Meine Mutti zog es einst auf Friedhöfe, aber sie ging nie mit mir zum Grab meines Opas. Irgendwann besuchte ich selbst die ersten Gräber. Philosophisch war der Tod noch nie mein Thema, obwohl ich den Spruch „Philosophieren heißt Sterben lernen“ (Montaigne) kenne. Letztlich ging es mir wie jenen Psychologen, die zu diesem Thema sagen: „Kratzen Sie nicht, wo es nicht juckt…“. Ganz anders sieht das Irvin D. Yalom, dessen psychotherapeutische Praxis, unter anderem mit den ersten Gruppen ernsthaft kranker Krebspatientinnen und -patienten, ihn zu folgender Erkenntnis kommen ließ.

„…ich behaupte, daß uns der Tod die ganze Zeit juckt, daß unsere Einstellungen zum Tod die Art, wie wir leben und wachsen, und die Art, wie wir straucheln, beeinflußt.“


Der Tod IM Leben

Wenn ich Angst vorm Tod habe, kann ich sie mildern: Ich werde vom Tod nichts merken. Alles, von dem ich JETZT denke, dass ich es bedauernd vermissen werde, davon weiß ich dann nichts mehr, weil es MICH nicht mehr geben wird. Der Tod ist also dort, wo das Leben nicht ist.

Aber das wäre zu einfach. Menschliche Wesen wissen vom Tod und das ändert alles. So oder so, wir wissen es und Verleugnung ist Verleugnung und nicht die Abschaffung des Todes. Für niemanden von uns. Und das ist gut so. Irvin D. Yolam betont in seinen Büchern immer wieder, dass die Tatsache des Todes uns vernichten wird – die Idee des Todes uns jedoch retten kann. Wenn wir die Begrenzung unserer Lebenszeit in unser Trachten und Tun einbeziehen, so verändert sich die Bedeutung dessen, was wir wollen und machen, schon hier und heute.

„Das Hineinnehmen des Todes in das Leben bereichert das Leben; es befähigt die Menschen, sich von erdrückenden Alltäglichkeiten zu befreien, zweckvoller und authentischer zu leben.“

Den Tod nicht aus dem Leben rausschieben, meiden oder leugnen – sondern die Begrenztheit des eigenen Seins anerkennen und aus diesem Bewusstsein heraus das eigene Leben tiefer, reicher und farbiger leben. Das wäre eine produktive Leistung der Idee des Todes, so hart er uns auch in der Wirklichkeit ankommen mag. Von den Krebspatientinnen hat Yolam gelernt, „… dass ihre Todesurteile sie weise gemacht hatten. Besonders eine Lektion hatten sie gut gelernt: dass sich das Leben nicht aufschieben lässt, es muss jetzt gelebt werden und darf nicht bis zum Wochenende oder dem Urlaub hinausgeschoben werden oder bis die Kinder mit dem College fertig sind oder man nach der Pensionierung nur noch wenige Jahre vor sich hat.“

„Der dunkle Hintergrund, für den der Tod sorgt, bringt die zarten Farben des Lebens in all ihrer Reinheit zum Leuchten.“ (Santayana)

Die Kerze ausbrennen

Mehrere Studien sprechen von einem interessanten Effekt: Die „Todesangst ist umgekehrt proportional zur Lebensbefriedigung“. Das „Gefühl, daß das Leben gut gelebt wurde, wirkt besänftigend auf den Schrecken des Todes.“ Bei Alexis Sorbas steht dazu:

„Lass dem Tod nichts als eine ausgebrannte Kerze.“

Auch Sartre sprach davon, dass nach den letzten Seiten des letzten Bandes seiner Werke der Tod „bloß einen Toten hinwegnehmen würde.“ Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie es ist, wenn man „ausgebrannt“ (natürlich nicht im Sinne des Burnout) seine „letzten“ Seiten schreibt. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass dies ein guter Tod werden könnte.

„Verwirkliche dich, erkenne dein Potenzial, lebe kühn und voll. Dann, und nur dann, stirb ohne Bedauern.“

Lebendig sterben

Diese Zeit des „dann“ kommt nicht immer erst im hohen Lebensalter. Viele gehen lange vor ihrem letzten Blatt. Mit vielen von ihnen hat Irvin D. Yolam Gruppentherapien durchgeführt. Viele sind, so seine Erfahrung, „durch eine offene Auseinandersetzung mit dem Tod auf eine reichere Bewußtseinsebene gelang[t], als dies vor der Erkrankung der Fall war. […] Sie sind in der Lage, das Banale als banal zu erkennen, sich ein gewisses Gefühl der Kontrolle anzueignen, nichts zu tun, was sie nicht möchten, offenere Gespräche mit Angehörigen und engen Freunden zu führen und vollkommen in der Gegenwart zu leben, anstatt in der Zukunft oder der Vergangenheit.“

Er zitiert immer wieder den Ausspruch eines von ihnen:

„Wie schade, dass wir bis jetzt warten mussten, bis unsere Körper von Krebs verwüstet werden, um zu erfahren, wie man leben soll.“

Ist es nicht ein Geschenk für jene, denen noch mehr Zeit beschieden sein wird, diese Botschaft zu bekommen? Nicht bloß für Sterbende kann das volle Ausschöpfen des Lebens, die Farbe der Blätter am Baum oder der Flug der Löwenzahnsamen die Erlebensfähigkeit steigern. Für jede Lebenszeit und Todesnähe oder -ferne gilt die von Sterbenden betonte Tatsache, „daß man alle Möglichkeiten hat, solange man lebt – man kann sein Leben ändern, bis – aber nur bis – zum letzten Augenblick…..“. Einer der Todkranken gewinnt den Sinn für seine letzte Zeit ausdrücklich auch darin, seinen Nachkommen ein Vorbild für ein gutes, menschliches Sterben in diesem Sinne zu geben, damit sie mit weniger Ängsten an ihr Ende kommen können.

Juckt es mich auch?

Eigentlich nicht. Aber die Botschaften der Patientinnen und Patienten von Yolam sind bei mir angekommen und haben bestätigt, was ich irgendwie schon vermutete. Klar hab ich auf Friedhöfen mitgerechnet, wie alt die Menschen geworden sind, wie nahe die Geburtsdaten meinem kommen. Ein Bekannter sagte, als er wenig älter war als ich: „Die Einschläge treffen immer näher.“.

Aber echt mal, MICH doch nicht!!! Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber so genau ich rational weiß, dass auch ich sterben werde, erkenne ich mich wieder in der Schilderung jener, die irgendwo im Unbewussten so was wie einen Glauben an ihre individuelle Besonderheit verbergen, die sie von der allgemeinen Gesetzmäßigkeit ausnimmt, wieder. Yolam zitiert die entsprechenden Gedanken des Iwan Iljitsch, die bei Tolstoj beschrieben sind:

„Er, Iwan Iljitsch, …. War nicht ein x-beliebiger Mensch, sondern hatte von Geburt an seine besondere, ihn von allen anderen Menschen unterscheidende Eigenart gehabt. … Ja, Cajus ist wirklich sterblich, und es ist ganz in Ordnung, wenn er stirbt; aber bei mir, Iwan Iljitsch, dem einstigen Wanja mit all meinen Gefühlen und Gedanken, liegen die Dinge ganz anders. Es kann nicht sein, daß mir der Tod bestimmt ist. Das wäre ja entsetztlich.“ „Aber tief, tief in uns glaubt jeder von uns wie Iwan Iljitsch, daß das Gesetz der Sterblichkeit zwar für die anderen gilt, aber sicher nicht für uns.“

Ich fühle mich dabei schon ertappt. So einem Glauben an die individuelle Besonderheit bin ich z.B. auch bei einem alten Herrn begegnet, der einfach nicht glauben wollte, dass auch er mit über 90 nicht mehr wirklich Auto fahren kann. „Ich doch nicht!“ Und als die Kräfte nachließen: „Bei mir muss das aber doch noch gehen mit dem Laufen, ich brauch keinen Rollator!“ Tja, diese Sturheit kann das Schwächeln tatsächlich manchmal noch aufhalten. Mich interessiert es in diesem Zusammenhang als Beweis des Glaubens daran, dass man selbst ausgenommen sein könnte vom Verfall und letztlich auch dem Tod.

Ich kann mich ja eigentlich glücklich schätzen, dass es mich an dieser Stelle (noch?) nicht wirklich juckt. Trotzdem bin ich dankbar für die begründete Vermutung, dass mir ein erfülltes Leben die beste Voraussetzung für einen guten Tod bringen kann. Ich kann mir jetzt was dabei denken, wenn ich aus meinem Fenster und übern Dorfplatz hinweg in Richtung Kirche mit Friedhof schaue. Montaigne sagte nicht umsonst:

Man soll in einem Raum mit Aussicht auf einen Friedhof leben.


Literatur:

  • Yalom, Irvin D. (2000): Die Reise mit Paula. München: btb.
  • Yalom, Irvin D. (2004): Liebe, Hoffnung, Psychotherapie. München: btb.
  • Yalom, Irvin D. (2010): In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor den Tod überwindet. München: btb.
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