Ich lese derzeit nur über die „Weltgeschichte“… aber gleichzeitig lebe ich selber in spannenden Zeiten. Da gelingt es doch tatsächlich, in Jena den Verkauf und Bebauungsplanung für den zentralen Platz durch eine durch eine Bürgerinitiative erkämpfte Bürgerbefragung zu Fall zu bringen. Hartnäckiges Engagement lohnt sich und ist unbedingt notwendig, um wichtige Entscheidungen zu beeinflussen.

Freiheit für Josef

Nicht weniger entscheidend ist der Kampf gegen alle rechten Tendenzen. Was der „Akademiker-Ball“ in Wien mit so was zu tun hatte, musste ich auch erst mal lernen. Früher hieß der „Korporationsball“ und die Burschen, die sich hier versammeln, sind nicht irgendwelche Burschenschaftler, sondern die „Freiheitliche Partei“, die im Impressum für den „Akademiker-Ball“ wirbt, gilt als „rechtspopulistische“ Partei und rechte Politiker_innen wie Marine Le Pen und NPD-Vertreter sind gern gesehene Tänzer_innen. Die Gäste aus Deutschland betonen die Bedeutung des für Rechte freien Raumes in Österreich: „In Österreich ist einfach vieles möglich, was in Deutschland nicht geht.“ (taz) Die Gäste des Balls werden als „Leistungsträger der Gesellschaft“ tituliert. Na prima.

Natürlich wollen die nicht nur tanzen. Es geht um die Botschaft: „Wir sind es, die zu bestimmen haben!“ Und nicht alle wollen sich derart bestimmen lassen, erst recht nicht von Rechten. Deshalb gibt es traditionellerweise mehr oder weniger radikale Proteste von eher linksorientierten Menschen gegen diese Bälle. Jahr für Jahr…. Und genau so wie Gäste aus der Bundesrepublik kommen, finden auch viele Menschen aus der BRD es wichtig, in Österreich wie auch überall den Rechten keinen Fußbreit Boden zu lassen… weder zum Tanzen noch zum Agitieren noch zu sonstwas.

Das meinte wohl auch Josef, als er sich auf den Weg nach Wien machte. Bis heute ist er nicht zurück gekehrt, sondern er sitzt seit diesem Tag im Knast. Ich dachte mir sogar auch erst mal nichts weiter dabei, als ich davon hörte, weil ich eigentlich aus den „Schwarzen Blöcken“ niemanden kenne, obwohl ich auch schon von der Polizei bei einer Demo (gegen Kernkraft) so verletzt wurde, dass ich bis heute mein Handgelenk nicht wieder belasten kann, auch wenn ich schon bei einer Antinazidemo von heranstürmenden Polizeihorden mit meiner Essenschale in der Hand einfach umgerannt wurde, auch wenn ich schon mal meine Personalien nach einer ganz harmlos-bürgerlichen Latschdemo, ohne dass irgend etwas vorgefallen wäre, abgeben musste.

Aber Josef… ich kenne seine Schwester. Sie ist eine Schulfreundin meiner Tochter. Ich kenne die Familie. J.S. ist nicht mehr nur irgend einer, der da vielleicht über den Strang geschlagen hat. Ich habe mich, soweit das möglich ist, erkundigt und erfahren, dass es nicht Josef war, der Scheiben eingeschlagen hat, oder gewalttätig unterwegs war (und sogar wenn es es wäre – es kriegen viele wegen viel weniger kaum Strafe). Aber ihn haben sie sich gekrallt. Er hatte wohl etwas zu Auffälliges an…

Seit vielen Wochen sitzt er nun schon in Haft, seine Prüfungstermine im Studium gehen vorbei, er darf keine Studienmaterialien besitzen, er hatte wochenlang eine Kontaktsperre. Sein Beispiel soll Härte demonstrieren, soll die politische Gegenwehr grundsätzlich kriminalisieren.

Als sie mich von einer Sitzblockade wegtrugen, und mir das Handgelenk schmerzhaft verdrehten, strampelte ich vor Schmerz mit den Beinen. Was wurde mir gesagt? „Passen Sie auf, wir haben Sie gleich wegen Gewalt gegen uns dran!!!“ (an meinen Beinen zerrten ja auch Polizisten).

So schnell kanns gehen!!!

Sage keiner, das passiere nur den „Extremisten“!

Es gibt da so ein Spruch von Martin Niemöller:

„Als sie die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen – denn ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialisten und Gewerkschafter geholt haben, habe ich geschwiegen – denn ich war ja keins von beiden. Als sie die Juden geholt haben, habe ich geschwiegen – denn ich war ja kein Jude. Als sie mich geholt haben, hat es niemanden mehr gegeben, der protestieren konnte.”

Schweigen wir nicht mehr, wenn sie jemanden wie Josef holen…!!!

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