Keimform

Franz Schandl bezieht sich schon mit dem Titel seines Beitrags „Kein Form!“ kritisch auf die Selbstbezeichnung eines politisch-theoretischen Konzepts namens „Keimform“, welches im neuen Heft der Zeitschrift „Streifzüge“ vorgestellt wird. Genau diese Kritik ist auch in Form des Backförmchens auf dem Titelbild „versteckt“.

Franz Schandl unterstellt gleich auf der zweiten Zeile eine enge Verbindung von Form und Norm. Seiner Meinung nach bedeutet „Umwälzung […] Entstrukturierung, nicht die Installation neuer Formgesetze“.

Schauen wir uns an, was er unter „Form“ versteht: Form sei „verdichteter Inhalt“, so wie Inhalt „auseinander-gelegte Form“ sei. Und dies gelte für die Zeiten des Kapitalismus und sei ebenso historisch (veränderbar, abschaffbar) wie dieser.

Der weitere Text verdeutlicht sein „Unbehagen“ an diesem Formbegriff und ergänzt weitere Punkte des Missfallens, die genau so wenig greifbar werden, wie die eben genannten Stichworte. Man kann schlecht argumentieren gegen solche Äußerungen. Manche Vorbehalte zeigen sich beim Lesen der anderen Texte des Heftes sicher bald als selbst gesetzte Strohmänner.

Aber ich möchte die Gelegenheit nutzen, auf den Formbegriff zurück zu kommen. Ich denke, dass wir es uns nicht so einfach mit ihm machen sollten: „Er transportiert auch Bedeutungen, die uns nicht passen – also weg damit“. Die von Franz Schandl genannten Definitionen kenne ich nicht, kann mich deshalb auch nicht darauf beziehen. Ich weiß nur, dass wir im Kontext der „Keimform“-Debatten durchaus schon über diesen Begriff diskutiert hatten (recht früh z.B. hier). Er ist wirklich nicht trivial und wie wir sehen, kann man sich vieles dabei vorstellen und das ist nicht bei allen, die den Begriff verwenden, das Gleiche.

Franz Schandl sieht vor allem eine enge Verbindung zur „Norm“. Damit steht er in der Tradition von Platon, der die Formen als unveränderliche Ideen auffasste, die auf das vorher gestaltlose sog. Aufnehmende aufgeprägt werden. Dies entspricht dem Backförmchenbild. Aber dabei ist die Geschichte des Denkens nicht stehen geblieben.

Eine kurze Recherche allein bei Zeno.org kann weitere Begriffsmomente aufzeigen. So vermerkt Meyers Großes Konversations-Lexikon, die Form kennzeichne die Art und Weise, wie die Teile eines Ganzen zu diesem verbunden sind. Nur das gänzlich Einfache, Teillose sei formlos. Eislers Wörterbuch der philosophischen Begriffe sieht das ähnlich. Die Form wird hier als die „Art und Weise des Zusammenhangs, der Verknüpfung von Teilen in einem Ganzen“ verstanden. Im Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon wird darauf verwiesen, dass die Form, wenn sie als „Gestalt eines Gegenstands“ aufgefasst wird, im Bereich des Natürlichen jeweils festgelegt sei, während sie im Bereich der Dinge, die Menschenwerk sind, veränderbar sind. „Formlos ist im Grunde nichts….“.

Immer wieder tauchen zwei Sichtweisen auf den Formbegriff auf: Das sind einerseits die Platonischen Formen, die wie Gußformen dem Stofflichen seine Gestalt geben. Andererseits gibt es die eher an Demokrit orientierte Formbestimmung, bei der die innere Struktur (bei Demokrit der Atome) die äußere Form von Gegenständen bestimmt.

Hegel vereint diese beiden gegensätzlichen Aspekte. Er bestimmt die Kategorien „Materie/Stoff“, „Form“ und „Inhalt“ so, dass Materie und Form als voneinander unterschiedene Momente des Inhalts gedacht werden können. Wenn man sich die Form nur als das Aktive gegenüber der Materie vorstellt, so ist das einseitig, denn „[d]ies, was als Tätigkeit der Form erscheint, ist […] ebensosehr die eigene Bewegung der Materie selbst“ (Hegel, Wissenschaft der Logik II, HW 6, S. 92; kursiv AS). Materie ist dabei unbestimmt, d.h. nichts Wirkliches. Zum Inhalt wird sie durch eine Bestimmung, die ebensowohl als Selbstbestimmung wie als Bestimmung durch die Form gedacht werden kann.

Etwas Formloses wäre inhaltsleer, bloß unbestimmte, also niemals wirkliche, sondern nur abstrakt denkbare Materie. Man kann sich etwas denken, das von allen konkreten Bestimmungen entleert ist. „Die Gesellschaft“ ist solch ein Abstraktum, das es so niemals wirklich gibt. Es lassen sich aber unterschiedliche Weisen unterscheiden, wie Menschen in unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Regionen ihre gesellschaftlichen Beziehungen wirklich leb(t)en. In dieser Verschiedenartigkeit lassen sich Gruppierungen finden, wenn sich zeigt, dass bestimmte typische Strukturierungsprinzipien dieselben sind. Familienclans geben beispielsweise vor, wie es zu laufen hat. Oder es gibt Könige, die regionale Machtzentren führen. Oder das Kapital bestimmt, was und wie produziert und gelebt wird. Der Inhalt ist dann z.B. „das Königstum“ oder „Kapitalismus“. Vielleicht gibt es auch einmal gesellschaftliche Verhältnisse, in denen die Menschen ohne „äußere“ Zwangsstrukturen jeweils selbstbestimmt und auch sehr flexibel freie Vereinbarungen eingehen und zeitweise Regeln für den Umgang mit gemeinsamen Ressourcen vereinbaren. Ich finde es durchaus sinnvoll und nicht „normierend“, diese unterschiedlichen Weisen des gesellschaftlichen Umgangs miteinander „Gesellschaftsformen“ zu nennen. Nur Platonisten interpretieren dies so, dass eine vorgängige normierende Form auf etwas ansonsten Freies gepresst würde.

Das Wort „Form“ dient dabei der Möglichkeit, bestimmte inhaltliche Bestimmungen gegenüber anderen abzugrenzen. Tatsächlich werden innerhalb einer Form immer noch viele einzelne konkrete Vorgänge zusammengefasst, denn wir schauen auf das menschliche Tun ja nicht nur wie auf das Gewimmel in einem Ameisenhaufen (bei dem wir letztlich ziemlich starre Regeln finden würden, wenn wir genau hinschauen).
Wozu brauchen wir also den Formbegriff? Zur Charakterisierung von bestimmten Inhalten gegenüber anderen. Es geht einerseits um die innere Bestimmung und andererseits um die dadurch gegebene Unterscheidung gegenüber Anderem.

Gesellschaftliche Verhältnisse, in denen alle Verhältnisse umgeworfen sind, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx MEW 1: 385), sind immer noch konkrete Verhältnisse, die sich durch genau diese inhaltliche Bestimmung von den anderen unterscheiden, also eine Form der Gesellschaftlichkeit gegenüber den anderen auszeichnet.

Warum sollten nur die herrschaftlichen Ausbeutungs- bzw. Klassengesellschaften als Gesellschaftsformen bezeichnet werden, der hoffentlich mögliche zukünftige freie gesellschaftliche Zustand aber nicht? Damit wir nicht selbst in die Rolle von Platons Demiurgen verfallen, und uns als Form-Aufzwinger verhalten? Dies wäre magisches Denken (weil wir einen Begriff verwenden, der nach Platon so wirkt, müssen und werden wir uns auch so verhalten)!

Die Negierung des Formbegriffs verleugnet auch eine wichtige Aufgabenstellung. Schandl schreibt im Untertitel: „Wir haben nichts zu erfüllen, außer uns selbst“. Natürlich. Aber um genau dies tun zu können, müssen wir neue Formen des Miteinanders entwickeln.

Alles formlos, d.h. unbestimmt lassen können wir nur im Abstrakten, solange wir nur theoretisieren. Das konkrete Leben bedarf dann aber der konkreten Bestimmung. Wir müssen bestimmen, was wir tun und lassen, und diese Bestimmungen formen unser Zusammensein, unsere gesellschaftliche Welt. Außer Platonisten denkt wohl niemand in diesem Zusammenhang an eine ewige Festlegung und Bindung bei der jeweils konkreten Formierung unseres Tuns. Jede Bestimmung braucht Formierung, eine Form ist „das einheimische Werden des konkreten Inhalts selbst“ (Hegel Phänomenologie des Geistes, HW 3, S. 55). Form und Inhalt sind nur zwei unterschiedliche Perspektiven auf die Bestimmtheit des Seienden: Die Sicht auf den Inhalt betont die innere Gliederung des Gegenstands, die Sicht auf die Form betont die Selbständigkeit des Gegenstands innerhalb der Wechselwirkungen bzw. dem Vergleich mit anderen.

Ich brauche kein Verbot von Strukturen, keine absolute „Entstrukturierung“, denn dann wäre ich dem unbeeinflussbaren Spiel von Aktionen und Reaktionen hilflos ausgeliefert. Und ich verstehe die Suche nach Keimformen keinesfalls als „Installation neuer Formgesetze“. Im Unterschied zu vielen Studien alternativer Wirtschafts- und Lebensformen, die eine Sammlung „guter Regeln“ zu erstellen suchen, ist in dem Diskussionskontext derer, die sich am „Keimform“-Konzept orientieren, nie ernsthaft auf diese Weise positivistisch vorgegangen worden (Mehr dazu im Beitrag von Stefan Meretz). Falls jemand in dieser Weise denkt (denn wir schleppen ja alle genügend veraltete Denkformen mit uns rum), wird aus dem konzeptionellen Gehalt heraus meist sofort interveniert. Wenn das nicht genügend gelingt, sollte direkt darauf aufmerksam gemacht werden, aber durch ein Begriffsverbot werden wir dem Problem kaum aus dem Wege gehen können.

Viele Begriffe, deren Entwicklung wichtige Leistungen der menschlichen Kulturgeschichte waren, wurden im Kapitalismus aufgrund der beschränkten gesellschaftlichen Praxis um mögliche Bedeutungsmomente beschnitten. Sollen wir deswegen das Kind mit dem Bade ausschütten, auf die über den Kapitalismus hinausweisenden Bedeutungsgehalte verzichten? Vertiefen wir die Enteignung durch Selbstentblößung noch weiter? Ernst Bloch erinnert gerade beim Formbegriff an seinen den derzeitigen Gebrauch übersteigenden Gehalt:

„Nichts wäre falscher, als die Form leer zu nennen. Dergleichen wurde erst behauptet, nachdem der Tauschwert wachsend den inhaltlichen Gebrauchswert eines Dings aufzufressen begann. Und infolgedessen man formal, also inhaltsleer nannte, was vorbürgerlich als Form gerade stärkst inhaltlich geladen war.“ (Bloch, Experimentum Mundi, S. 156)

Werfen wir solche Begriffe also nicht weg, sondern eignen sie uns kritisch an, schöpfen ihren bereits erzeugten Gehalt voll aus und entwickeln sie weiter.

Advertisements