Wenn man sich die Merit-Order-Strompreisbildung anschaut, so zeigt sich (hier speziell für den Intradaymarkt, also eine Form des kurzfristigen Handels bis zu einer Dreiviertelstunde vor der Lieferung) eine deutliche Preissenkung für sonnenstromintensive Zeiten:


Abb. 10: Sinken des Strommarktpreises mit wachsendem Stromangebot (PHOTON August 2011)

Ganz allgemein wird deshalb erwartet:

„Da viele EE variable Kosten von nahe Null haben, verdrängen sie Stromerzeugung aus konventionellen Kraftwerken mit vergleichsweise hohen variablen Kosten aus der Merit-Order, so dass in Stunden mit hoher EE-Einspeisung Kraftwerke mit niedrigeren variablen Kosten preissetzend werden.“ (Fürsch et al, 2012).

Die folgende Abbildung zeigt im oberen Teil den Verlauf von Stromerzeugung und Börsenstrompreisen. Auffallend ist der hohe Anteil an Export und auch die negativen Preise am 24.3.2013. Im unteren Teil wird gezeigt, aus welchen Energieträgern in dieser Zeit die Energie produziert wurde. Auch hier fällt auf, dass Stein- und Gaskraftwerke ihre Leistung reduzieren, während Kern- und Braunkohlekraftwerke munter weiterlaufen.

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Abb. 11: Verlauf von Börsenstrompreis, Stromerzeugung und Verteilung nach Energieerzeugern Mayer, Kreifels, Burger 2013: 10)

Wem die Erneuerbaren schaden

Wenn mehr erneuerbare Energien in der Strombörse vermarktet werden, wird der erzielbare Börsenpreis kleiner und die Deckungsbeiträge für die rechts in der Merit-Order-Kurve folgenden Kraftwerkstypen werden kleiner, d.h. auch die Gewinne. Das folgende Bild zeigt diesen Effekt:

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Abb. 12: Verringerung des Strompreises bei mehr Solar- und Windkraft (aus Wirth 2014: 13)

Im Jahr 2011 führte die zusätzliche Einspeisung von 1 GW PV-Strom beispielsweise zu einem Sinken des Spotpreises um durchschnittlich 82 ct/MWh (ebd.). (Andere Ursachen der Preissenkung waren zusätzlich gesunkene Kohlepreise und überschüssige CO2-Zertifikate).

Es lässt sich leicht voraussagen, dass die betroffenen Unternehmen das Wachstum der erneuerbaren Energien aus ökonomischen Gründen nicht gern sehen (können). Nicht umsonst wird auch in einer „Einführung in den Stromgroßhandel“ geschrieben:

„Die große Mehrzahl der Marktteilnehmer im Großhandel hat Interesse an hohen und an steigenden Preisen.“

Ist Erneuerbare Energie nicht knapp?


Stefan Meretz berichtete von einem Workshop der Böllstiftung
zu diesem Thema. Angesichts des bisher geschilderten Merit-Order-Preisbildungsmodells entstand dort die Frage: „Was passiert, wenn die komplette Stromversorgung aus EE erbracht werden würde? Wenn wir 100% Strom aus EE hätten?“ Als Antwort wird argumentiert:

„Wenn sich die »EE-Treppenstufe« so weit nach rechts verbreitert, dass sie die Nachfrage schneidet (das wäre die 100%-Versorgung), dann läge auch der Preis ganz weit unten, nahe Null. Kann das sein? Ja, das kann nicht nur sein, sondern das ist so. So funktioniert Marktwirtschaft. Oder eben nicht. Denn Marktwirtschaft geht immer von knappen Gütern aus. Mit unknappen, reichlich vorhandenen Gütern kann sie nicht umgehen.“

Das nicht knappe Gut sind hier nun die erneuerbaren Energien. Wenn einmal eine PV-Anlage vorhanden ist, kostet ihr Betrieb nicht mehr, wenn zusätzliche Energie aus Sonnenenergie in Strom umgewandelt wird, die „Grenzkosten“ sind also Null. Es scheint nun so, als würde diese Eigenschaft der erneuerbaren Energien, wie auch im Fall der Information, die nicht knapper wird, wenn man sie teilt und weitergibt, die Ökonomie des Kapitalismus, die auf Knappheiten beruht, automatisch aushebeln.

„Gut. Warum? Weil die Sonne die große Schenkerin ist und sich um die marktwirtschaftliche Knappheitdogmatik nicht schert.“ (ebd.)

Stefan berichtet, dass auf dem Böll-Workshop niemand so recht mit dem entstehenden „Paradoxon“ umgehen konnte. Stefan kritisiert nun, dass auf dem Workshop niemand in der Lage gewesen sei, „jenseits der Marktlogik“ zu denken. Diese Kritik mag von einem grundsätzlich antikapitalistischen Standpunkt aus richtig sein (und in dieser Beziehung teile ich sie auch) – allerdings ist die Freude über den Merit-Order-Effekt zu voreilig. Sie nimmt einen kleinen Teil des Zusammenhangs der Strompreisbildung für das Ganze und leitet daraus ungerechtfertigte Folgerungen ab. (Ich hatte dazu schon versucht, einige ergänzende Gedanken in die Diskussion zu bringen) .

Stefan stellt das Ganze so dar, als würde der geschilderte Preisbildungsmechanismus dem Prototyp einer marktwirtschaftlichen Preisbildung entsprechen und befürchtet „politische Preise“ als Gegenreaktion gegen die marktwirtschaftlich ungünstige Verbilligung des Stroms. Dabei ist ausgerechnet der Merit-Order-Markt ein politisch gesetzter. Er wurde mit Absicht so gestaltet, dass er die erneuerbaren Energien bevorzugt (wegen der Einspeisevergütung sind ihre Grenzkosten recht groß, aber es gilt ein politisch gesetzter Einspeisevorrang der erneuerbaren Energien). Schon das zeigt, dass es eigentlich gar keinen Markt gibt ohne entsprechende politische Regulierung und auch, dass es immer Alternativen gibt – das Kräfteverhältnis entscheidet innerhalb des kapitalistischen Rahmens sehr viel über den letztlich gewählten Rahmen.

Weiterhin gilt der beschriebene Preisbildungsmechanismus direkt für weniger als die Hälfte des gehandelten Stroms. Auf die längerfristigen Terminmärkte wirkt er nur indirekt, dessen Preise werden aber meist über dem Spotmarktpreis liegen, weil hier insbesondere Risiken ausgeglichen werden und angesichts der Volatilität der erneuerbaren Energien besteht daran ein großes Interesse.

Ein weiterer grundsätzlicher sachlicher Unterschied zwischen der „kostenlosen“ Energie und nicht knapper Information besteht darin, dass zwar die energetischen Quellen (die „Brennstoffe“) der erneuerbaren Energien nicht wirklich knapp sind, aber eine Solaranlage auch nicht unendlich lange arbeitet und z.B. Biomasse wie alles in der Agrarwirtschaft angebaut und verarbeitet werden muss. Alle Aufwendungen zum Einsammeln der stark „verstreuten“ erneuerbaren Energie und dann auch wieder ihrer Verteilung fallen immer wieder an und müssen laufend ersetzt werden. Natürlich wird es in einer nichtkapitalistischen Welt z.B. über Commons möglich sein, dies untereinander ohne Kapital und wohl auch ohne Geld zu regeln. Aber die Energie ist eben nicht umsonst zu haben, der Zugang zu nutzbarer erneuerbarer Energie ist durchaus begrenzt. Die scheinbare große Verfügbarkeit der erneuerbaren Energiequellen (Sonne, Wind…) ist deshalb jedenfalls nicht das schlagende Argument gegen den kapitalistischen Umgang mit ihr.

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