Der unmittelbare Anlass dafür, mir dieses Büchlein (Hanloser, Reitter (2008): Der bewegte Marx. Eine einführende Kritik des Zirkulationsmarxismus.) zum Geburtstag schenken zu lassen, sind unsere Zukunftswerkstatt-Kapitalseminare. Die Schrift bezieht sich explizit kritisch auf einen Kommentar zum „Kapital“, der in den derzeitigen Kapital-Lesekursen empfohlen wird (Heinrich, Michael (2008): Wie das Marsche Kapital lesen?). Dabei soll es um eine Auseinandersetzung mit einer Lesart des „Kapitals“ gehen, die ich seit Mitte der 90er Jahre von Robert Kurz kenne und die ich selbst als Bereicherung empfand und die in Kontexten, in denen ich mich beteilige, eine große Rolle spielt.
Robert Kurz unterscheidet in einem Text von 1995 („Der doppelte Marx…“ in: Kritische Philosophie gesellschaftlicher Praxis, Kassel 1995) zwischen einem „exoterischen“ Marx, der vor allem gegen Ausbeutung (als Abpressen des Mehrwerts) von einem „Arbeitsstandpunkt“ aus argumentierte und der geschichtlich auf den Klassenkampf setzte und einem bisher eher unbeachteten „esoterischen“ Marx, der eine „radikale Kritik der Basiskategorien warenförmiger Vergesellschaftung (Wertform, Geld)“ (158) entwickelt habe. Wenn wir uns die Aufeinanderfolge der Kategorien im „Kapital, I. Band“ vor Augen halten, so bewegen sich diese von der „Ware“ über den „Wert“ und das „Geld“ zum „Kapital“ und von hier aus weiter zur Analyse der spezifischen Rolle der Ware „Arbeitskraft“, der (absoluten und relativen) Mehrwertproduktion und zum Arbeitslohn. Der Vorwurf von Kurz besteht nun, vereinfacht ausgedrückt, darin, dass der bisherige Arbeiterbewegungs- und Traditionsmarxismus die Kritik am Kapitalismus erst an der Ausbeutung, der Aneignung des Mehrwerts festgemacht habe, aber an den Kategorien (und der Wirklichkeit) von Waren und Wert nicht gerüttelt hätte. Schließlich gab es auch im realen Sozialismus Warenproduktion. Die Kurzsche Kapitalismuskritik setzte also „weiter vorn“ an und meint damit auch radikaler vorzugehen, d.h. die ganze Wurzel zu erfassen.

Dies stimmt dann, wenn Marx tatsächlich mit seinen Anfangskategorien den tiefsten Grund der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur erfasst hat. Dann mag es ausreichen, sich kritisch auf diesen Anfangs-Grund zu beziehen und alle folgenden Texte von Marx (schließlich folgen noch 2 Bände, geplant hatte Marx insgesamt 6 Bände für das „Kapital“) nur als ausschmückende Konkretisierung, die nichts grundlegend Neues mehr bringen, aufzufassen.

Stutzig machen jedoch die Folgen dieser Betrachtungsweise: Robert Kurz ist dafür bekannt, dass er alle Widersprüche, die es im Kapitalismus gibt, als immanente Widersprüche interpretiert. Da gibt es keinen Ausweg mehr außer einem nur vom subjektiven Willen gespeisten Herausspringen aus dem System. Der Ausweg kann auf kein Moment eines Widerspruchs zählen, alle diese Widersprüche sind nur Ausdruck der Identität des Werts. Alles wird von der Wert-Vergesellschaftung bestimmt, die Arbeiter sind demnach nur am Erhalt ihres Arbeitsplatzes und einem größeren Anteil bei der Verteilung des Mehrwerts interessiert. Alle Denkformen unterliegen der Fetischisierung – nur Robert Kurz stand als Weiser mit stahlhartem Durchblick darüber und zerschmetterte regelmäßig Versuche, in der kapitalistischen Dynamik selbst sprengende Widersprüche aufzufinden und politisch zu nutzen.

Mit dieser Folge des Kurzschen Denkens möchten sich viele nicht zufrieden geben. Sie begeben sich weiterhin auf die Suche nach „Keimformen“ des Neuen im Alten. Dabei ist theoretisch nach wie vor nicht ausreichend durchdacht, auf welchem Boden diese „Keimformen“ keimen. Die Alternativen sind weiterhin:

a) Die „Keimformen“ entstehen, wenn überhaupt, völlig außerhalb der Kapitalverhältnisse: Es gilt, dass die kapitalistische Ordnung „an ihren eigenen, bis zu Ende getriebenen Widersprüchen in sich selbst zusammen [„stürzt“], ohne eine neue Gesellschaftsformation gleichzeitig hervorzubringen“ (Kurz 1986). Die „Freie Software“ scheint eine solche den Kapitalismus überwindende Praxis zu sein, die zwar auf den im Kapitalismus entwickelten technischen Möglichkeiten beruht, aber selbst außerhalb der „Wert-Vergesellschaftung“ steht. Andere „von außen“ kommende revolutionierende Impulse kommen von sozialen und ökologischen Bewegungen, die sich der neoliberal-kapitalistischen Akkumulation entgegen stellen. Als absolute Grenze für die weitere „Verwertung von Wert“ wirkt schließlich die ökologische Verwüstung, besonders auf Grund des Klimawandels. Politische Kräfte für dieses Feld formieren sich erst.

Letztlich lassen sich auch diese Negationen als Negationen DES Kapitalismus bestimmen, denn außerhalb dieser negierenden Beziehung wären sie gleichgültig. Dass sie sich ALS (scheinbar) Äußeres zeigen, beweist, dass die zu betrachtende Einheit größer ist als vorher angenommen. Die Menschen in Commonsbewegungen etwa wehren sich gegen die Übernahme der kapitalistischen Gesellschaftsform in bestimmten Bereichen; die ökologischen Grenzen existieren nur in Bezug auf die expansivistische Kapitalakkumationsdynamik. Der Widerspruch, der erst ein äußerer zu sein schien, ist in Wirklichkeit ein innerer. Dies führt zu b) bzw. c).

b) Die „Keimformen“ entstehen als Moment eines Widerspruchs im Kapitalismus und sie sind verankert im Widerspruch von Gebrauchswert und Tauschwert von Gütern, eventuell von speziellen (neuen) Gütern, die im Kapitalismus erzeugt werden, aber den Warencharakter sprengen („Universalgüter“; Meretz 2007).
Einen anderen Bezug auf den Widerspruch von Gebrauchswert und Tauschwert entwickeln Kurz (1986) und Ortlieb (2008). Sie verweisen darauf, dass die Produktion von relativem Mehrwert unmittelbare lebendige Produktionsarbeit minimiert und damit die einzige Quelle der Wertschöpfung reduziert (Kurz 1986: 28).

c) Die „Keimformen“ entstehen als Moment eines Widerspruchs im Kapitalismus, verankert (in den später entwickelten Kategorien) im Widerspruch zwischen Klassen, dessen Grundlage die Besonderheit der Ware Arbeitskraft darstellt.

Es ist eingängig, das Ende der realsozialistischen Länder und den Niedergang der Arbeiterbewegung mit der theoretischen Abkehr von der Möglichkeit c) zu beantworten. Dabei werden oft die dogmatisierten Interpretationen von „Arbeitermarxismus“ als die einzig möglichen gesehen und verworfen. Der Rückzug auf die „Neue Deutsche Wertkritik“ (wie Hanloser und Reitter die Theorie von Kurz bezeichnen) vereinfacht die Sache. Er entbindet von den enttäuschenden und kräftezehrenden konkreten Auseinandersetzungen in den widersprüchlichen Bewegungen und adelt den eigenen Rückzug als theoretischen Fortschritt.

Dagegen argumentieren Hanloser und Reitter. Sie nehmen dabei interessanterweise gar nicht so viel Bezug auf Kurz und seine AnhängerInnen, sondern zeigen dieselben Argumentationsmuster bereits bei Jürgen Breuer (z.B. in „Die Krise der Revolutionstheorie“ von 1977) auf.

Der Rückbezug und die Reduktion auf die ersten drei Kapitel des ersten Bands des „Kapitals“ verfällt selbst dem Äquivalentenfetisch. „Das soziale Verhältnis erscheint als Werteigenschaft der Ware.“ (Hanloser, Reitter 2008: 30) In diesen Anfangskapitel wird lediglich die „Oberfläche der Zirkulation“ dargestellt, „die als geldvermittelter Tausch von Äquivalenten durch Gleiche und Freie erscheint und erscheinen muß“ (ebd.: 5). Wer die Hegelsche Dialektik kennt, wird erkennen, dass mit diesem Anfang der Gegenstand nur in abstrakter Weise als undifferenzierte Identität, das heißt bewusst in Abstraktion von Unterscheidungen und Entgegensetzungen, genommen wird. Dabei ist für ein dialektisches Verständnis von vornherein ausgemacht, dass diese abstrakte Einheit nur ein völlig ungenügendes Durchgangstadium des begreifenden Erkennens sein wird. Zwar steckt in diesem Anfang das zu Entwickelnde tatsächlich schon drin, aber nur in seiner oberflächlichsten Form, die einer tieferen Begründung erst zugänglich wird, wenn auf die weiteren Schritte nicht verzichtet wird, nämlich die Untersuchung der wesentlichen Widersprüche und schließlich das Begreifen der Einheit der Widersprüche und der Identität. Ohne solche metaphilosophischen Bezüge zeigen Hanloser und Reitter, dass Marx mit Beginn des 4. Kapitels im „Kapital“ die oberflächliche Ebene der adäquaten Zirkulation verlässt und als tiefere Fundierung dieser erscheinenden Äquivalenz eine wesentliche Ungleichheit ausmacht. Mit dem Wechsel von der Ebene der Zirkulation in jene der Produktion (von Kapital) verkehren sich alle Verhältnisse in ihr Gegenteil:

„Aus Gleichen und Freien werden Ungleiche, der Äquivalententausch kippt in die Aneignung unbezahlter Mehrarbeit, das Wertgesetz erweist sich als Moment des Klassenkampfs.“ (ebd.)

Diese Verkehrung wird vom sog. „Zirkulationsmarxismus“ übersehen oder geleugnet. Damit bleibt er selbst dem Fetischismus verfangen: Er macht die Vermittlungen unsichtbar, er übersieht das gesellschaftliche Verhältnis in der erscheinenden Werteigenschaft der Ware (vgl. ebd.: 30).

Das zeigt sich auch in der verdinglichenden Überbetonung der erscheinenden Herrschaft der Sachen über Menschen. Übersehen wird, dass die „sachliche Herrschaft“ bei Marx nicht wirklich eine Herrschaft von Sachen über Menschen annimmt, sondern dass dieser von einer Herrschaft von Menschen über Menschen durch sachliche Mittel spricht (ebd.: 17). Zwar ist die Herrschaft nicht mehr unmittelbar, sondern benutzt ökonomische Mittel, aber es geht nicht um die Macht der Mittel, sondern um die „Macht des Kapitalisten durch diese Sache“ (MEW 25: 274).

Das Fetischkapitel (MEW 23: 85-98) fasst den bis dahin im Fortlauf der Argumentation erreichten Stand zusammen und spitzt ihn zu.

„Der Fetischcharakter besteht im Kern darin, dass die Genese der Produkte, die Produziertheit der Warenwelt und die sozialen Produktionsbeziehungen vergessen werden. Der Warenfetischismus besteht im Unsichtbarwerden der Vermittlungen. Das soziale Verhältnis erscheint als Werteigenschaft der Ware.“ (Hanloser, Reitter 2008: 30)

Dass die sozialen Beziehungen vergessen werden, ist kein subjektiver Makel, sondern entspricht der gesellschaftlichen Praxis voneinander isolierter Privatproduzenten. Deshalb sind die damit verbundenen Gedankenformen objektiv (MEW 23: 90). Wenn dabei stehen geblieben wird, ergibt sich das erwartete Ergebnis: „An den Marktverhältnissen zwischen Warenbesitzerinnen lassen sich überschreitende, den Kapitalismus transzendierende Dynamiken auch nicht darstellen, ja es lässt sich überhaupt keine Dynamik darstellen.“ (Hanloser, Reitter 2008: 58)

Genau deshalb beendet Marx sein Buch nicht nach 100 Seiten, sondern er begründet ein Denken, bei dem das Folgende immer eine tiefere, weiter reichende Wahrheit ist, als das Vorherige. Er folgt nicht einer Logik, bei der aus den Grundprinzipien alles Weitere nur noch abgeleitet würde. Marx arbeitete ähnlich wie Hegel in seiner dialektischen „Logik“, die Johann Erdmann kurz und knapp so zusammenfasst:

„Dies geschieht, indem der Gegenstand zuerst genommen wird, wie er ist, dann wie er sich widerspricht, endlich wie er die concrete Identität der Entgegengesetzten ist.“ (Erdmann 1864: § 15: 8-9)

Erst mit der „konkreten Identität“, also dem Ganzen, dessen Bewegung auf der eigenen Widersprüchlichkeit beruht, ist die höchste Erkenntnisform erreicht, die Feststellung der einfachen Identität im Sinne: „Der Wert ist der Wert ist der Wert…“ ist lediglich der einfache Ausgangspunkt.

Dass der „Wert ist der Wert ist der Wert“ gilt, wie der Zirkulationsmarxismus geradezu als ewiges Mantra wiederholt, wurde dabei einerseits als objektive Gedankenform nachgewiesen, andererseits kommt es nun gerade erst darauf an, diesen verdinglichenden Schein zu verflüssigen, die Identität als Gegensatz aufzuweisen. Dies geschieht im Übergang der Analyse vom Sein des Kapitals zum Wesen des Kapitals mit Beginn des 4. Kapitels des I. Bandes des „Kapitals“.

Mit diesem Kapitel überschreitet Marx auch die bloße Wertkritik, indem das Kapital zum neuen Gegenstand seiner Darstellung und Kritik wird. Nicht in der Bewegung des Werts, sondern nur in der Bewegung des Kapitals lässt sich der Gesamtprozess darstellen, denn „seinem Begriff nach“ ist erst das Kapital die Einheit des Widerspruchs zwischen Produktion und der Verwertung (MEW 42: 328). Ich kann rein sprachlich auch von „Wertproduktion“ und „Wertverwertung“ statt von „Kapitalproduktion“ und „Kapitalverwertung“ sprechen. Ich würde dabei aber verwischen, dass das Kapital von vornherein nicht als einfaches Verhältnis, sondern „als ein Prozess, in dessen verschiednen Momenten es immer Kapital ist“ (MEW 42: 183) zu begreifen ist. Während ich über die Bewegung der (Tausch-)Werte auch ohne ihre Produktion sprechen kann (also von der Produktion abstrahiere), kann ich das beim Kapital nicht mehr – hier ist auch der Kreislauf des Geldkapitals (zu Beginn des „Kapitals“ Bd. II) nur als Moment des Gesamtprozesses zu verstehen.

Wenn ich frage, wo der Mehrwert herkommt, muss ich die Ebene der Produktion einbeziehen und dies geht nur, wenn ich den Prozess des Kapitals untersuche, nicht den des Werts (außer wenn ich eine bloße Wortübertragung verwende, in dem ich mir den Produktionsprozess des Kapitals implizit denke, aber es explizit nur umbenenne).

Der inhaltliche Unterschied besteht darin, dass ich allein bei der Betrachtung der Kapitalbewegung das Besondere der Ware Arbeitskraft erfassen kann und damit die Quelle des Mehrwerts:

Der „besondre Prozess der Aneignung der Arbeit von Seiten des Kapitals“ „ist ein qualitativ vom Austausch verschiedner Prozeß, und es ist nur by misuse, daß er überhaupt Austausch irgendeiner Art genannt werden könnte. Er steht direkt dem Austausch gegenüber; wesentlich andre Kategorie.“ (MEW 42: 200-201)

„Nicht der Austausch, sondern ein Prozeß, worin er ohne Austausch vergegenständlichte Arbeitszeit, d.h. Wert erhält, kann ihn allein zum Kapitalisten machen.“ (MEW 42: 243)

Deshalb heißt Marxens Hauptwerk „Das Kapital“ und nicht „Der Wert“ und die dadurch analysierte Gesellschaftsform „Kapitalismus“ und nicht „Wert-Vergesellschaftung“.

Politisch bedeutsam ist diese Unterscheidung deshalb, weil sie die Aneignung des Arbeit von Seiten des Kapitals und den Widerstand gegen diese Aneignung als zusätzliches neues Kampffeld einführt. Unter der Wertperspektive ist „alles Eins“ – auch die Arbeiter kämpfen „nur“ um die möglichst hohe Veranschlagung ihres Werts innerhalb des Austauschs.

„An den Marktverhältnissen zwischen Warenbesitzerinnen lassen sich überschreitende, den Kapitalismus transzendierende Dynamiken auch nicht darstellen, ja es lässt sich überhaupt keine Dynamik darstellen.“ (Hanloser, Reitter 2008: 58)

Hanloser und Reitter unterscheiden demgegenüber zwischen jeweils allgemeinen, tendenziellen Gesetze, die die innere „Logik“ der Reproduktion der Gesellschaftsform in sich tragen und den jeweils historisch spezifischen Kämpfen, die die jeweils konkrete Existenzformen bedingen und letztlich auch die Möglichkeit der Aufsprengung der „Logik“ enthalten. So reproduziert sich im Kapitalismus immer wieder Kapital, aber dass das Arbeitsvermögen weiterhin als Quelle der Werterzeugung wirkt, muss immer wieder neu politisch durchgesetzt werden. Wenn es z.B. ein Existenzgeld gäbe, wären die Menschen nicht mehr dazu gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Ob es Existenzgeld geben wird, ist deshalb ein noch offener Kampf. Wenn diese Existenzgeldvorstellungen sich nicht auf die Konsumebenen beschränken würden, sondern die Verfügbarkeit von Produktionsmitteln zum Inhalt hätte (was sich ja noch ändern kann), wären die Voraussetzungen für einen funktionierendes Kapitalverhältnis, die von Produktionsmitteln „befreiten“ Arbeitskräfte, aufgehoben.

Die lebenden, für die Erzeugung ihrer Lebensbedingungen tätigen Menschen überschreiten zumindest der Möglichkeit nach ihre Formierung als kapitalistische Arbeits- und Konsumkräfte. Hanloser und Reitter schließen daraus:

„Das Grundproblem der Kapitalherrschaft besteht darin, dass die lebendige Arbeit unterworfen, kontrolliert, gegängelt werden muss, das[s] Kapital die lebendige Arbeit seinen Verwertungsinteressen unterwerfen muss, aber zugleich nicht jede Eigeninitiative, jede Spontaneität, jedes autonome Agieren und Reagieren einfach ersticken darf.“ (Hanloser, Reitter 2008: 20)

Wir nennen dies aus der Sicht des Individuums auch Widerspruch zwischen Selbstentfaltung und Selbstverwertung. (vgl. Meretz, Schlemm 2001) Die eigene Lebenspraxis zeigt, dass der Produktionsprozess durch das beständige Schaffen von Frustation und Leiden auch die Möglichkeit zum Widerstand schafft. (Hanloser, Reitter 2008: 24)

Auch Hanloser und Reitter gehen davon aus, „dass in der Dynamik der kapitalistischen Klassengesellschaft der Keim einer neuen, freien Gesellschaft stecken muss“ (ebd.: 7). Wenn sie allerdings davon ausgehen, „dass sich in einer kommunistischen Gesellschaft das Problem der Ressourcen- und damit der Zeitknappzeit gar nicht mehr stellt“ (ebd.: 61), so ist das für die nächste Zukunft angesichts der globalen Probleme des „Peak Everything“ und der zerstörten klimatischen und ökologischen Stabilität in Frage zu stellen.

Der Keim einer neuen Gesellschaftsform beruht auf neu herangewachsenen Bedingungen, die auf neuen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen als Quelle aller produktiven Kräfte beruhen. Wenn diese Aktivitätsformen finden, die nicht das Kapital reproduzieren, sondern die eigenen Lebensbedingungen ohne „Dazwischentreten“ von Wert und Kapital als Vermittlungsformen reproduzieren können, wird die Gesellschaftsform „Kapitalismus“ zur überwundenen Geschichte.

Literatur:
Erdmann, Johann Eduard (1864): Grundriss der Logik und Metaphysik. Halle.
Hanloser, Gerhard; Reitter, Karl (2008): Der bewegte Marx. Eine einführende Kritik des Zirkulationsmarxismus. Unrast-Verlag. Münster.
Kurz, Robert (1986): Die Krise des Tauschwerts. Produktivkraft Wissenschaft, produktive Arbeit und kapitalistische Reproduktion. Marxistische Kritik, Nr. 1. S. 7-48. In Internet: (abgerufen 12.03.2009)
Marx, Karl (MEW 23): Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie. Erster Band. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke Band 23, Berlin: Dietz-Verlag 1988 (nach der vierten, von Friedrich Engels durchgesehenen und herausgegebenen Auflage 1890).
Marx, Karl (MEW 25): Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie. Dritter Band. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke Band 25, Berlin: Dietz-Verlag 1989.
Marx, Karl (MEW 42): Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Band 42. Berlin: Dietz Verlag 1983.
Meretz, Stefan (2007): Der Kampf um die Warenform. Wie Knappheit bei Universalgütern hergestellt wird.
Meretz, Stefan; Schlemm, Annette (2001): Zwischen Selbstverwertung und Selbstentfaltung
Ortlieb, Claus Peter (2008): Ein Widerspruch von Stoff und Form. Zur Bedeutung der Produktion des relativen Mehrwerts für die finale Krisendynamik.

P.S. Ich beende diesen bereits 2011 begonnenen Text, ohne dass mir das Hanloser-Reitter-Büchlein zum Nachlesen zur Verfügung steht, weil meine Bibliothek noch nicht fertig ist. Ich hoffe, dass meine Notizen den Inhalt ausreichend korrekt wiedergeben.

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