Hiddinghausen 2014_4 Unsere Lebensführung spielt sich jedenfalls noch in einer besonderen gesellschaftlichen Form ab, die mit dem Wort „Kapitalismus“ zu kennzeichnen ist. In dem ersten Input wurde ausgeführt, inwieweit der sich als Dominanz der Exklusionslogik zeigt.

Bei der In- und Exklusion geht es jeweils um einen Ein- und Ausschluss von Einzelnen oder Gruppen. Dabei kann man nicht davon ausgehen, dass Inklusion und Exklusion starr voneinander getrennt wären und etwa dem Kapitalismus die Exklusion entspräche und der freien Gesellschaft die Inklusion. Nein, letztlich sind sie keine getrennten Zustände, sondern sie „bilden ein (meistens dynamisches) Verhältnis“. Im Kapitalismus jedoch ist die Inklusion der Exklusion untergeordnet. Inklusion ist häufig Mittel zur erfolgreichen Exklusion (man tut sich im Internehmen zusammen, um gegen andere zu konkurrieren; die Gemeinschaft der Familie schließt andere Beziehungsformen aus…). Typisch für den Kapitalismus ist jedenfalls ein dynamisches Verhältnis von In- und Exklusion, bei dem sich die einen systematisch auf Kosten der anderen durchsetzen.

Dieser Logik kann sich niemand von uns entziehen, auch beim besten Willen und guten Absichten nicht. Wer einen Arbeitsplatz ergattert, nimmt ihn jemandem anders weg… Das Geld, mit dem ich mein Brot bezahle, fehlt jemandem anderen. Als Aussteigerin wird der Anteil, mit den ich auf Kosten anderer lebe, viel geringer, aber schon dass ich hier in Deutschland als Aussteigerin leben darf, beruht auf dem Besitz meines Passes, der anderen vorenthalten wird usw. usf..

Durch meine Beteiligung an dieser Struktur, deren Folgen ich ablehne, macht mir das Leben nicht einfach. Die Widersprüchlichkeit dieser Gesellschaft vollzieht sich nicht nur zwischen den Klassen, nicht nur zwischen den verschiedenen inkludierenden Strukturen und zwischen den Ein- und Ausgeschlossenen, sie gehen durch mich selbst hindurch. Eine Form dieser inneren Widersprüchlichkeit ist der ständige Widerstreit zwischen Bestrebungen, die über diese Gesellschaftsform hinausweisen (Emanzipation, Selbstentfaltung) und denen, mit denen ich noch in sie verstrickt bin (ich muss z.B. mein Leben „unterhalten“, brauche dafür Geld und meist auch Arbeit, in der ich mein Tun selbst verwerten muss). Wir können zwar das derzeitige System ablehnen (die Brechtsche Klugheit zweiter Art), aber wir müssen dabei auch zu Abend essen und brauchen noch die Brechtsche Klugheit erster Art. Diese Widersprüchlichkeit ist auch ein Hauptproblem meiner Lebensführung im Kapitalismus – wir werden bei der Arbeitsgruppenarbeit darauf zurückkommen.

Die Exklusionslogik ist keine Struktur, die auf reinen Willensentscheidungen beruht, sondern auf einer spezifischen historischen Form, wie wir Menschen uns in dieser Gesellschaftsordnung in Bezug auf Sachen zueinander verhalten. Dies zielt auf den Begriff des Privateigentums ab. Beim Eigentumsbegriff geht es um Beziehungen, „die bestimmen, wer sich welche der produzierten gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten aneignen kann“ (M. Brie). Und diese sind die Grundlage für die dominierende Exklusionslogik. In der Eigentumsform des Privateigentums, speziell an den Produktionsmitteln, ist sie zu einer Struktur geronnen, die man als einzelne Person oder auch Gruppe nicht einfach ausschalten kann.

Hier wieder abschließend eine Einschätzung von meiner Seite dazu:

Die Betonung auf das jeweilige Wechselverhältnis von In- und Exklusion ist eine wichtige Bereicherung der Vorstellungen über den Kapitalismus, wenn man seine vielfältigen Vermittlungen in den Blick bekommen will. Gleichzeitig darf man aber nicht aus den Augen verlieren, dass das Verhalten des Ex- oder Inkludierens nicht lediglich eine wählbare Verhaltensweise Einzelner ist. Philosophisch würde man hier darauf verweisen, dass der Unterschied zwischen Verhalten und Verhältnissen zu beachten ist. Verhalten verwirklicht stets eine der möglichen Beziehungsmöglichkeiten des sich Verhaltenden, es könnte auch andere Verhaltensformen geben. Verhältnisse jedoch sind übergreifend, sie bestimmen die Formen, in denen sich die menschliche Tätigkeit vollzieht. Die Thematisierung der In- und Exklusion als „Logik“ versucht diese Formbestimmungen ebenfalls zu kennzeichnen.

Leider ist der Verhältnis-Begriff von Marx selbst noch nicht ausreichend bestimmt worden. S. Wagenknecht spricht von Verhältnissen als „objektiv-gegenständlichen Vermittlungsprozessen“. Wir haben hier dasselbe Problem wie bei dem Formbegriff: Bildet nur der Kapitalismus, in dem die gesellschaftlichen Gesamtstrukturen den einzelnen Individuen aufgrund des Privateigentums an Produktionsmitteln unzugänglich (und damit in spezifischer Weise „entfremdet“) sind, „Formen“ und „Verhältnisse“ aus? Wäre die freie Gesellschaft dagegen „formlos“ (wie F. Schandl annimmt) und gäbe es keine Verhältnisse mehr, die das Verhalten über die zwischenmenschlichen Koordination hinaus bedingen und bestimmen? Das philosophische Problem besteht hier darin, dass unsere übliche Denklogik etwas Allgemeines meist als subsumierendes, im übertragenen Sinne also „unterdrückendes“ Übergeordnetes kennt, und eben nicht als gemeinsame Ermöglichungsgrundlage.

Zu dieser Fragestellung siehe auch:

Über Vorstellungen zur nachkapitalistischen, freien Gesellschaft, deren „Logik“, die maßgeblich vom Commoning bestimmt wird und zur Transformation entsprechend dem Keimform- 5-Schritt-Modell möchte ich hier nichts weiter ausführen, sondern auf die entsprechenden Links verweisen. Auf jeden Fall sind auch hier Exklusionen nicht ganz ausgeschlossen. Denn der Umgang mit den Commons bedeutet für Commoner auch, sich innerhalb bestimmter Gruppen an selbst vereinbarte Regelungen zu halten, was andere, die anders vorgehen, auch ausschließt. Allerdings ist die Exklusion hier der Inklusion untergeordnet. Die Inklusionslogik ist ein „dynamisches Verhältnis von In- und Exklusion, bei dem die Selbstentfaltung eines jeden die Bedingung für die Entfaltung aller ist“.

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