Die Sonnensteuer

Man hat ja oft gewitzelt über die „Steuer fürs Luftholen“: Jetzt ist es mit dem Licht so weit. Wer mit eigenen Solaranlagen seinen Strombedarf befriedigt, soll über 3 Cent pro Kilowattstunde bezahlen (Quelle). Damit geht ein wesentlicher Vorteil der erneuerbaren Energien, dass die „Rohstoffe“, also im wesentlichen Sonne und Wind, bisher „umsonst“ waren, verloren. Die Industrie wird natürlich wieder begünstigt, für sie kostet eine kWh selbst produzierter Solarstrom nur 1 Cent. (Nur Kleinsterzeuger mit einer Leistung bis zu 10 kW sollen davon ausgenommen werden).

Diese Sonnensteuer ist wohl der offensichtlichste Skandal in der „Energiewende“ weg von Erneuerbaren hin zu den Fossilen.

Begründet wird diese Ungeheuerlichkeit mit der angeblichen Sorge um die steigenden Strompreise, die angeblich vor allem durch die EEG-Umlage angetrieben werden. Kommen wir als zum derzeit wohl am meisten diskutierten Thema der Wende von der Energiewende. Kommen wir zu den Strompreisen.

Strompreispoker

Wenns an die Geldbörse geht, schweigt das ökologische Gewissen schnell. Auch wenns um den Klimawandel geht, ist uns das Hemd näher als der Rock… Die steigenden Strompreise sind deshalb ein gutes Argument, vor dem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien als „Preistreiber“ zu warnen.

Sogar wenn dies stimmen würde, gäbe es genug Argumente, lieber jetzt die Kosten der Umstellung auf eine zukunftsfähige Energieversorgung auf uns zu nehmen, als in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die Folgen des Klimawandels ertragen zu müssen.

„Die Mehrkosten für die Erneuerbaren Energien von heute sind vermiedene Umweltschäden und niedrige Energiekosten von morgen“ (Hermann Scheer 2004)

Es wird eingeschätzt, dass bei fortlaufendem Klimawandel in diesem Jahrhundert Schäden entstehen können, die 5% bis sogar 20% des Bruttosozialprodukts der Weltökonomie auffressen werden. (Quelle) Das Problem besteht nur darin, dass die Schäden nicht als Folge der jetzigen Wirtschafts- und Lebensweise, insb. der vergangenen und gegenwärtigen Energienutzungsweise betrachtet werden und auch meist zuerst nur einzelne Menschengruppen treffen, die selbst nicht unbedingt die Verursacher dieses Energieverbrauchs sind.

Aber bleiben wir mal beim angeblichen Preisauftrieb durch die Erneuerbaren. Es ist ja wirklich schwer zu verstehen, wieso ein Produkt, bei dem die Hauptrohstoffe, nämlich Sonne und Wind, kostenlos sind, den Strom so verteuern soll.

„Man kann sich kaum vorstellen, dass Strom dadurch teuer wird, dass billiger Strom eingespeist wird.“ (Quelle)

Dieses Argument wird gestützt durch den konkreten Preisbildungsmechanismus für die Strompreise an der Spotmarktstrombörse. Das Konzept, nach dem sich eine Preissenkung mit mehr erneuerbaren Energien ergeben sollte, beruht auf dem Merit-Order-Effekt. Um einige der folgenden Bilder zu verstehen, sollte dieser Effekt bekannt sein (siehe dazu z.B. die Filmchen hier und hier).

Strompreissenkung durch Erneuerbare über den Merit-Order-Effekt

Dabei wird ein Diagramm verwendet, bei dem auf der x-Achse die Menge an angebotenem Strom aufgetragen ist, auf der y-Achse der Preis. Die Angebote von Energie aus unterschiedlichen Quellen mit typisch unterschiedlichen Kosten ihrer Brennstoffe werden jeweils in Form von Vierecken auf der x-Achse so angeordnet, dass die Quellen mit niedrigeren Kosten links stehen, die mit höheren dagegen rechts. Genau genommen wird mit den Grenzkosten gearbeitet, also jenen Kosten, die durch die Produktion einer zusätzlichen Produkteinheit entstehen. Erneuerbare Energien werden ganz links angeordnet. Dies ist nicht so, weil ihre „Brennstoffe“, also Sonne und Wind, umsonst geliefert werden. Derzeit würden ihre Grenzkosten so hoch sein, wie die an die Betreiber gezahlten Einspeisevergütungen, also wesentlich höher als die Grenzkosten der Braun- und Kernkraftwerke. Es ist eine politische, eine ökologisch motivierte Entscheidung, diese Kosten auf die Stromkunden umzulegen und den Strom kostenlos an der Börse anzubieten. (Bilder leicht verändert aus einem Film vom SFV Deutschland): Dadurch liegen die Erneuerbaren in der Merit Order ganz links und danach folgen die Kraftwerke mit jeweils höheren Grenzkosten.

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Abb.2: Merit-Order-Angebotskurve an der Strom-Spotmarktbörse

Diese Angebotskurve wird mit der Nachfragekurve (hier vereinfacht dargestellt) kombiniert:
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Abb. 3: Nachfragekurve an der Strom-Spotmarktbörse

Der Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve ergibt den Börsenpreis:
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Abb. 4: Bildung des Spotmarktbörsenpreises für Strom

Je mehr erneuerbare Energien eingespeist werden, desto mehr traditionelle Energiequellen verschieben sich quasi weiter nach rechts und werden nicht mehr einbezogen. Die Preise sinken: Im ersten Halbjahr 2013 vervierfachte sich die Anzahl der Niedrigpreisstunden (Mayer, Kreifels, Burger 2013: 6):

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Abb. 5: Anstieg der Niedrigpreisstunden für Strom

Seit 2013 übersteigen die Einsparungen über den Börsenstrompreis auch bei den Futures (Preise für später gelieferten Strom) die EEG-Umlage (Quelle):

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Abb. 6: Entwicklung von EEG-Umlage und Börsenstrompreis (Futures)

Allerdings werden die Einsparungen von den Energieversorgern nicht vollständig an die Endkunden weiter gegeben und es gibt auch Effekte, wodurch sich durch sinkende Börsenpreise die EEG-Umlage wieder erhöht (siehe unten: Differenzpreise).

Trotzdem hat der Merit-Order-Effekt im Jahr 2010 bereits eine Senkung des Börsenstrompreises von 0,5 ct/kWh ermöglicht, das entspricht einer entlastenden Wirkung von ca. 2,8 Mrd. Euro. Für besonders stromintensive Unternehmen könnte diese Entlastung, verbunden mit der für sie geltenden starken Senkung der EEG-Umlage bereits zu einer Kostensenkung geführt haben. Vorsichtig formuliert:

„Selbst bei kritischer Betrachtung kann davon ausgegangen werden, dass Unternehmen, die in vollem Maße von der Begrenzung der EEG Umlage auf 0,05 ct/kWh im Rahmen der besonderen Ausgleichsregelung profitieren, derzeit keinen finanziellen Schaden durch das EEG erleiden.“ (Sensfuß 2010: 14)

Für die anderen Stromkunden kann die Preissenkung durch den Merit-Order-Effekt von 0,5 ct/kWh die EEG-Umlage von ca. 2 ct/kWh jedoch noch nicht kompensieren.

Die großen Energieerzeuger können Zusatzerlöse erzeugen, indem sie einfach Kraftwerke „zurückhalten“. Dies zeigt das folgende Bild:

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Abb. 7: Zusatzerlös beim „Zurückhalten“ eines Kraftwerks (Quelle)

„Gäbe es keine marktbeherrschende Stellung der Stromkonzerne, entspräche der Preis den Grenzkosten des letzten jeweils zum Einsatz kommenden Kraftwerks. (ebd., S. 9)

Letztlich handeln an der Börse nicht die Endkunden. Im Großhandel zeigt sich, dass eigentlich alle Marktteilnehmer, zumindest „die große Mehrzahl“, so sagt es die „Einführung in den Stromgroßhandel“ ausdrückt, „Interesse an hohen und steigenden Preisen“ hat (Stromerzeuger, Händler, spekulative Händler, Importeure).

„Das Interesse des Endverbrauchers nach niedrigen Strompreisen kann unter diesen Randbedingungen kaum umgesetzt werden.“ (ebd.)

Ein weiterer Effekt, der die Preise hochhält, ist der Stromexport. Wenn die Nachfrage im Inland nicht ausreicht, um die Preise hoch genug zu halten, so wird der Strom halt exportiert. Der ungefähr vervierfachten Zahl an Niedrigpreisstunden von 2012 auf 2013 steht eine Vervierfachung des Exports gegenüber (Mayer, Kreifels, Burger 2013: 11). In den Niedrigpreiszeiten wurde Strom im Handelswert von -1,2 Millionen Euro an Abnehmer im Ausland geliefert.

Interessant ist, dass alle Anbieter, die links von der Nachfragekurve stehen, den gesamten Börsenpreis bekommen, also mehr als ihre Grenz-/Brennstoffkosten. Bevorteilt werden davon ausgerechnet die Kernkraft und die Braunkohle! Kernkraft muss sowieso mit anderen Argumenten und politischen Entscheidungen reduziert werden.

Braunkohle statt Gas?

Im Jahr 2013 kam es zu einer fatalen Verdrängung der Gas- und Dampfkraftwerke zugunsten der Braunkohle. Die Braunkohle ist erstens direkt umweltschädlich, andererseits bedient sie wiederum die zentralistischen Strukturen, die den Aufbau der dezentral orientierten Vernetzung blockieren. Seit 1990 wurde nicht mehr so viel Braunkohlestrom in Deutschland produziert wie 2013. Gas- und Dampfkraftwerke dagegen werden dringend in einer dezentral-vernetzten, flexibel auf das Aufkommen der erneuerbaren Energien reagierenden Struktur benötigt. Wie hier erläutert wird, werden vor allem die Leistungsspitzen der Solarenergie als Argument verwendet, um die Abschaltung von GuD-Kraftwerken zu rechtfertigen. Die wirkliche Konkurrenz besteht aber nicht zwischen Sonne- und GuD-Energie, sondern zwischen Braunkohle und GuD (vgl. auch die ausführliche Studie von Mayer, Kreifels, Burger 2013). Außerdem gilt:

„Die Betreiber der Grundlastkraftwerke haben großes Interesse am Wegfall der GuD Kraftwerke, da der Börsenpreis dadurch steigen wird.“ (ebd.) (siehe die Erklärung hier)

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Abb. 8: Beim Wegfall von GuD-Kraftwerken steigt der Börsenpreis

Der Grund für diese Verdrängung der Gaskraftwerke durch Braunkohle ist aber nicht nur im Merit-Order-Effekt zu suchen, sondern in recht niedrigen Brennstoffkosten und geringen Preisen für Emissionszertifikate.

Eine bessere Merit-Order-Kurve würde im Angebot die braune Linie durch die blaue ersetzen:

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Abb. 9: Alternative Merit-Order-Kurve (leicht verändert nach SFV e.V.)

Bei der Fortsetzung des derzeitigen Trends zu mehr Braunkohle(kraftwerken) wird dagegen eine Situation geschaffen, in der wir zwei nicht kompatible, parallele Stromversorgungssysteme bezahlen müssen. Darauf kommen wir weiter unten noch einmal ausführlicher zurück.

Hier gehts weiter…


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