Wir reden schnell von Handlungsgründen, aber uns ist oft nicht bewusst, dass wir damit auf eine Entscheidungsfreiheit verweisen, die sich deutlich unterscheidet von einem ebenfalls allgegenwärtigen Bedingtheitsdenken. Gerade das oben erwähnte Opferschema geht z.B. davon aus, dass die Opfer unter den gegebenen Bedingungen Opfer sein müssen. Die Bedingungen führen zu diesem oder jenem Handeln, eigentlich nur zur bestimmten Reaktionen. Die Kritische Psychologie setzt gegen diesen Bedingtheitsdiskurs den sog. Begründungsdiskurs. Natürlich gibt es in letzter Instanz objektive Bedingungen für menschliches Handeln. Menschen setzten sich dazu jedoch in ein bewusstes Verhältnis, sie entscheiden, ob und wie sie sich den Bedingungen anschmiegen bzw. sie zu verändern suchen. Dies geschieht über mehrere Vermittlungsebenen. So sind die objektiven Bedingungen von den Bedeutungen zu unterscheiden, die diese für das jeweilige Individuum haben. Die Begründungen sind im Unterschied zu den Bedingungen jeweils nicht von außen zu ergründen und zu erklären, sondern dies kann nur das Individuum selbst nachvollziehen. Kritisch-Psychologische Praxis kann deshalb nur eine intersubjektive Praxis sein, niemals von Experten für andere gemacht werden.

Der Subjektstandpunkt der Kritischen Psychologie beinhaltet auch, dass es der menschlichen Subjektivität nicht angemessen ist, wenn eine andere Person stellvertretend für das Subjekt Gründe ermittelt oder gar beurteilt. Trotzdem können wir uns gegenseitig über unsere Handlungsgründe verständigen und da wir in derselben Welt mit denselben objektiven Bedingungen leben sollten sich bei solchen Verständigungen gemeinsame Möglichkeitsräume, z.B. beim Umgang mit den „verallgemeinerten“ und den „restriktiven“ Richtungen der jeweiligen Begründungen und Handlungen zeigen.

Dies bedeutet aber nicht, dass Kritisch-Psychologisch orientiertes intersubjektives Verständigen auf das Zur-Kenntnis-Nehmen und Verallgemeinern der Einzelberichte beschränkt sein muss. In einer Atmosphäre, in der keine Konkurrenz-Bedingungen gesetzt sind, sondern unterstützende Strukturen, können die Beteiligten auch erkennen, wo sie selbst in ihren Begründungen sich widersprechen und in ihrer Entfaltung behindern. Aus der Verständigung kann eine produktive Selbstkritik entstehen.

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