Ohne Selbstdisziplin würde ich mein Doppelleben nicht hinkriegen – dachte ich zumindest immer. Nach des Tages oder der Woche Lohnarbeit beginnt mein eigentliches Leben hier zu Hause am Schreibtisch. Es war mir zwar noch gelungen ein Stückchen meiner „Berufung“ zum Beruf zu machen, aber nicht mehr zum Job.

Also auf in die Tretmühle und in der Freizeit ist der Riemen dann eigentlich öfter runter. Um da noch was zu reißen, z.B. die Dissertation nebenbei zu schreiben, erfordert(e) doch so was wie Selbstdisziplin.

Vielleicht hätte das Buch mit dem schönen Titel

DINGE GEREGELT KRIEGEN –
ohne einen Funken Selbstdisziplin

schon eher geschrieben werden sollen? Dann hätt ich mir einiges erspart. Dieses Buch von Kathrin Passig und Sascha Lobo (aus dem Jahr 2008) nimmt die Rede und die Praxis der Selbstdisziplin kritisch unter die Lupe. Die Autor_innen rechtfertigen ihre eigene Abwendung von der Selbstdisziplin und erläutern dann an vielen Beispielen, wieso viele Nicht-Selbstdisziplinierte doch vieles auf die Reihe kriegen. Sie hinterfragen einfach bisherige Selbstverständlichkeiten:

Normalerweise denkt man (oder kriegt eingeredet), dass man irgendwie selber schuld ist, wenn man nix geregelt kriegt – dabei liegt das Problem an der Umwelt: „Nicht der Aufschiebende ist lebensuntauglich, vielmehr ist sein Umfeld mit falschen Erwartungen und überkomplizierten Organisationsstrukturen verseucht.“

Normalerweise denkt man (oder kriegt eingeredet), dass man nur lernen muss, selbstdisziplinierter zu werden -aber: „Selbstdisziplin ist keine Tugend, sondern zunächst die Negation der eigenen Bedürfnisse.“

„Leider hilft Selbstdisziplin ebenso, bescheuerte Aufgaben durchzuhalten: Sie ist nämlich ein Mittel zur Überwindung der eigenen Gefühle, der eigenen Intelligenz und damit der Freiheit der Entscheidung. Die Notwendigkeit von Selbstdisziplin ist ein klares Zeichen dafür, das etwas falsch läuft und das Unterbewusstsein diesen Umstand nur früher begriffen hat.“

Das Motto für ein zufriedenes Leben ist nicht „Fleiß und Mühe“, sondern „ „Fleißlos glücklich“.

„Das Ziel sollte sein, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun und davon nur so viel wie unbedingt nötig.“

Das ist ja schon mal was für den Anfang, oder?

Und wie der Zufall so will, hab ich vor kurzem auch noch was gelesen, was dazu passt: Das Buch von Peter Sloterdijk von 2011 heißt „Streß und Freiheit“. Darin geht es u.a. um Freiheitsbegriffe und er findet da einen normalerweise völlig unbeachteten in einer Schrift von Rousseau. Der muss in einem Text „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“ eine Situation beschrieben haben, wo er sich echt frei gefühlt hat. Und zwar war das in einem Ruderboot, in dem er sich einfach nur auf einem See treiben ließ. Das war eine Freiheit, „bei der das Subjekt der Freiheit sich ausschließlich auf seine gespürte Existenz beruft, jenseits aller Leistungen und Verpflichtungen, auch jenseits möglicher Ansprüche auf Anerkennung durch andere.“ Es gibt da auch keinen „Platz für von innen her ansetzende Stressoren wie Wille, Trieb, Unternehmungsgeist, Streben nach Auszeichnung oder Anerkennung und dergleichen“, sondern:

„Wahrhaft frei dürfte sich künftig nur nennen, wem die Zuwendung zu sich selbst in der Weise gelingt, daß die Quelle des Gefühls der Existenz in ihm zu strömen beginnt…“

Und wenn diese Quelle dann strömt, … und so geht die Wendung dann weiter, wer wollte dann wirklich nur wie tot in einem dahintreibenden Boot weiterträumen? Was dann kommen kann, frei werden kann, ist eine andere Art Motivation, das ist dann echtes ENGAGEMENT (auf diesen Begriff im Sinne Sartres verweist Sloterdijk auch noch).

„Das freie Subjekt erwartet es nicht bloß, es geht darauf zu. Sein Engagement […] ist eine Konsequenz der Freiheitserfahrung.“

Also: Ich wünsche uns die Gelegenheit zum Engagement statt Selbstdisziplin!

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