In der Debatte um den Vorrang von Kapital oder Herrschaft zwischen Stefan Meretz (SM) und Andreas Exner (AE) umkreisen AE und SM immer wieder die Frage der Bedeutung von sachlicher Vermittlung und persönlicher Herrschaftsausübung in den kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnissen. SM betont die Verselbständigung der sachlichen Vermittlung (Kapitalakkumulationszwang) – AE dagegen die persönlichen Handlungen von Menschen. Diese Frage ist auch enthalten im sogenannten Fetisch-Kapitel des „ Kapitals“ von Marx, in dem es um die Spiegelung des gesellschaftlichen Verhältnisses als ein außerhalb der Menschen existierendes Verhältnis von Gegenständen geht. (Die ausführliche Argumentation dazu gibt’s als pdf.)

Im Verhältnis Herrschaft – Kapital zeigt sich, dass kapitalistische Verhältnisse eine besondere Form von Herrschaftsverhältnissen sind. Diese wiederum sind besondere Formen von gesellschaftlichen Verhältnissen. Das bedeutet, dass wir drei verschiedene Ebenen der Allgemeinheit auseinander halten müssen.

I) Gesellschaftliche Verhältnisse (liegen in allen menschlichen Gesellschaften vor, sind in dieser Allgemeinheit nicht gesellschaftsformspezifisch bestimmt).
II) Gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse (menschliche Gesellschaften, in denen die Beziehungen der Menschen untereinander dadurch bestimmt sind, dass einige Menschen über das Verhalten von anderen Menschen bestimmen können).
III) Kapitalistische Verhältnisse sind dadurch bestimmt, dass die Herrschaft vermittelt wird durch den Prozess der Kapitalakkumulation.

Im Sinne der übergreifenden Allgemeinheit steht die Herrschaft „über“ der besonderen kapitalistischen Herrschaftsform. Allerdings ist die kapitalistische Gesellschaftsform als herrschaftsförmige Gesellschaft nicht ausreichend spezifisch charakterisiert. In der Debatte zwischen AE und SM betont AE die Ebene II) und SM die Ebene III). AE hat recht, wenn er die herrschaftlichen Aspekte im Kapitalismus, insbesondere die über den Kapitalismus hinausreichenden , für unsere Strategie als weiterhin wesentlich im Auge behält – aber SM hat Recht, wenn er einfordert, die Spezifik der kapitalistischen Verhältnisse zu analysieren, um Ansatzpunkte für die Kritik dieser Verhältnisse und Neuanfänge nach ihnen zu suchen.

Sachlich vs. gesellschaftlich

Die Frage ist nun, ob die Besonderheit des Kapitalismus (Ebene III), also die versachlichte Eigenlogik der Kapitalakkumulation, den Herrschaftsaspekt (II) und auch die kapitalistischen Verhältnisse als gesellschaftliche Verhältnisse so stark in den Hintergrund treten lässt, wie es SM gegen AE behauptet. SM zitiert dazu Marx mit Formulierungen, wonach „die Individuen von den Abstraktionen beherrscht werden“ und meint, dass der „Wert tatsächlich und nicht nur scheinbar ein Verhältnis von Dingen“ sei und auch das Klassenverhältnis „als sachliches Abhängigkeitsverhältnis zu begreifen“ sei.

Nehmen wir dazu den Kernsatz des Fetischkapitels:

„Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen.“ (MEW 23: 86)

Spiegelmetapher 6

Das, was gespiegelt wird, ist hier das gesellschaftliche Verhältnis, der gesellschaftliche Charakter der Arbeit. In der Warenform, d.h. in einer Gesellschaft, in der die Menschen sich aufeinander über Waren beziehen, wirkt diese Form als Spiegel und ihre eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse werden ihnen zurückgespiegelt als „gesellschaftliche Natureigenschaften der Dinge“, d.h. ein „außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen“.

Bei einem solchen Spiegelverhältnis gibt es zwei Betrachtungsweisen:

  • Schaut man bloß noch auf den Spiegel, so sieht man nur das Spiegelbild. Die kapitalistischen Verhältnisse werden bloß noch als Verhältnisse von Gegenständen gesehen –-genau das ist die fetischisierende Betrachtungsweise. Da wir unser Leben innerhalb dieser Spiegelwelt fristen, ist diese Sichtweise die praktisch nahe gelegte, die spontan sich einstellende.
  • Von außen dagegen bleibt sichtbar, dass das Spiegelbild zwar eine reale Folge der Spiegelung ist („objektiv“), aber es offenbart sich als das Spiegelbild eines anderen Objekts („Schein“). Die „gegenständliche[n] Charaktere der Arbeitsprodukte“ sind Erscheinungen der gesellschaftlichen Charaktere der Arbeit im Kapitalismus. Diese zu enthüllen, war der Anspruch der Marxschen Arbeit in ihrer Einheit von Darstellung und Kritik.

Zwar ist „die persönliche Beziehung […] versteckt durch die sachliche Form“ (MEGA II.5: 46), aber wenn etwas nur versteckt ist, ist es noch längst nicht wirklich verschwunden. Dass es bei Marx auch Sätze gibt, die anscheinend diesen Eindruck erwecken (wie den mit den herrschenden Abstraktionen) zeigt nur, dass auch er mitunter nur die Erscheinungen nennt. Die gesamte Systematik seiner Argumentation zeigt jedoch das Anliegen der Aufdeckung der Gesellschaftlichkeit hinter bzw. in der Versachlichung.

Die fetischisierenden Formen sind existierende Erscheinungen, aber sie sind Erscheinungen eines gesellschaftlichen Wesens, das nur gedanklich zu enthüllen ist. Erscheinendes Wesen, bzw. wesentliche Erscheinung sind in der Hegelschen Philosophie übrigens bestimmt als „Wirklichkeit“. Die Wirklichkeit beinhaltet gerade die Einheit von Gesellschaftlichkeit und von deren Verkehrung in der Versachlichung. Jede Leugnung einer Seite zerstört die Wirklichkeitserkenntnis.

Dass die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht in der Versachlichung verschwinden, löst noch nicht vollständig die in der Debatte in einer Zwischenüberschrift genannte Kontroverse „sachlich vs. personal“. Hier ist zusätzlich zu unterscheiden zwischen Verhältnissen und Verhalten, dies ist eine Frage, die in jeder Gesellschaftsform steht, nicht nur im Kapitalismus. Die menschliche Gesellschaft bildet immer eine emergente Struktur gegenüber dem Verhalten der einzelnen Menschen, sonst könnte sie nicht jenes Möglichkeitsfeld aufspannen, in dem Menschen sich individuell verhalten können (siehe Konzept der Gesellschaftlichkeit der „Kritischen Psychologie“).

Hier entsteht die neue Frage nach den Möglichkeiten individuellen Verhaltens in gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen diese „die Form eines gesellschaftlichen Verhältnisses der Arbeitsprodukte“ annehmen.

Ich habe bei diesen Überlegungen festgestellt, dass ich der Berufung auf die Gesellschaftlichkeit gegenüber der Versachlichungslogik durch AE zustimme, während ich eine genauere spezifische Charakterisierung der Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus für notwendig erachte. Dabei käme es mir auf die genaue Charakterisierung der widersprüchlichen Momente an (die über die Betonung der Sachzwanglogik, die SM anführt, hinaus ginge).

Meine Überlegungen in der ausführlichen Datei sind letztlich überkomplex, aber sie mögen vielleicht helfen, unterschiedliche Betrachtungsebenen genauer zu differenzieren (z.B. in den Ebenen I…III und die Unterscheidung zwischen Verhältnissen und Verhalten…).

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