Im Zusammenhang mit der Suche nach Praxisbezügen der Kritischen Psychologie bin ich schon vor Jahren in einem Seminar auf die “Erinnerungsarbeit” nach Frigga Haug gestoßen. Wir haben in diesem Seminar die Methode ausprobiert und danach habe ich mich durch ihre Texte dazu gelesen. Erinnerungsarbeit

Das Wichtigste möchte ich jetzt zusammenfassen, damit es aufgenommen werden kann in die neueren Versuche, Soziale Selbstverständigung zu praktizieren.

Die Erinnerungsarbeit nach Frigga Haug betrifft nicht die geschichtliche Erinnerung, sondern ist eine Methode, die eigene Person und das eigene Handeln im gesellschaftlichen Kontext besser zu verstehen, um Behinderungen und Beschränkungen überwinden zu können.

Erinnerungsarbeit – Kritisch Psychologisch inspiriert

Konzeptionell war die Kritische Psychologie nach Klaus Holzkamp, an deren Entwicklung Frigga Haug beteiligt war, der Ausgangspunkt für die Methode der Erinnerungsarbeit.

Frigga Haug betonte folgende Inhalte der Kritischen Psychologie als bedeutsam für ihre Arbeit (2001):

  • Die zentralen Begriffe sind so gebaut, dass jede Erkundung menschlicher Gefühle, Haltungen, Bedeutungen und Erfahrungen den forschenden Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen zieht.
  • Begriffe sind in Gegensätzen formuliert, Gegensätze geben Spannungsrahmen an, in dem menschliche Entwicklung zu denken ist.
  • Die Kritische Psychologie macht mit der Vorstellung ernst, dass die Menschen die Verhältnisse, in denen sie leben, mit-produzieren.
  • Menschen werden deshalb nie als bloße Opfer, sondern stets als Menschen mit alternativen Handlungsmöglichkeiten gedacht.

Als Individuum können wir uns gedanklich und praktisch einerseits den gegebenen Verhältnissen durch Unterordnung anpassen, andererseits können wir über sie hinaus streben. Beides brauchen wir, um unser Leben zu meistern, wie es Bertold Brecht mit den „zwei Klugheiten“ formulierte: Wir brauchen die Klugheit, uns dem Chef unterzuordnen, um das Geld für das Abendbrot zu verdienen. Es gibt eine zweite Art Klugheit: Das System der Chefs abzuschaffen. Aber um dies zu tun, brauchen wir immer noch die erste Klugheit, denn wir müssen bis dahin auch zu Abend essen…

Beide Denk- und Verhaltensweisen durchmischen sich ständig und der Alltag, der sich zumeist ums Geld, das Abendessen und den Willen des Chefs dreht, macht es mir schwer, die Distanz oder gar Kritik zu dieser Art zu leben aufrecht zu erhalten. Womöglich ist dies schon so verschüttet, dass ich kaum noch einen Zugang dazu finde. Es mag auch Zeiten und Situationen geben, wo ich selbst so in die Verhältnisse verstrickt bin, dass ich an der Unterordnung anderer profitiere und daran nicht denken mag.

Frigga Haug wurde auf diese Konstellation aufmerksam, als sie die Situation von Frauen durchdachte. Häufig werden sie nur als Unterdrückte, als Opfer des Patriarchats gesehen. Aber mal ehrlich: Viele Bessergestellte nutzen die Arbeit von schlechtbezahlten Reinemachfrauen durchaus gerne aus und nicht nur dies… Wir wollen es nicht, aber viele von uns profitieren von Über- und Unterordnungsstrukturen, von Ausgrenzungen und Einschließungen, die Machtgefälle beinhalten und auf struktureller Gewalt beruhen. Und wir können ihnen im Alltag nicht mal wirklich dauerhaft entgehen. Möchten wir das immer wissen und bedenken?

Die These, dass Frauen nicht nur Opfer sind, sondern sich beteiligen an den Unterdrückungsstrukturen, verschaffte Frigga Haug nicht nur Freundinnen, eher weniger…

Wie nun können wir nun mit dieser unhintergehbaren Widersprüchlichkeit (der beiden Brechtschen Klugheiten) umgehen?

Wir lasen gerade, dass in die Begriffe der Kritischen Psychologie die Gegensätze hineinformuliert sind, denken wir nur an die Unterscheidung von „verallgemeinerter“ und „restriktiver Handlungsfähigkeit“. Zu diesen Begriffen gehört auch, dass sie nur für je meine Selbstverständigung gedacht sind, nicht zur Beurteilung anderer Menschen. Ich selbst kann bei der Begründung meiner Handlungen jeweils Anteile an verallgemeinerten und an restriktiven Mustern finden. Wenn ich auf Probleme und Widersprüche in meiner Lebensführung stoße, kann ich sie durch diese Begriffe besser verstehen.


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