Die Diskussion meines Blogbeitrags „Wieder an der Front?“ mündet in eine kleine Diskussion zum Wesen. Ich hatte davon berichtet, dass mir die ohne Bezug auf Hegel versuchten Begriffsbestimmungen nicht ausreichten.

Die Kategorie des Wesens ist zentral, wenn es darum geht das Wesen von Wissenschaft zu bestimmen. Noch für Marx galt:

„Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen …“ (Marx, Kapital III, MEW 25: 825)

Später geriet das Wesen in Verruf. Es schien so, als würde das Abzielen auf Wesenserkenntnis Herrschaftsansprüche legitimieren, deshalb ist heute ein sog. Anti-Essentialismus weit verbreitet. Andere Debatten streiten sich darum, ob das Wesen sich auf der Seite der Welt da draußen befindet, oder erst durch die Menschen „konstruiert“ wird.

Diese letzte Frage steckt auch hinter dem Thema, das ich mir für meine Dissertation gewählt hatte. Da geht es um die Frage, inwieweit Naturgesetze in der Welt da draußen auch vorhanden sind, wenn wir sie nicht gerade erkennen…. Bei der Beantwortung nutze ich die Differenzierung der Begriffe von Hegel, der deutlich zwischen „Realität“, „Existenz“ und „Wirklichkeit“ unterscheidet. Außerdem ist die Hegelsche Unterscheidung zwischen Seinslogik, Wesenslogik und Begriffslogik grundlegend für diese Fragestellung.

Was dabei deutlich wird, ist, dass das Wesen nicht einfach Eigenschaften sind oder auch die Summe von Eigenschaften (wie bei Wagner). Eigenschaften eines Gegenstandes drücken eine Beschaffenheit eines Dinges aus, die sich unter bestimmten Bedingungen auf eine bestimmte Wese zu verhalten. Als solche sind sie unmittelbar, nicht vermittelt. Sie sind einfach da. Philosophisches Denken richtet sich aber nicht einfach nur auf das Konstatieren von unmittelbaren Tatsachen, auch nicht als unmittelbare „Gesamtheit“, sondern sucht nach jeweils tieferen Gründen. Es fragt nach einem „Warum“, sucht nach Vermittlungen, nach Beziehungen, die das Ding zu dem machen, was es ist. Die Ebene des Unmittelbaren muss verlassen werden, die Vermittlung, die Begründung kommt in den erkennenden Blick. Genau hier kommen wir von den noch unmittelbaren Erscheinungen auf das begründende Wesen. Das Wesen kann nicht nur eine „Gesamtheit“ von unmittelbaren „Eigenschaften“ sein. Wenn Wagner in seiner Definition noch anhängt, dass die von ihm als Wesen bestimmte Gesamtheit von Eigenschaften und Beziehungen eine „ innere Bestimmtheit“ und einen „speziellen Kern bilden“, so ist das ein Nachsatz, der noch nachschiebt, wo man eigentlich hinwill, der aber nicht wirklich das Verhältnis von unmittelbar existierenden Eigenschaften und dem vermittelndem Grund der Eigenschaften, dem Wesen, formuliert. Die Ebenen „Existierendes“(=Begründetes) und „Grund“ werden hier nicht differenziert. Eine solche Differenzierung mag wie Haarspalterei aussehen, aber es zeigte sich gerade auch meinem Dissertationsthema, dass manche Fragen nur mit solch ausdifferenzierten Kategorien klar genug aufbereitet werden können.

Auf diese Weise unterscheidet sich die Ebene, auf der wir von Wesen sprechen können, immer von dem, was z.B. in der Seinslogik bei Hegel verhandelt wird. Dadurch lassen sich schon viele Missverständnisse klären, die dadurch entstehen, wenn jemand das Wesen (oder eben das Gesetz) auf der Ebene des Unmittelbaren, direkt Wahrnehmbaren da draußen in der Welt sucht.

Wenn wir uns auf die allgemeine dialektische Erkenntnis von der Allgegenwart der Bewegung, d.h. Veränderung berufen, so geht es nicht darum, als das Wesen eine „invariante Eigenschaft“ festzustellen, sondern ein „ruhendes Verhältnis“, das selbst der Grund für die Verschiedenheit der sich wandelnden Zustände ist. Eine Flüssigkeit, ein Gas und ein zerbrechliches Festes sind Zustandsformen von … „Wasser“. Das „Wasser“ als Wesen ist nicht sinnlich wahrnehmbar, es ist in der Formel H2O darstellbar und die wissenschaftliche Erkenntnis zielt genau darauf, die Veränderbarkeit dieses materiellen Verhältnisses zu verstehen. Wir haben etwas wissenschaftlich verstanden, wenn wir aus unserem Wissen über H2O ableiten können, unter welchen Bedingungen sich beispielsweise die Flüssigkeit in ein Gas umwandelt. Dieses Vermittlungsverhältnis, das allem zugrunde liegt, ist zwar nicht entstanden, weil wir es uns ausdenken, aber wir können es nicht sehen und anfassen, sondern es zeigt sich uns nur durch die Vermittlung mit seinen Erscheinungen und wir finden dann theoretische Formen, es jeweils so darzustellen, wie wir es verstehen (Physikalische Größen, Gesetze, Theorien…). Die Vermittlung ist wirklich da draußen, die Form unserer Erkenntnis ist natürliche unsere, wir können nichts über sei „an sich“ (das heißt außerhalb unserer Erkenntnistätigkeit) sagen.

Nun ist die Erkenntnis des Wesens auf der wesenslogischen Stufe der Erkenntnis noch nicht die ganze Wahrheit. Bei Hegel folgt auf die Wesenslogik die Begriffslogik. Der „Begriff“ ist bei Hegel nicht nur ein definierender Terminus, und er ist nicht nur etwas in unseren Köpfen. Der Begriff ist immer das in einer Sache, was sie in Bewegung bringt, was ihre unterschiedlichen Bestimmungen in Wechselbeziehungen setzt, was deren Gegensätzlichkeit umfasst. Nicht alles, was wir erkennen wollen, ist so „auf den Begriff“ zu bringen, sondern nur jene Gegenstände, die die Bewegungsform eines inneren Widerspruches sind. Hier wechselwirken nicht nur polare Gegensätze, sondern hier bildet die Bewegung der Gegensätze eine Einheit die es selbst ausmacht. Wenn wir dieses Ganze erkannt haben, wirklich begriffen haben, dann haben wir den Begriff dieser Sache.

Das ist die Stufe der Erkenntnis, die in meiner Wiki-Sammlung zum „Wesen“ von Gerda Schnauß ebenfalls als „Wesen“ bezeichnet wird, aber nicht als abstraktes, sondern als konkretes Wesen.

Ich stelle bei dieser Gelegenheit einige Seiten aus meiner Dissertation zu diesem Thema online. Sie sind natürlich aus dem Zusammenhang gerissen, stellen aber als Einzelkapitel durchaus Material für die angerissenen Themen zur Verfügung.

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