen, Meeresspiegelanstieg und Versauerung der Ozeane. Alle Regionen der Erde wären betroffen. Bisher beobachtete Veränderungen würden verstärkt. Viele der Änderungen im Klimasystem blieben über Jahrhunderte bestehen, auch wenn keine Treibhausgase mehr freigesetzt würden. (Quelle)

Ausgehend von der Feststellung der bereits eingetretenen Veränderungen durch den Klimawandel werden nun mittels verschiedener prognostischer Modelle 4 unterschiedliche Szenarien für die zukünftige Entwicklung durchgespielt. Die folgenden Abbildungen zeigen, welchen Anstieg der Durchschnittstemperatur und der Meere durch die verschiedenen Szenarien für die nächsten Jahrzehnte prognostiziert wird (jeweils mit angegebenen Unsicherheiten).
CC 2013_4
CC 2013_5

Der Meeresspiegel wird also auch in der optimistischsten Prognose weiter und weiter steigen. Nur in einem der 4 Szenarien kann es überhaupt noch geschafft werden, den global-durchschnittlichen Temperaturanstieg auf unter 2 K zu begrenzen. Das Zeitfenster wird immer enger. Ein Verzug der Maßnahmen vor allem zur Reduktion der Treibhausgase um jeweils 10 Jahre wird die Erwärmung um ein halbes Grad steigen lassen. Man kann auch sagen, wenigstens ein Szenarium ermöglicht es noch, das 2 -Grad-Ziel zu erreichen. Das würde aber erfordern, sofort auf die Bremse zu springen und das ist weder in der großen Politik noch in unser aller Lebenswirklichkeit abzusehen.

Wenn dann alles zu spät ist, bekommen sicher wieder technizistische Rettungspläne Aufschwung. Unter dem Titel „Geoengineering“ werden Pläne entwickelt, künstlich lichtreflektierende Objekte in die obere Atmosphäre zu bringen, oder ähnliches. Auch dazu nimmt die Arbeitsgruppe des IPCC Stellung. In einer Präsentation wird dazu geäußert:

„Sonnenlicht-Geoengineering kann zu einer Abkühlung führen, aber es steckt noch in den Kinderschuhen, ist ungetestet und mit zahlreichen Nebenwirkungen und Risiken verbunden.“

Zu den Problemen dieser Option zählt der sog. „Abschalteffekt“. Das bedeutet, dass die Aussicht auf ein erfolgreiches Geoengineering mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass die Bemühungen um eine Reduktion der Treibhausgase abgebrochen werden. Daraufhin erhöht sich deren Konzentration immer weiter und die Erde gerät immer weiter aus ihrem energetischen Fließgleichgewicht… was vor allem dann zu einem schlagartigen Problem führt, falls die Geoingeneeringmaßnahmen, z.B. aus Kostengründen oder wegen den Nebenwirkungen, nicht weiter geführt werden können.

Das schlimmste Szenarium wird „Business as usual“-Szenarium genannt. Es geht so weiter wie bisher. Mit dem Business und unsrer Lebensweise. Beides ist voneinander abhängig und nicht nur der Sachzwang der Logik der Kapitalakkumulation, den Marxist_innen hier am Wirken sehen, spielt dabei eine Rolle, sondern auch unsere Bindung an diese energiefressende Lebensweise. Es ist nicht nur das Business- sondern auch das Life-as-usual, das das Klima und damit die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten in den nächsten Jahrzehnten bedroht.

Einen Philosophen hörte ich letztens sagen, dass uns gar keine Wertung dieses möglichen Zustandes zustünde, könnten wir doch gar nicht wissen, wie sich die dann lebenden Menschen fühlen. Ich glaube, der Mann hat noch nicht kapiert worum es geht. Der stellt sich wohl vor, dass es dann halt ein wenig wärmer wird und wir Mittelmeerklima vor der Haustür genießen können. Dass wir immer noch biologisch an das Funktionieren der ökologischen Beziehungen gebunden sind, dass diese sich in bestimmten Zeiten nur an begrenzte Veränderungen anpassen können, lässt er außer acht.

Bei den IPCC-Berichten wird klar darauf geachtet, dass sie wissenschaftlichen Charakter tragen und nicht selbst schon politische Standpunkte enthalten sollen. Der Rest wird den „policymakers“ überlassen, also den „Politikern“ bzw. „Entscheidungsträgern“.

Sie werden sich wieder zusammensetzen und … wer glaubt wirklich noch dran,dass sie das Ruder rumreißen werden? Beim Stuttgarter Bahnhof, beim Tempelhofer Flughafen, beim Jenaer Eichplatz haben wir gelernt, dass wir die wichtigen Entscheidungen nicht zu sehr aus der Hand geben dürfen. Bei dem zarten Schleier knapp über der Kruste des Planeten warten wir auf die große Politik.

Warten wir alle? Nein, es gibt an den Rändern der Gesellschaft durchaus Bewegung. In Jena treffen sich z.B. seit 5 Jahren Aktive im „Klimanetz Jena und Umgebung“, wir werden nächstes Wochenende eine Zukunftswerkstatt durchführen, um Ideen zu finden, was wir auf lokaler Ebene tun können.

Im Alltag haben die meisten von uns noch ganz andere Sorgen, aber immer mehr Extremwettergeschädigte machen die ersten Erfahrungen mit dem Klimawandel, während in anderen Weltgegenden längst die großen Katastrophen ablaufen.

Nein, es kann keine und keiner jemals sagen, wir hätten es nicht gewusst!

Was das für mich und andere und uns alle zusammen bedeutet, werden wir diskutieren müssen und wir sollten uns auf einen Weg in eine lebenswerte Zukunft begeben, letztlich sind wir die Entscheidungsträger für unser Leben.


Zum Weiterlesen (auf deutsch):

Zu klimapolitischen Aktivitäten: